Neue Dauerausstellung in der ehemaligen Stasizentrale zeigt, wie effizient die Überwachung des Volkes funktionierte

Relikte des Spitzelsystems

Im ehemaligen Dienstsitz des Ministers für Staatssicherheit der DDR, Erich Mielke, gibt es eine neue Dauerausstellung. Auf drei Etagen geht sie der Frage nach: Warum gab es die Stasi?
15.01.2015, 00:00
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Von Kathrin Aldenhoff
Relikte des Spitzelsystems

Vom Stempel bis zur Waffe: In der Ausstellung ist auch die Ausrüstung der Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit zu sehen.

Lukas Schulze, dpa

Im ehemaligen Dienstsitz des Ministers für Staatssicherheit der DDR, Erich Mielke, gibt es eine neue Dauerausstellung. Auf drei Etagen geht sie der Frage nach: Warum gab es die Stasi?

Der Schreibtisch von Erich Mielke ist noch da. Auch das Vorzimmer seiner Sekretärin und der Konferenzsaal sind nahezu unverändert. Das ist aber schon fast das Einzige, das in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg an seinem Platz geblieben ist. In den vergangenen Monaten haben die Behörde des Stasi-Unterlagen-Beauftragten Roland Jahn und der Trägerverein des Museums Antistalinistische Aktion (Astak) eine neue Dauerausstellung für das Stasi-Museum erarbeitet. Die erste und die dritte Etage sind rundum erneuert worden. Die zweite Etage mit den Büros des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, ist weitgehend im Originalzustand erhalten. Lediglich ein paar Medienstationen kamen dazu, die zusätzliche Informationen geben.

Gestern Abend haben Roland Jahn, die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, und der Leiter des Stasi-Museums, Jörg Drieselmann, die Ausstellung eröffnet. Alle drei betonen sie in ihren Reden den schwierigen Prozess bis zu dieser Eröffnung, die vielen Diskussionen und die verschiedenen Perspektiven, mit der einerseits die Bundesbehörde und andererseits der bürgerschaftliche Verein Astak an die neue Ausstellung herangingen. Diese solle nun eine Einladung zur Diskussion sein und auch ein Beitrag zur Würdigung der Opfer der Stasi, sagt Roland Jahn bei der Eröffnung. „Ich hoffe, dass die Beschäftigung mit dem vergangenen Unrechtssystem unsere Sinne schärft.“

Vor genau 25 Jahren, am 15. Januar 1990, hatten DDR-Bürger die Stasi-Zentrale besetzt und so dafür gesorgt, dass die Unterlagen der Geheimpolizei gesichtet und zugänglich gemacht werden konnten. In der Eingangshalle des Museums sind Schwarz-Weiß-Fotos von jenem Tag an die Wand projiziert. Sie zeigen Menschen zwischen losen Blättern Papier, eine Wand, an die jemand gesprüht hat: „Genug gespitzelt. Raus jetzt.“

„Die neue Dauerausstellung zeigt uns auf eindringliche Weise, wie das Ministerium für Staatssicherheit im Auftrag der SED die Menschen mit kalter Effizienz bespitzelte, willkürlich inhaftierte und zermürbte“, erklärt Kulturstaatsministerin Grütters. „Machterhalt war das Ziel.“ Die Stasi sei Schild und Schwert der SED gewesen. Die Ausstellung entlarve die DDR, die im Berliner Stadtbild oft mit Trabi-Safaris, Volkspolizei-Mützen und anderen Nostalgie-Souvenirs bagatellisiert werde, als Unrechtsstaat.

Als Monika Grütters und Roland Jahn auf ihrem Rundgang vor dem Schreibtisch von Erich Mielke stehen, umringt von Menschen und Kameras, sagt Jahn: „Wenn man denkt, was von diesem Schreibtisch alles angewiesen wurde.“ Monika Grütters erzählt von einem Dokument, das ein Todesurteil vorschlägt, Mielke erklärte sich mit seiner Unterschrift einverstanden. Grütters spricht auch von der „banalen Verwaltungsbürokratie des Bösen“.

Wirklich banal wird es in der Küche neben Mielkes Büroräumen: Auf einer Karteikarte hat der Chef der Staatssicherheit aufgezeichnet, wie er sein Frühstück serviert haben möchte. Mit der Schreibmaschine getippt steht dort: „2 Eier, 4 ½ Minuten kochen, vorher anpicken“. Darunter eine Skizze: Das eine Ei soll in einen Eierbecher in der linken oberen Ecke, rechts daneben das Brot und eine weiße Stoffserviette. Das zweite Ei mitten auf den Teller.

Die Ausstellung verliert sich aber nicht in Absonderlichkeiten, sie zeigt auf, dass jeder DDR-Bürger in den Blick der Stasi geraten konnte. Auch die Methoden der Stasi werden genau erklärt, Einzelschicksale dargestellt. So ist zum Beispiel auf einigen Tafeln zu sehen, wie die Stasi versuchte, den evangelischen Pfarrer Sch. zu diskreditieren. Es wurden Fotos gemacht, die den Eindruck erwecken sollten, dass Sch. als IM, also als Inoffizieller Mitarbeiter, für die Stasi tätig sei. Die Geheimpolizei wollte sogar in seinem Namen aus dem Beate-Uhse-Katalog bestellen, um den Pfarrer zu kompromittieren.

In einem anderen Raum in der dritten Etage erklärt der 15-jährige Marek Enzenbach gerade zwei Mitschülerinnen, was das für ein Eisengerät in der Vitrine ist. „Damit konnten die Briefe öffnen, ohne dass es jemand gemerkt hat.“ Woher der Zehntklässler das weiß? Aus dem Film „Das Leben der Anderen“, erzählt er. Er ist mit seinem Geschichtskurs zur Ausstellungseröffnung eingeladen worden; auch seine Schule, das Heinrich-Hertz-Gymnasium, war zu DDR-Zeiten im Visier der Stasi.

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