Extremismus-Expertin warnt

„Querfrontler sehen Weltverschwörung“

Sie protestieren gegen Amerika, gegen den Zionismus und die moderne Welt: Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung erklärt im Interview, wieso das neue Links-Rechts-Bündnis so gefährlich ist.
02.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Querfrontler sehen Weltverschwörung“
Von Carolin Henkenberens
„Querfrontler sehen Weltverschwörung“

Querfront: Bei den "Friedenswinter"-Demonstrationen wie hier in Berlin marschierten Linke und Rechte gemeinsam.

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Sie protestieren gegen Amerika, gegen den Zionismus und die moderne Welt: Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung erklärt im Interview, wieso das neue Links-Rechts-Bündnis so gefährlich ist.

Frau Kahane, Sie sprechen an diesem Donnerstag in Bremen über die neue Allianz der Querfront. Was ist unter dem Begriff Querfront zu verstehen?

Anetta Kahane: Der Begriff kommt aus der Weimarer Zeit. Da gab es eine linke Strömung in der NSDAP, die extrem antikapitalistisch war. Die wollte einen Sozialismus von rechts. Als Strömung konnten sie sich nicht durchsetzen, aber sie haben sehr erfolgreich mit Gewerkschaften gegen die Demokratie der Weimarer Republik gearbeitet. Heute meint Querfront eine systemfeindliche Verknüpfung von rechten und linken Gruppierungen, die mehr Gemeinsamkeiten haben als Dinge, die sie trennen.

Seit wann gibt es diese neue Allianz?

Das fing an mit den ganzen verschwörungstheoretischen Ideologien, die seit dem 11. September 2001 hochkamen. Diese Leute behaupten, die Amerikaner hätten alles inszeniert, um einen Krieg heraufzubeschwören. Und am Ende steckten auch immer Juden dahinter. Diese Ideen haben sich in den letzten Jahren sowohl in der linken als auch rechten Szene festgefressen. Jetzt halten diese Leute so genannte Friedensmahnwachen und Montagsdemos ab. Über das Internet ist Protest leicht zu organisieren.

Was eint das linke und rechte Lager?

An allererster Stelle eint sie ihre antiwestliche Haltung. Sie sind antiliberal, gegen die Globalisierung, gegen den Kapitalismus und gegen das, was sie für Imperialismus halten. Wobei sie nur bereit sind, eine Art von Imperialismus zu sehen, und das ist der amerikanische. Sie sehen nicht den russischen oder chinesischen. Kennen Sie Endgame?

Nein.

Das sind die „Engagierten Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“. Beide Lager haben außerdem ein stark dualistisches Weltbild. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Entweder man ist Freund oder Feind. Sie sind gegen eine moderne, vielfältige Gesellschaft und lehnen deshalb Homo- oder Transsexuelle ab. Sie sind auch extrem antisemitisch. Was sie noch eint, ist ihr Denken in ethnischen oder sozialen Kollektiven. Sie generalisieren und sagen: „Die Deutschen“, „die Arbeiter“ oder „die Finanzoligarchie“.

Anetta Kahane

Anetta Kahane

Foto: FR

Worin unterscheiden sich das rechte und linke Querfront-Lager? In der Flüchtlingsfrage müsste es ja Differenzen geben.

In ihrer Einstellung zu Demokratie und Antisemitismus unterscheiden sie sich nicht sonderlich. Eher beim dritten Punkt, dem Rassismus. Linke Gruppen würden sich in der Tat nicht so gegen Flüchtlinge aussprechen. Wobei man auch bei Sahra Wagenknecht einen gewissen Chauvinismus und Rassismus sieht. Aber es gibt eine Annäherung unter den Querfrontlern vom Habitus. Die völkischen und populistischen Gruppen ähneln sich immer mehr in ihren Ansichten.

Sie sagen, Querfrontler seien extrem antisemitisch. Haben Sie ein Beispiel?

Ja, und zutiefst antizionistisch. Das ist ihre ideologische Grundfigur, auf der alles steht. Eine Gruppe von Querfrontlern protestierte einmal mit einem Plakat vor dem Bundeskanzleramt, auf dem stand „Erhebt euch!“ – und die Buchstaben „EU“ waren hervorgehoben – „Gegen die Plutokratie der Zionisten“. Sie sehen eine Weltverschwörung, die von Juden gesteuert wird.

Wer sind die größten Scharfmacher?

Einer der Protagonisten ist Jürgen Elsässer, der mal bei der „Jungen Welt“ gearbeitet hat, später bei der „Jungle World“. Jetzt macht er ein eigenes Magazin, das „Compact“-Magazin. Auf Pegida-Demonstrationen ist das Titelbild oft zu sehen.

Wie kommt es, dass sich Linkspolitiker wie der Bundestagsabgeordnete Diether Dehm auf Verschwörungstheoretiker einlassen? Er gilt ja auch als Querfrontler.

Dieter Dehm ist ein typischer Querfrontler. Warum die Linke sich dieser Leute nicht entledigt oder Antisemitismen duldet, weiß ich nicht. Wobei: Es gibt auch sehr vernünftige Leute bei den Linken wie Petra Pau, die sich deutlich und klar gegen Rechts äußert.

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Macht der Zusammenschluss von Linken und Rechten die Bewegung gefährlicher, als wenn es „nur“ eine rechte oder „nur“ eine linke Gruppe wäre?

Ja, sicher ist es eine besondere Gefahr. Weil es aus der gleichen Suppe kommt. Wenn ich die Rassismen höre, wird mir ganz schlecht. Ein Problem ist, dass das antisemitische Erbe der DDR nicht richtig aufgearbeitet wurde. Ich hatte vermutet, dass viele Leute im Osten so krass drauf sind. Aber die wählten früher die Linke, und dann fiel es nicht auf. Erst jetzt, da sie AfD oder NPD wählen oder zu Pegida-Demos gehen, wird ihre Einstellung öffentlich sichtbar.

Das Problem war also die ganze Zeit da?

Ja. Das Querfront-Denken ist nicht neu. Was mich beunruhigt ist, dass durch die Querfrontbewegung so hohe Wahlerfolge der AfD möglich geworden sind. Leute, die früher mit unserem System nichts zu tun haben wollten, haben entweder Linke gewählt oder gar nicht. Es überrascht deshalb nicht, wenn jetzt Stimmen hörbar sind, die den Kapitalismus ablehnen oder sagen, die Amerikaner seien überall.

Wie sollte man damit umgehen?

Wir sollten uns mit Vernunft von den Ideologien distanzieren und unsere freie Gesellschaft verteidigen.

Das Gespräch führte Carolin Henken­berens.

Zur Person

Anetta Kahane wurde 1954 geboren und hat 1998 die Amadeu Antonio Stiftung gegründet, die sich gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus einsetzt. Seit 2003 sitzt die Journalistin hauptamtlich der Stiftung vor.

Zur Person

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Anetta Kahane spricht an diesem Donnerstag (2. Juni) um 20 Uhr im Bürgerhaus Weserterrassen auf Einladung der Bremer Grünen zum Thema Querfront.
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