HfK-Rektor im Interview

Roland Lambrette: "Wir sind klein und fein"

Die Hochschule für Künste Bremen (HfK) soll eine andere Wahr­neh­mung bekommen und in der Stadt sichtbarer werden, erklärt Roland Lambrette, der neue Rektor der HfK, im Interiew.
23.07.2018, 18:31
Lesedauer: 7 Min
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Von Alexandra Knief Iris Hetscher
Roland Lambrette: "Wir sind klein und fein"

Hat große Pläne für die Hochschule für Künste Bremen (HfK): Der neue Rektor Roland Lambrette will die Wahrnehmung der Hochschule in der Stadt aber auch über regionale und nationale Grenzen hinaus stärken.

Christina Kuhaupt

Herr Lambrette, eins Ihrer erklärten Ziele ist es, die nationale und internationale Wahrnehmung der HfK zu stärken. Wie wollen Sie das erreichen?

Roland Lambrette: Wir haben eine sehr gute Präsenz in Stadt und Region und werden auch von außen stärker wahrgenommen, als man das hier in Bremen vermutet. Aber wir könnten durch eine inhaltlich spezifischere Kommunikation in den unterschiedlichen Medien noch viel mehr erreichen.

Das heißt, man müsste die HfK auch in Bremen größer denken?

Nicht vom Maßstab her. Es hat viele Vorzüge, eine relativ kleine, flexibel agierende Institution zu sein. Wir können auf Entwicklungen und Themen direkt reagieren. Größe ist kein Wert an sich, die Frage ist, was man daraus macht. Was zählt, ist Präsenz. Deswegen sind wir auf der Suche nach Ausstellungsräumen in der Stadt. Unsere Galerie in der Dechanatstraße ist ständig überbucht und wir wollen uns stärker öffnen.

In diesem Zusammenhang sind auch Konzertsäle und Open Labs im Gespräch.

Genau. Für Bremen sind diese Schnittstellen zwischen den Hochschulen und der Öffentlichkeit von besonderer Bedeutung. Die HfK kann mit attraktiven Orten in der Stadt für Musik und Kunst, aber auch zum Beispiel mit dem Open Lab einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Identität der Stadt leisten. Ich habe den Eindruck, dass die Veränderungen, die großen strukturellen Umbrüche der letzten Jahrzehnte, einen gewissen weißen Fleck auf der emotionalen Landkarte hinterlassen haben. Darin sehe ich für uns als HfK eine große Chance.

Was meinen Sie mit weißem Fleck?

Der Hafen ist weg, die großen Werften sind weg, die Branchen, die dazugehörten, sind weg und damit ist auch ein wichtiger Teil der Identität der Stadt, die sich lange über ikonografische Zeichen wie Schiffe, Kräne und Speicher ausgedrückt hat, verloren gegangen. Es fehlt ein neues, zukunftsweisendes „Das sind wir“-Bild.

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Was ist mit Bremen als Wissenschaftsstandort?

Das ist ein zentrales Motiv für dieses Bild, aber die Frage ist, wie dieses Motiv stärker wahrnehmbar wird. Wir müssen daran arbeiten, für Wissenschaft, Kunst, Forschung gute Bedingungen zu schaffen und sie zum Teil des urbanen Lebens werden lassen. Ein Beispiel sind wie bereits erwähnt die Open Labs – in denen sich Hochschulen und kulturelle, wissenschaftliche sowie wirtschaftliche Institutionen vernetzen und darstellen, sodass man sehen kann, was gerade hier passiert und woran gerade gearbeitet wird. Das „Dynamische Archiv“, zentraler Teil des Open Labs, ist soweit gediehen, dass es vom Senat mit einer soliden Förderung unterstützt wird.

Ist es für die Kunst schwieriger, mit Wirtschaft oder Politik zu kooperieren als für andere Bereiche?

Ich sehe keine echten Schwierigkeiten. Wir entwickeln Problemlösungen, kritische Interventionen und Innovationen. Kunst als Reflexion und Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen und Entwicklungen ist per se eine Kooperation mit der Gesellschaft. Es ergeben sich unzählige Schnittstellen zu unserem täglichen Leben.

