Ein Experiment zum Schluss: Die letzte Musiktheaterpremiere der Spielzeit kombiniert Mozart, Afrika, Punk Roboter, Blues und Punk im Serail

Bremen. Allein der Titel bricht bereits einen Rekord: „Les robots ne conaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail“. Das ist nicht der neue Name der längsten Praline der Welt, sondern jener der letzten großen Musiktheaterpremiere am Theater Bremen in dieser Spielzeit.
02.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Roboter, Blues und Punk im Serail
Von Iris Hetscher

Allein der Titel bricht bereits einen Rekord: „Les robots ne conaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail“. Das ist nicht der neue Name der längsten Praline der Welt, sondern jener der letzten großen Musiktheaterpremiere am Theater Bremen in dieser Spielzeit. Gleichzeitig ist das Stück mit dem Bandwurmnamen auch noch der Schlusspunkt eines Festivals mit dem dann wieder englischen Titel „Kidnapping Mozart“, das vom 2. bis zum 5. Juli auf und am Goetheplatz stattfindet.

Das Festival möchte die Bedeutung der Oper in einem zunehmend popkultureller werdenden aktuellen Kontext ausloten – kann das althergebrachte Musiktheater noch wirksam Wirklichkeit kommentieren? Oder hat es diese Funktion an Videoclips abgetreten? Mit anderen Worten: „Kann Musiktheater politisch sein?“ wird im Überblicksheft des Theaters für den Juli gefragt. Ein großes Thema, dem sich auch die Produktion rund um Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ am 4. und 5. Juli annähert. Das 1782 uraufgeführte Singspiel wird dabei Ausgangspunkt sein, keinesfalls aber von A bis Z so gegeben werden, wie es im Opernführer steht. „Wir beziehen uns darauf, das ist die Basis, aber ansonsten geht es vor allem um Differenzen“, sagt Monika Gintersdorfer, die gemeinsam mit Musiktheaterchef Benedikt von Peter Regie führt. Die Chronologie des Stücks bleibe erhalten, die Arien werden aber ergänzt durch die Musik der ivorischen Künstler der Gintersdorfer/Klaßen-Performance-Gruppe, die mit Oper zuvor nicht in Berührung gekommen war. Außerdem gibt es Punk-Musik von Ted Gaier von der Band „Die Goldenen Zitronen“.

„Die Reibungen dieser drei musikalischen Idiome sind besonders groß, wobei wir nicht Mozart auf afrikanischen Instrumenten machen – die Stile vermischen sich nicht, sondern sollen scharfkantig nebeneinander stehen. Das passt auch inhaltlich, denn in dem Stück geht es ja um die Auseinandersetzung mit dem Exotischen“, sagt Benedikt von Peter. Mozarts „Serail“ sei für ein derartiges Experiment bestens geeignet: Die Konfrontation zweier Kulturen ist das Thema des Singspiels; in ein türkisches Serail verschleppte Europäerinnen werden nach opern-üblichen Verwicklungen schließlich durch die Großzügigkeit des muslimischen Herrschers gerettet. Und auch die Liebe feiert einen Triumph.

Damit der Zuschauer in der neu gestalteten Bremer Version mitkommt, wird die Handlung fortlaufend erzählt. Als weitere Ebene soll es zudem darum gehen, wie die Sänger sich dabei fühlen, wenn sie diese Musik singen, Texte sprechen, sich bewegen und reagieren müssen. Ähnlich wie in früheren Arbeiten Benedikt von Peters soll so der performative Aspekt einer Musiktheateraufführung abgeklopft werden. Und da ergibt sich dann auch gleich ein weiterer Unterschied zur Kunstauffassung der deutsch-ivorischen Performance-Gruppe. Eine Oper wird mit viel Disziplin und innerhalb klar vorgegebener Regeln von den Beteiligten einstudiert –

eine Arbeitsweise, die der Spontaneität einer Performance-Gruppe widerspricht. So ist übrigens auch der französische Teil des Titels entstanden, erklärt Benedikt von Peter: „Das Festgelegte, also Roboterhafte der Opernprobe, hat keine Beziehung zum Ungestümen, Spontanen – zum Blues.“

All diese Brechungen und Drehungen sollen letztlich dazu führen, die Oper zu „entmystifizieren“, hofft Benedikt von Peter: „Wir machen Arbeitsweisen auf eine sehr raue Art sichtbar.“ Allein schon durch die vielen Beteiligten soll die Möglichkeit entstehen, Musiktheater in neuer Form zu entdecken: Mit dabei sind Mitglieder des Opernensembles, Gintersdorfer/Klaßen, Markus Poschner und die Bremer Philharmoniker und Ted Gaier, der für Komposition und Sounddesign verantwortlich zeichnet. Zudem können die Zuschauer die Perspektive wechseln, wenn sie möchten: „Man darf sich bewegen“, so von Peter.

Für den Musiktheaterchef ist es die erste Doppelregie überhaupt und zugleich die letzte Regie-Arbeit, die er für das Theater Bremen umsetzt. In der kommenden Spielzeit wird keine Inszenierung von ihm zu sehen sein, zur Saison 2016/2017 verlässt er das Haus, um Intendant im schweizerischen Luzern zu werden. Gemeinsam mit von Peter wechseln zudem Clemens Heil, Erster Kapellmeister am Theater Bremen, und die Schauspiel-Dramaturgin Regula Schröter nach Luzern. Heil wird Musikdirektor, Regula Schröter künstlerische Leiterin Schauspiel.

„Les robots ne conaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail“ ist nur am 4. Juli, 19.30 Uhr, und am 5. Juli, 18 Uhr, im Theater Bremen zu sehen. Danach gastiert die von der Bundeskulturstiftung unterstützte Produktion in der Kampnagel-Fabrik in Hamburg und an der Deutschen Oper Berlin.

Das Programm des Festivals „Kidnapping Mozart“ vom 2. bis zum 5. Juli finden Sie unter www.theaterbremen.de

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