Familien & Bande Puppen können mehr

Fantasie ist das Zauberwort beim Figurentheater. Das gilt nicht nur für die Puppenspieler, sondern auch für die Zuschauer. Kinder können durchs Mitmachen ihre Zweifel äußern, Hinweise geben oder Ängste abbauen.
28.09.2016, 17:09
Lesedauer: 4 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel

Fantasie ist das Zauberwort beim Figurentheater. Das gilt nicht nur für die Puppenspieler, sondern auch für die Zuschauer. Kinder können durchs Mitmachen ihre Zweifel äußern, Hinweise geben oder Ängste abbauen.

Einmal, erzählt Jeannette Luft, war sie mit ihren Puppen eingeladen, um vor Erwachsenen ein Märchen zu spielen. Skeptisch sei sie gewesen, erzählt sie. „Und dann kam das Märchen gerade bei denen gut an, von denen ich das nicht gedacht hätte“, erinnert sich die Puppenspielerin vom Bremer Figurentheater „Mensch, Puppe!“. Erwachsene können loslassen, wenn die Puppen auf der Bühne tanzen und singen, durch einen Wald schleichen oder an das Hexenhaus klopfen. „Sie erinnern sich an ihre Kindheit“, sagt Jeanette Luft, die an der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin Puppen- und darstellendes Spiel studiert hat. Grimms Märchen etwa seien zeitlos, rühren etwas in den Menschen an und sie haben einen großen Vorteil: Sie gehen gut aus. Das wissen die Zuschauer, auch die Kleinen.

Denn Märchen lassen vor allem auch Kinder vor der Bühne mitfiebern. Sie geben den Figuren Tipps, feuern sie an und drücken die Daumen, dass sich wirklich alles zum Guten wendet. „Das Puppentheater erklärt Kindern auf eine andere Art die Welt“, sagt Rainer Pfeiffer aus Visbek bei Wildeshausen. Seit knapp 20 Jahren ist er diplomierter therapeutischer Puppenspieler – und damit in der Region allein auf weiter Flur. Gelernt hat der Ergotherapeut diese Form der Therapie in Frankfurt am Main am Institut für Gestaltung und Kommunikation. Mit der Theaterwerkstatt „Pappmaché“ hat er vor Jahren in Vechta die Figurentheatertage ins Leben gerufen.

Die Puppen stehen als Symbole und Vermittler zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt. „Die Mittlerrolle geht besonders gut mit Märchen auf“, sagt Pfeiffer. Hier stehen etwa Teufel und Hexe für das Böse oder der König für den erhabenen, guten Vater. „Das verstehen die Kinder sofort“, sagt er. Bei „Mensch, Puppe!“ brechen die Schauspieler oftmals diese Stereotype, um keine Langeweile aufkommen zu lassen und Humor in ein Stück zu bringen.

Rainer Pfeiffer ist überzeugt, dass die Botschaft von Märchen zur Entwicklung des kindlichen Geistes beiträgt. Denn die Stücke machen Kindern Mut. Ihnen wird auf einer spielerischen Ebene vermittelt: Das kannst du auch. Häufig habe er auch erlebt, dass Kinder, die sonst keine Minute still sitzen können, ruhig vor der Märchenbühne sitzen und das Geschehen konzentriert verfolgen. „Die Kinder entwickeln einen direkten Draht zu den Puppen“, sagt er. Vorteil des Mitmach-Theaters sei außerdem, dass die Kinder mittendrin sind, am Geschehen teilnehmen und Ideen einbinden. „Man kann etwas sehen oder hören, aber erst das Mitmachen lässt bestimmte Erfahrungswerte entstehen“, sagt der Therapeut, der lange für die Frühförderung eines karitativen Vereins gearbeitet hat.

Die Symbolik der Märchen und Figuren hilft außerdem, die Welt zu erklären. Die Figuren sind wie eine Brücke zwischen Traumwelt und Realität. „So real das Spiel für die Kinder ist, so wissen sie doch: Eine Puppe bleibt eine Puppe“, sagt Rainer Pfeiffer. Doch die Kleinen sind dann auch Regisseure und spielen als Unterstützer mit.