Von vielen Projekten der HfK bekommt man in der Stadt nicht allzu viel mit. Warum ist das so?

Die HfK ist auch ein Raum, in dem ausprobiert, entwickelt, verworfen und reflektiert wird. Deswegen sind nicht alle Projekte zugleich für eine größere Öffentlichkeit gedacht. Aktuell sind vor allem die Hochschultage und unsere Konzerte die größten Schaufenster, die wir haben. Aber wir suchen weitere Berührungspunkte. Deswegen haben wir uns selbst zu „Zukunft Bremen 2035“, bei dem Bremer Akteure gemeinsam Ideen für Bremens Zukunft entwickeln, eingeladen und arbeiten jetzt mit an der Definition der Wissenschaftsstadt Bremen. Dieser Prozess ist stark getrieben vom Ziel des wirtschaftlichen Wachstums.

Bildung und Ausbildung werden vornehmlich durch den Bedarf der Wirtschaft definiert, dagegen wehren wir uns. Wir sind keine Zulieferer von Arbeitskräften. Die Wirtschaft oder die Politik tun sich mit einer derartigen Verkürzung auch keinen Gefallen: Alle fordern immer Innovation, disruptives Denken und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Das entsteht aber nicht in einem angepassten, maßgeschneiderten Konzept. Das entsteht, wenn man etwas in Frage stellt, Regeln bricht und ungewohnte Perspektiven ausprobiert. Das können wir als HfK anbieten, und dafür brauchen die Studierenden auch Frei- und Experimentierräume.

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Ist das ein Alleinstellungsmerkmal der HfK im Vergleich zu anderen Hochschulen in Deutschland?

Ja, den Fachbereich Kunst und Design zum Beispiel zeichnet aus, dass es diesen Experimentierraum gibt, in dem individuelle und oftmals auch interdisziplinäre Wege entfaltet werden können. An der HfK hat man die Chance, sich relativ frei von Druck und Effizienzgedanken zu entwickeln und darauf zu setzen, dass der künstlerische Antrieb sich nicht an engen Vorgaben orientiert. Das unterscheidet uns von eher schulischen Konzepten, die viele Universitäten und Hochschulen verfolgen.

Aber kann zu viel Freiraum nicht auch zu Problemen führen? Vergangenes Jahr zum Beispiel haben Studierende der HfK eine Kooperation mit den Museen Böttcherstraße schlicht verschlafen.

Die HfK führt mehr als 400 öffentliche Veranstaltungen im Jahr durch. Sehr präzise und zuverlässig. Von daher darf man Fehler nicht verallgemeinern. Auch das ist zudem Teil jeder Professionalisierung.

Werfen wir einen Blick auf den Fachbereich Musik. Was wünschen Sie sich für ein Profil für die musikalische Ausbildung? Derzeit gibt die HfK da kein klares Bild ab.

Nicht immer folgt die Aufmerksamkeit des Publikums der fachlichen Bedeutung. Das Atelier für Neue Musik zum Beispiel ist international anerkannt und das Gegenstück zur Alten Musik, die bundesweit die größte Abteilung auf diesem Gebiet ist und per se ein größeres Publikum hat. Das heißt aber nicht, dass die Neue Musik in ihrer Aktualität und ihrem Mut in irgendeiner Form einen Schritt zurückstünde.

Aber zwischen den beiden Vorzeige-Studiengängen Alter und Neuer Musik gibt es ja noch einen großen, diffus wirkenden Bereich.

Sie meinen Jazz, Instrumental, Gesang, Komposition. Durch die bessere Vernetzung dieser Fachgruppen wollen wir ermöglichen, ein differenziertes Berufsbild auszubilden. In der künstlerischen Ausbildung bieten wir durch die Profilbereiche Neue Musik beziehungsweise Alte Musik/Aufführungspraxis in besonderer Weise die Chance, sich weiter zu spezialisieren und gleichzeitig breiter aufzustellen. Durch unser interdisziplinäres Konzept, das die Möglichkeiten des Fachbereiches Kunst und Design mit einbezieht, werden die Möglichkeiten einer individuellen Entwicklung für die Studierenden noch erweitert.

Warum würden Sie jemandem raten, in Bremen Musik zu studieren und nicht in Köln oder Hamburg?

