Ritterschlag für eine Garage

Was Marcel Reich-Ranicki für die Literatur war, ist Gerhard Matzig für die Architektur. „Äußerst sich der Journalist, der sich in der Süddeutschen Zeitung mit Städtebau und Architektur befasst, lobend über ein Projekt, gleicht das einem Ritterschlag“, finden die beiden jungen Bremer Architekten Benjamin und Jan Wirth.
03.01.2016, 00:00
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Von BÄRBEL RÄDISCH

Was Marcel Reich-Ranicki für die Literatur war, ist Gerhard Matzig für die Architektur. „Äußerst sich der Journalist, der sich in der Süddeutschen Zeitung mit Städtebau und Architektur befasst, lobend über ein Projekt, gleicht das einem Ritterschlag“, finden die beiden jungen Bremer Architekten Benjamin und Jan Wirth. In ihrem Fall schrieb Matzig über eine vom Brüderpaar konzipierte Garage in Affinghausen (Landkreis Diepholz): „Die Garage ist eine Remise, die Remise ein Pavillon – und der Pavillon eine Loggia. Nicht in Form gesichtsloser Mehrzweckhaftigkeit, sondern in Form eines Beweises. Nun ist klar, dass das Besondere das Alltägliche ist.“

Äußerst erstaunlich ist einerseits im Fall der Wirths, dass ein meist stiefmütterlich behandeltes Objekt wie eine Garage über die deutschen Grenzen hinaus Interesse und Aufmerksamkeit in der Fachwelt er-weckt. So auch bei Katinka Corts, Journalistin und Mitglied der Fachjury für die jährliche Verleihung des Foundation Awards für Schweizer Nachwuchsarchitekten. Andererseits ist es doch nicht so erstaunlich und erklärt sich dadurch, wie viele Gedanken sich gemacht wurden hinsichtlich der Materialien und der Gestaltung. Schlussendlich führte das zu einer vorher nicht geahnten multiplen Nutzung.

Beim Bauen richtet sich der Fokus im Allgemeinen auf den Stil, die Materialien und die speziellen Wünsche bezüglich des Wohnhauses, zu dem sich nach längerem Hin und Her entschlossen wird. Zweckmäßigkeit ist für die Garage angesagt. In vielen Fällen wirkt sie wie ein notwendiges Anhängsel. Wird der Bau erst nachträglich ausgeführt, fällt die Wahl meistens auf eine Fertiggarage oder einen Carport. Zitat Matzig: „Die beim Fertiggaragen-Discount bestellten, sehen dann vor den Eigenheimen aus, als seien sie vom Laster gefallen. Oft sind es Schandbauten, die wie Würfelhustenauswurf aussehen und die Ästhetik des Fegefeuers markieren“. Dass es auch gelungene Ausnahmen gibt, ist unbestritten.

Man kennt die Vereinsmeierei in Deutschland und kann sich in diesem Zusammenhang eines Schmunzelns nicht erwehren, liest man: Im Oktober 2007 gründete sich der Verein Deutscher Garagen-verband und schrieb in seine Satzung: „Vereinszweck ist die Förderung der Wissensgewinnung über Garagen sowie Information der Öffentlichkeit über die Herstellung bauartiger Unterschiede, Einsatzzwecke und Nutzungsmöglichkeiten.“ Vielleicht wollte man in guter Absicht helfen, die beschriebenen Negativbeispiele aus dem Städtebild zu verbannen. Inzwischen ist der Verein aufgelöst. Es liegt im Dunkeln, ob wegen mangelndem Wunsch der Öffentlichkeit nach Wissensgewinnung, oder dank solcher Architekten wie den Wirths, die sich auch an Ungewöhnliches wagen.

Nicht unerwähnt bleiben sollen heraus-ragende Beispiele aus den Anfangstagen der Automobilisierung, die heutzutage noch zu bewundern sind. Da gibt es etwa die 1903 fertiggestellte Automobil-Remise der Villa Esche in Chemnitz von Henry van de Velde, dem Ehrensenator der Weimarer Bauhaus-Universität. Oder den mit Zinnen bewehrten Turm, der heute zur Rhein-Neckar-Industriekultur gehört, den Carl Benz 1910 in Ladenburg als Auto-Abstellplatz errichten ließ – mit einem Studierzimmer im Obergeschoss. Hier wurde Wert auf eine Verbindung zu den übrigen Gebäuden oder der Umgebung gelegt.

Die beiden Architekten Wirth machten sich ebenfalls intensiv Gedanken, wie auf dem Grundstück ihrer Auftraggeber Vorhandenes des früheren landwirtschaftlichen Betriebs in Einklang zu bringen sei mit einer Garage. „Unser Herz schlägt besonders für die norddeutsche Kulturlandschaft, aus der der Bau erwachsen ist. Beim Wohnhaus und den Stallungen fanden wir Ziegel vor und fokussierten uns auf dieses Baumaterial“, so Benjamin Wirth. „Uns lag daran, das mehr als 100 Jahre alte bäuerliche Ensemble im Gleichgewicht mit dem Garagenbau zu halten. Wir wollten dabei aber unbedingt dem Neubau unseren Stempel aufdrücken und ihn als andersartiges Element kenntlich machen.“

Platz sollte sein für das Auto, einen kleinen Traktor, aber auch zum Lagern von Brennholz. In der Nähe des Anwesens war vor Jahren ein Hof abgebrannt. Die Ziegel dieser Ruine erfuhren nun eine Wiederbelebung. „Bei alten Baumaterialien werden wir immer wieder schwach. Handwerklichkeit und die Qualität der Rohstoffe findet man bei aktuellen Bauelementen dann doch eher selten“, bedauert Wirth.

