„Gute Aussichten“: In den Hamburger Deichtorhallen beweisen acht Nachwuchsfotografen gesellschaftliches Engagement

Realität und Brutalität des Alltags fließen in die Arbeiten ein

Hamburg. Das pralle Leben statt Rückzug in den Elfenbeinturm – so lautet der Trend des diesjährigen Nachwuchs-Fotowettbewerbs „Gute Aussichten. Junge deutsche Fotografie“.
26.01.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von NICOLE BÜSINGUND HEIKO KLAAS

Das pralle Leben statt Rückzug in den Elfenbeinturm – so lautet der Trend des diesjährigen Nachwuchs-Fotowettbewerbs „Gute Aussichten. Junge deutsche Fotografie“. Im elften Jahr gab es 115 Einsendungen von 40 Hochschulen, aus denen eine siebenköpfige Jury acht Preisträger im Alter zwischen 26 und 35 Jahren auswählte. „Gute Aussichten“-Initiatorin Josefine Raab hat beobachtet, „dass die knallharte Realität und Brutalität des Alltags vermehrt in die Fotoarbeiten einfließen, wobei es mehr um persönliche Erfahrungen als um einen sensationalistischen Ansatz geht. Es sind Fotos, die jeden betreffen.“

Ein aktuelles Thema greift etwa der in Russland geborene Eduard Zent auf. Für seine Serie „Modern Tradition“ fotografierte er Einwanderer in ihrer traditionellen Tracht vor einem schwarzen Hintergrund à la Goya. Zunächst wirken die Aufnahmen zeitlos, dann aber entdeckt man kleine Requisiten aus dem westlichen Kulturkreis. Ein Mongole etwa präsentiert sich mit traditioneller Pferdegeige und orangefarbenen Kopfhörern. Eduard Zent: „Ich verbildliche den kulturellen Spagat, den die Personen täglich bewältigen müssen.“

Andrea Grützner hingegen fotografierte über drei Jahre hinweg in der historischen Schankwirtschaft ihres sächsischen Heimatdorfes. Statt klischeehafter Thekenszenen zeigt sie Details von Treppenaufgängen, Geländern und Türen, die sie aus gewagten Perspektiven mit farbigen Blitzen fotografiert hat. Durch diese Verfremdungen gelingt es ihr, Zwischenräume effektvoll in den Fokus zu rücken, ohne dafür in die digitale Trickkiste zu greifen.

Auf Spurensuche begab sich auch Marvin Hüttermann. Für seine Serie „Es ist nicht so gewesen“ fotografierte er Stillleben in den Wohnungen von Verstorbenen, Szenen im Bestattungsinstitut und im Krematorium. Entstanden sind intime Bilder zwischen Trauer und Voyeurismus.

Karolin Back zeigt in ihrer Videoinstallation „Was ist eine Sekunde, wenn neben ihr die Welt steht?“ das Matterhorn in seiner ganzen Monumentalität. Was verbirgt sich hinter der Erhabenheit dieses weltberühmten Berges? Mit bewegten Bildern arbeitet auch Stefanie Schroeder. In ihrem Film „Ein Bild abgeben“ dokumentiert sie banale Handlungsanweisungen für studentische Promotionjobs, die sie gemacht hat. Das Medium Foto wird dabei in den absurdesten Anwendungsformen eingesetzt.

Katharina Fricke hat Bewohner des Bielefelder Stadtteils Sennestadt gebeten, ihre täglichen Wege aufzuschreiben. Ausgewählte Wegmarken hat sie daraufhin fotografiert. Heraus kamen individuelle Strukturen der in den 1950er-Jahren entstandenen Großwohnsiedlung. Kolja Warnecke begleitete ein halbes Jahr lang eine zurückgezogen lebende Frau mit der Kamera. Die Serie „Spuren“ zeigt die verlebte Bea mal aus der Nähe, mal aus der Distanz, mal schnappschusshaft, mal posierend, mal offen, mal verschlossen. Jannis Schulze schließlich besuchte für seine Arbeit „Quisqueya“ die Karibikinsel Hispaniola besucht. Er fotografierte und interviewte Bewohner Haitis und der Dominikanischen Republik und ergänzte sein Reisetagebuch um Landschafts- und Alltagsaufnahmen.

Deichtorhallen Hamburg. Bis 8. März. Dienstags bis donnerstags 11-18 Uhr.

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