Dafür gibt es viele Gründe, aber zwei sind sehr prägnant. Ein wichtiger Faktor ist unsere Größe. Wir sind klein und fein. Das ermöglicht eine Durchlässigkeit der Studiengänge, sodass die Studierenden ein sehr individuelles Ausbildungsprofil wählen können. Der andere Faktor sind unsere Lehrenden: Bei der Auswahl geht es den Studierenden nicht nur um die Hochschule, sondern darum, bei welchem Professor oder welcher Professorin sie studieren wollen. Unser Kollegium hat einen sehr guten Ruf und ein Spektrum an Lehrenden, die gefragt sind. Auch deswegen haben wir hervorragende Bewerberzahlen.

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Abgesehen von einer guten Ausbildung ist es für angehende Profimusiker aber auch wichtig, sich auf dem freien Markt zu behaupten. Da ist der Ruf einer Hochschule nicht ganz unwichtig. Welche Rolle spielen dabei beispielsweise Zusatzangebote wie die Meisterklassen, die das Curtis Institute of Music auf Vermittlung der Philharmonischen Gesellschaft einmal im Jahr anbietet?

Diese Form der Kooperationen werden wir ausbauen. Ich war selbst dabei, als die Musiker des Curtis Institute im Mai hier waren. Das ist einfach eine extrem hohe Energie, die da rüberkommt. Man merkt die Begeisterung bei unseren Studierenden, da entsteht etwas sehr Fruchtbares. Und natürlich tragen solche Kooperationen zum Ruf der HfK bei.

Und wie bereiten Sie die jungen Menschen auf den Alltag als Berufsmusiker vor?

Ein Career Center haben wir noch nicht, diese Art der Begleitung läuft aktuell über persönliche Netzwerke. Die Professoren führen die Studierenden in ihre Netzwerke ein, begleiten sie und beraten sie bei Entscheidungen. Aber die Frage, wie wir unsere Absolventen für den Wettbewerb ausstatten, ist eine wichtige. Jede Disziplin hat ihre eigenen Modelle, wie man daraus eine Existenz aufbauen kann.

Beim Design setzen sie zum Beispiel mehr auf Interdisziplinarität.

Richtig, aber nicht nur beim Design - auch bei der Musik, der Freien Kunst und den Digitalen Medien. Im August besetzen wir die erste „Open Topic“-Professur, die übergreifend in Freier Kunst und Musik lehrt. Der Lehrende selbst hat Musik und Kunst studiert und konzentriert sich exakt auf die Schnittstelle, an der beide Bereiche ineinandergreifen. Diese Stelle könnte so etwas werden wie ein Katalysator, der die Interdisziplinarität an der HfK noch einmal auf eine andere Weise mit Leben erfüllt.

Wenn Sie jetzt fünf Jahre weiter denken. Wo steht die HfK dann in der Stadt?

In fünf Jahren wird die Hochschule für Künste Bremen noch stärker als eine für die Entwicklung und Zukunft der Stadt wichtige Institution empfunden. In fünf Jahren hat jeder in Bremen verstanden, dass das Zusammenspiel von Wissenschaftsstadt, Innovationsstadt und einem intensiven Austausch mit Kunst, Design, Digitalen Medien und Musik zur Zukunftsfähigkeit dieser Stadt beiträgt. Bremen zeichnet sich dadurch aus, wie die Menschen miteinander umgehen – sehr gelassen, sehr zugewandt. Wir könnten in diesem Zusammenspiel von Wissenschaft, Forschung, wirtschaftlichen Innovationen und künstlerischer Reflexion eine einzigartige Position in Deutschland, aber auch international, besetzen.

Das Gespräch führten Alexandra Knief und Iris Hetscher.

Info

Zur Person

Roland Lambrette (66) ist der neue Rektor der Hochschule für Künste Bremen (HfK). Von 2004 bis Mai 2017 lehrte der gebürtige Frankfurter hier bereits als Professor für Temporäre Architektur. Anschließend trat er das Amt des Rektors kommissarisch an. Seit Juli 2018 steht nun offiziell fest, dass er den Posten als Rektor für die kommenden fünf Jahre innehat.

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