Die künftigen Garagenbesitzer legten selbst Hand an und machten sich in mühevoller Arbeit ans Werk, sichteten und reinigten die brandgeschädigten Ziegel. „Wir waren sehr überrascht von der Menge Steine, mit denen allein der Schornstein gemauert war“, sagt Wirth. Traufenhöhe und Breite des gegenüberliegenden ehemaligen Schweinestalls wurden zum Maßstab des Neubaus. Mit den Fluchten der übrigen Gebäude im Einklang, entstand nun an der kleinen Straße, die am Grundstück vorbeiführt, der Bau mit circa 40 Quadratmetern. Der Standort bot sich an, weil der Blick auf das Haupthaus, das ehemalige Backhaus, eine Scheune und die buchsbaumgesäumten Beete nicht eingeschränkt werden sollte. Nicht etwa auf konventionelle Art wurde nun gemauert, nein, mit einem Lochmuster durch Versetzen der Ziegel nahm die Garage Gestalt an. Eine Dämmung war unnötig, auf Fenster wurde aus Kostengründen verzichtet, durch die Schlitze fiele genug Licht, und der durchziehende Wind würde ein vom Regen nasses Auto schnell abtrocknen.

Eine vor über einem Jahrzehnt vom Blitz getroffene Eiche auf einer Weide in der Nachbarschaft hatte einem Sturm nicht standgehalten und lieferte die breiten Bohlen für die beiden Tore – eins an der Längs-, eins an der Schmalseite. Mit dem Werkstoff WU-Beton gaben die Architekten einem Flachdach in seiner Unauffälligkeit den Vorzug vor einem Schrägdach. „Das wasserundurchlässige Material erfordert keine zusätzlich Abklebung, und es ist von einem wartungsfreien Zeitraum von rund 100 Jahren auszugehen“, sagt Benjamin Wirth, „außerdem muss nichts erneuert oder entsorgt werden.“ Einige wegen Umbau auf dem Gelände des Klinikums Bremen-Mitte abgebaute eiserne Zaunelemente samt Tor – entdeckt bei einer Bauteile-Börse – erhielten einen mausgrauen Anstrich. Zwischen zwei Ziegelmauern postiert, dienen sie im Anschluss an die Ga-rage als Begrenzung und Möglichkeit das Grundstück zu verschließen. Auch hier die Devise des Konzepts: Aus Alt mach Neu. Wobei nicht etwa nach 08/15-Manier eine glatte Mauer gewählt wurde, sondern – dem geschwungenen Weg angepasst – eine schräg gestellte Variante mit sieben Vorsprüngen, die an die Falten einer Ziehharmonika erinnern. Auch hier ist wieder die Liebe zum Detail sichtbar.

Nach zwei Jahren Planung, der tatkräftigen Mithilfe der Bauherren und der Ausführung aller Arbeiten durch fähige Ingenieure und Handwerker waren Architekten und Bauherren mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Die Brüder Wirth hoffen zudem, das Projekt könnte Inspiration sein für Bauten in Bremen und Niedersachsen. Oft blieben Vorübergehende stehen und fragten: „Was ist das?“ Sie stellten Mutmaßungen an, ob es sich wegen des ungewöhnlich sakral wirkenden Lochmusters um einen Andachtsraum handele.

Nach Fertigstellung kamen alle Beteiligten zu dem Schluss: „Wir haben hier nicht nur eine Garage und einen Lagerraum vor uns, dieser Bau muss unbedingt vielfältiger genutzt werden.“ Denn einfallendes Sonnenlicht wirft grazile Muster auf den Boden, und die archaischen Ziegel, die – schon dem Verfall preisgegeben – zu Neuem gestaltet wurden, bilden eine Einheit mit den alten Gebäuden ringsum. Die Tore mit den breiten Bohlen, die weit geöffnet Licht und Luft Eintritt gewähren, zeigen, wie mächtig die alte Eiche gewesen sein muss. Ein Restaurator riet zu einer viermaligen Behandlung mit Leinöl. Damit würde das Holz, das in seiner Färbung, der leichten Schraffierung und Glätte ein wenig an Pferdefell erinnert, besonders wenn man mit der Hand darüber streicht, 300 Jahre überstehen. Ganz unauffällig fügen sich die mit Absicht schlicht gewählten bronzefarbenen Klinken ein. Der Philosoph Alain de Botton beschreibt in seinem Buch „Glück und Architektur“, dass Holz und Stein langsam und in Würde altern und dadurch beim Verfärben einen höchst melancholischen, noblen Eindruck erwecken. Das bestätigt sich hier unbedingt.

Von Pavillon oder Remise war ab sofort die Rede. Fahrzeuge und das auf Paletten gestapelte Holz lassen sich rasch auslagern – und dann kann gefeiert werden. Auch für kleine Empfänge, etwa mit Stehtischen möbliert, bietet sich der Raum an. Die rechteckigen Mulden mit den Strahlern unter der Decke wurden goldfarbenen unterlegt und lassen die Beleuchtung gleich edler wirken. Sollte es bei einem angesetzten Fest regnen, bietet sich die Möglichkeit, im Inneren zu grillen. Der Rauch zieht durch die Schlitze im Mauerwerk ab.

Eine Hochzeit wurde auf dem Hof schon gefeiert. Und wer weiß? Vielleicht bringt beim nächsten Event ein Stück vom Al-bum „Garage Inc.“ der Band Metallica die Ziegel des Garagen-Remisen-Pavillons zum Beben. Deren Frontmann James Hetfield meinte einmal: „Der schönste Ort auf unserem Planeten ist die Garage.“ Was würde er wohl zu dieser sagen?

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