Sammlung für eine verstorbene Kiezgröße

Er nannte sich „Inkasso Henry“ und war so was wie die verruchte Seele der Reeperbahn. Er verkaufte mit zehn Jahren schon Aale auf dem Fischmarkt, war einst Geldeintreiber, Türsteher und Klubbesitzer.
03.06.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Mona Adams

Er nannte sich „Inkasso Henry“ und war so was wie die verruchte Seele der Reeperbahn. Er verkaufte mit zehn Jahren schon Aale auf dem Fischmarkt, war einst Geldeintreiber, Türsteher und Klubbesitzer. Und irgendwie war er auch so was wie ein Stadtführer, zeigte der Glatzköpfige mit Goldschmuck und Pilotenbrille doch Touristen seine Amüsiermeile. Anfang Mai starb die Kiezgröße aufgrund von Herzproblemen. Seine Managerin Lizzy Voigt hatte sich dafür eingesetzt, die Bestattung zu übernehmen und ihn in Würde beizusetzen. Sein Bruder habe keine angemessene Beerdigung im Sinne gehabt, sagt sie. Doch Kohle für die Bestattung hat sie gar nicht. Über eine Online-Plattform sucht sie nun die nötigen Moneten. Nur noch bis Sonntag können Freunde und Wegbegleiter für das Hamburger Urgestein spenden. 4500 Euro müssten es wohl schon sein. Das dürfte ganz in seinem Sinne sein. Ich meine, mehr Ironie gibt es doch nicht, wenn für einen Geldeintreiber Geld eingetrieben wird.

Jetzt ist es Gewissheit: Kinderlieder lügen. Wie heißt es so schön? „Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar“. Oh nein, richtig wäre: Amsel, Kohlmeise, Blaumeise, Sperling. Singt sich leider gar nicht so gut, ist aber so, zumindest in Hamburg. Denn das sind laut Nabu die häufigsten Winter-Gartenvögel der Stadt. Die Amsel an der Spitze zumindest bleibt dem Kinderlied treu. Stellt sich die Frage, wie es mit dem Refrain des Kinderzimmer-Musikklassikers aussieht: „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle.“ Sind sie das auch in Hamburg? Auch das nicht. im Vergleich zur Zählung davor wurden rund 15 Prozent weniger Piepmätze gesichtet. Die sogenannte Stunde der Gartenvögel ist Deutschlands größte Vogelzählung. Im Januar des kommenden Jahres hat ihre Stunde wieder geschlagen.

Am ersten Abend des G20-Gipfels im Juli findet in unserer schönen Elbphilharmonie ein Konzert für die Staatschefs statt. Das Kulturprogramm für die Staats- und Regierungschefs ist nicht ganz unumstritten. In dieser Woche meckerte der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland um die Rolle der Elbphilharmonie und, sagen wir mal, rügte den US-Präsidenten Donald Trump, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und Russlands Präsidenten Wladimir Putin als hoch problematische Autokraten. Worum es Johann Hinrich Claussen aber eigentlich geht? Um die Musikauswahl. Es komme darauf an, welche Musikstücke gespielt würden. Und er sehe da „Komponisten, die einen Widerstand markieren“, wie Dmitri Schostakowitsch „oder einen zeitgenössischen Komponisten, der vor Unterdrückung fliehen musste“. Ich sehe das als große Chance. Wolfgang Petry wäre einer: „Wahnsinn“ für die Staatschefs und „Der Himmel brennt“ für die Demonstranten. Und als Song für das Bankett der Kanzlerin wäre Roy Orbison für die Laune von Donald Trump genau richtig: „Pretty Woman“. Für den hätte ich aber auch noch Andrea Berg: „Dich soll der Teufel hol‘n“.

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