Das alles fehle aber beispielsweise, wenn Kinder vor dem Fernseher sitzen. „Das ist laut und schnell und bietet viel zu viele visuelle Reize“, sagt der Frühförderer. Das würde manche Kinder überfordern. Beim Figurentheater hätten sie aber die Möglichkeit, ihre Zweifel zu äußern, Hinweise zu geben und könnten durch das Mitmachen sogar Ängste abbauen.

Das sehen die Bremer Figurenspieler ganz ähnlich. Puppen erzählen ihre Geschichte über Gefühle. „Sie sind eine Projektionsfläche“, sagt Claudia Spörri, gemeinsam mit dem dritten im Bunde, Leo Mosler, ist sie ebenfalls im Ensemble von „Mensch, Puppe!“. Vor allem große Gefühle wie Trauer oder Liebe lassen sich mit einer Puppe in der Hand besser umsetzen, sagt sie. „Gefühle können im Spiel schnell ins Kitschige abgleiten.“ Wird jemand auf der Theaterbühne erwürgt, kann das ergreifend oder aber auch lächerlich wirken. „Mit einer Puppe erzeugt man aber einen anderen, einen starken Effekt“, sagt Claudia Spörri,

Weil der Zuschauer weiß, dass dort auf der Bühne nur eine Puppe stirbt, falle es ihm leichter, sich von der Szene abzugrenzen. „Früher war das Puppenspiel nur als Kindertheater gefragt“, sagt Claudia Spörri. Dass immer mehr Theater Puppen in ihre Produktionen einbauen, sieht sie mit Freude. „Das Figurentheater ist interessant, weil es Fantasie und Facettenreichtum bietet und die Schauspieler in viele verschiedene Charaktere schlüpfen lässt.“ Denn beim Puppenspiel muss nicht nur der Text gelernt, die Figur verstanden und schließlich geprobt werden. „Bei uns setzt die Fantasie noch früher ein“, sagt Claudia Spörri, die eine Schauspielausbildung an der Scuola Teatro Dimitri in Verscio sowie an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich absolviert hat.

Denn für jedes neue Stück, das in dem Bremer Figurentheater gespielt wird, entstehen neue Puppen. Die werden von professionellen Puppenmachern gebaut. Schon vorher müssen die Schauspieler planen und sich festlegen, wie ihre neuen Figuren aussehen sollen, welche Puppenart zu welchem Stoff passt, wer welche Rollen und wie viele übernimmt. Und so tauschen sie schon lange vor Probenbeginn Ideen mit dem Regisseur und dem Puppenbauer aus. „Der Schauspieler kann ohne Ausstattung beginnen zu proben, bei uns muss das Material fertig sein“, sagt Jeannette Luft. Dabei können die Figuren ganz unterschiedlich sein und von der Klappmaulpuppe über die Handpuppe bis zur Flachfigur fürs Schattenspiel reichen. Und manchmal kommen so bunte, fantasievolle und skurille Puppen zum Einsatz wie bei „Der Prinzessin auf der Erbse“. Die hat Puppenbauer Rainer Schicktanz nämlich aus einem besonderen Material gebaut: aus leeren Plastikflaschen für Waschmittel.

Jeannette Luft hat selber auch schon mal Puppen gebaut. Das erfordere viel Fantasie, sagt sie. Jeder Hinweis aus dem Skript sei wichtig. Aber die 41-Jährige findet es für ihr Spiel schöner, wenn ein Puppenbauer die Figuren macht und sie die fertige Puppe anschließend in Händen hält. „Dann kann ich ihr Leben einhauchen“, sagt sie. Dabei erwache die Puppe nur zum Leben, wenn sie auf der Bühne ist und in einen Bezug tritt, sagt Claudia Spörri. „Ob die Puppe eine Seele erhält, hängt davon ab, ob ich sie betrachte oder ob ich sie spiele.“ Das findet auch Jeannette Luft: „Wenn die Puppe in ihrer Kiste liegt, ist sie tot, aber wenn ich sie in die Hand nehme, bekommt sie eine Aura.“ Manchmal sei sie beim Spiel deshalb immer noch überrascht, dass die Puppen so lebendig seien.

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