Rinkes Rauten Der Fluch des nächsten Toooors

In dieser Kolumne schaut der Dramatiker und Romanautor Moritz Rinke auf Bremen und die Welt. Thema muss nicht immer der SV Werder sein, Raute hin oder her.
13.08.2022, 17:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Moritz Rinke

In Berlin beim Hautarzt, in der „Akutpraxis“. „Ist es akut?“, fragte die Sprechstundenhilfe? „Nein, nicht wirklich“, antwortete ich. „Dann dauert´s“, sagte sie.

Ich las im Wartezimmer etwas über Angela Merkel in einer Illustrierten. Hat sie uns das nicht alles eingebrockt? – wurde gefragt. Habe sie Putin durch ihre „Appeasement-Politik“ nicht ermuntert, die Ukraine zu überfallen? Ich tippte „Appeasement – Merkel“ in mein Handy und fand einiges, sogar ein US-Republikaner hatte ihr "Appeasement-Politik" gegenüber Russland vorgeworfen, so wie sie Frankreich und England gegenüber Nazi-Deutschland vorgeworfen wurde.

Ich hörte die Sprechstundenhilfe, die zum fünfzigsten Mal ihre Frage stellte, ob es akut sei, und ich dachte plötzlich, ich müsste Merkel so eine Art Akutsalbe gegen Appeasement-Vorwürfe verschreiben. Überhaupt erschien mir „akut“ als das Wort der Stunde, wenn nun sogar schon Illustrierte, die sich ja normalerweise mit Merkels Garderobe beschäftigen, solche Diagnosen erstellten. Ja, unser ganzes Verhältnis zum Zeitgeschehen erschien mir jetzt aus einer akuten Situation heraus gesehen, aus einer „Akuthaltung“.

Debatten aus einer Akuthaltung

Aus so einer Akuthaltung diskutiert man die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, den Ausschluss Gerhard Schröders aus der SPD, man wirft Haltungen über Menschenrechte gegenüber Katar und Saudi-Arabien über den Haufen oder verlangt „schwere Waffen“, nachdem man zum Beispiel in Afghanistan alles holterdiepolter abgezogen und die Menschen dort im Terror zurückgelassen hat.

Aus so einer Akuthaltung hält man die vergangene Russlandpolitik für falsch, den Handel, das Minsker Friedensabkommen, die Gespräche mit Russland, der Ukraine, Frankreich und Deutschland im Normandie-Format – alles falsch. War es ja vielleicht auch, aber wer hat denn diese Sicherheits- und Energiepolitik so stark und nachhaltig kritisiert, als es noch nicht so akut gewesen war? Kaum jemand, im Gegenteil: Die Sanktionen gegen Russland nach der Annexion der Krim erschienen vielen damals als zu harsch.

Hat Merkel versäumt, den Kalten Krieg, den sie im Übrigen niemals wirklich für beendet hielt, weiter zu verschärfen? Oder war das nicht auch irgendwie gesellschaftlicher Konsens, dass sie es nicht tat? Ich erinnere an Robert Habeck, als er im Wahlkampf „Defensivwaffen“ für die Ukraine gefordert und welche Empörung er dadurch ausgelöst hatte, auch bei den eigenen Grünen. Wie lange ist das her?

Eine zerhackte Entwicklung

Am vergangenen Wochenende hat endlich wieder die Bundesliga begonnen, und ich schaute die Konferenzschaltung, ich wollte nichts verpassen. Und plötzlich fand ich ein noch viel besseres Bild für unsere Akuthaltungen. Ständig wird zum nächsten Tor geschaltet, zum nächsten Höhepunkt. Bei der vorherigen Partie hatte ich mich gerade in die Struktur des Spiels eingefunden, da wird schon zum neuesten „Toooor“ in ein anderes Stadion umgeschaltet. Das davor gesehene Spiel zu "lesen“, zu analysieren: unmöglich. Die Entwicklung: eher zerhackt, ohne „Geschichte“.

Dabei ist es bestimmt ganz hilfreich, sich Spiele in voller Länge anzuschauen. Aber dafür bräuchten wir Medien, die ihre Scheinwerfer nicht nur in die allerneueste Gegenwart richten. Politiker, die nicht immer alle sofort in die dafür bereitstehenden Mikrofone laufen. Und wir bräuchten uns – unsere ganze Aufmerksamkeit, die sich nicht nur immer auf den Augenblick richtet. Sondern auch dorthin, wo die Vergangenheit gerade wegen des neuesten Toooors zu verschwinden droht. 

Wohin haben wir selbst nach der Annexion der Krim geschaltet? Nach den Angriffskriegen der russischen Armee in Syrien? Gab es vor genau einem Jahr nicht Dauersendungen über Afghanistan? Und in welchen Stadien saßen wir, als wir in vergangenen Jahren munter diese Pipeline bauen und uns in aller Seelenruhe von Gazprom regieren ließen?

Ich persönlich habe übrigens, nach anfänglichem Unbehagen, die letzte Fußball-WM in Russland vom ersten Spiel bis zum Finale höchst angeregt verfolgt.

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