Poetry-Slam-Weihnachtsspecial im Schlachthof / Gelungener Abend trotz mancher Längen Punkte sind Nebensache

Vier Tage vor Heiligabend fahren die Veranstalter des „Slammer-Filets“ mit einem stark besetzten Dichterwettstreit auf, der die Kesselhalle im Schlachthof beinahe zum Platzen bringt. 700 Zuschauer erleben einen Slam mit all seinen Tücken und großen Momenten.
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Punkte sind Nebensache
Von Klaas Mucke

Vier Tage vor Heiligabend fahren die Veranstalter des „Slammer-Filets“ mit einem stark besetzten Dichterwettstreit auf, der die Kesselhalle im Schlachthof beinahe zum Platzen bringt. 700 Zuschauer erleben einen Slam mit all seinen Tücken und großen Momenten.

Platz ist in der kleinsten Hütte. Das Wortspiel liegt auf der Hand, und Moderator Sebastian Butte lässt es sich zu Beginn des Weihnachtsspecials der Poetry-Slam-Reihe „Slammer-Filet“, nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass die aus allen Nähten platzende Kesselhalle ihrem Namen alle Ehre mache. Die Bude brennt, bevor die Weihnachtsausgabe des Slams mit halbstündiger Verspätung beginnt.

Der wohl größte Bremer Poetry Slam aller Zeiten fährt hochdekorierte Gäste auf. Darunter der deutschsprachige Meister von 2011, Nektarios Vlachopoulos, die deutschsprachige U-20-Meisterin von 2012, Jule Weber aus Nürnberg, der Vorjahresmeister aus Baden-Württemberg, Tobias Gralke, die lokalen Slammer Annika Blanke und Julia Engelmann.

Die Messlatte für einen gelungenen Abend im Zeichen des gesprochenen Wortes liegt hoch. Nicht zuletzt auch, weil mit Patrick Salmen so etwas wie der Popstar der Szene außer Konkurrenz als Feature Poet den Abend begleitet. Sichtlich genussvoll gibt er zu Beginn und nach der Pause den Entertainer. Dabei liest der 28-Jährige auch seinen vielleicht bekanntesten Text „Rostrot, Kupferbraun, fast Bronze“ vor – über das Verständnis von Männlichkeit, über Beziehungen und Verletzlichkeit – alles aufgehängt am Thema des Vollbartes. Das Publikum ist begeistert. Die Zuschauer haben überhaupt feine Fühler für die Bandbreite an Themen und Darstellungsformen der vorgetragenen Texte an diesem Abend.

Tobias Gralke zum Beispiel bringt den Saal zum Schweigen. Der Freiburger hat die volle Aufmerksamkeit. 700 Menschen, dicht gedrängt, hängen an seinen Lippen, als er eine Mut machende Geschichte anstimmt, die sich gegen das Stehenbleiben nach erfahrenem Leid wendet. Die sprachliche Gestaltung, von Assonanzen und cleveren Reimen geprägt, zeigt wunderbaren Sprachfluss auf, der nie zulasten des Inhalts geht. Gralke erntet den bis dahin ergriffensten Applaus des Abends.

Doch die sieben zu Beginn zufällig aus dem Publikum ausgewählten Juroren bedenken ihn nicht mit genügend Punkten. Es reicht nicht zur Finalteilnahme. Aber auch das ist Teil eines Poetry Slams – die Meinung des Publikums stimmt nicht unbedingt mit der der Juroren überein.

So stehen am Ende Vlachopoulos, Thomas Langkau, Annika Blanke und Florian Wintels im Finale. Die Ergriffenheit von Thomas Gralkes Text wird von Langkau noch einmal überboten, indem der Zuhörer in die Rolle des Ich-Erzählers entführt wird, der selbst nur mit Schweigen und Sprachlosigkeit aufnehmen kann, was ihm ein über das Mittelmeer geflüchteter Ghanaer im Hamburger Stadtpark über die Flucht und seine Ankunft in Deutschland erzählt. Es ist ein emotionaler Schlusspunkt, der nachdenklich stimmt ob der Kritik an der deutschen und speziell hamburgischen Asylpolitik.

Plötzlich will das Weihnachts-Tamtam nicht mehr so recht ins Bild passen, weil deutlich wird, dass Slam Poetry über Unterhaltung und Sprachwitz hinausgehen kann. Dieser Vielfalt aber durch einen passenden Rahmen und eine gerechte Bewertung Herr zu werden, ist eine Herausforderung. Es wird deutlich: Gewinner gibt es nur pro forma. Dennoch wird um viertel vor zwölf auch ein Sieger gekürt.

Der junge Florian Wintels aus Bad Bentheim ist ein durchaus würdiger Sieger. Denn er schafft es, beide Ebenen zu verbinden – die unterhaltsame und die hintersinnige. Das gelingt ihm, indem er seine Ich-Erzähler kathartisch zum Erkenntnisgewinn bringt, wobei die Themen wie der Wert des Lebens oder menschliche Fehler, so grundsätzlich sind, dass ihnen mehr Tiefe guttäte. Dennoch, seine Bühnenpräsenz überzeugt. Mimische und gestische Leistung sowie die Stimmvariation sprengen das bis dahin Gezeigte.

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