Performance-Künstler von der Uni Bremen proben Tschechow / Zwischenzeitzentrale hat Gebäude vermittelt Sattelhof aus dem Schlaf gerissen

Tschechow im Sattelhof: In Blumenthals ältester Hofstelle, die seit Jahren leer steht, wird zur Zeit geprobt. Das „Theater der Versammlung“ präsentiert in dem unter Bestandsschutz stehenden Gebäude eine Tschechow-Performance. Einen Käufer für den Hof hat Immobilien Bremen, die die Liegenschaft für die Stadt verwaltet, bisher nicht finden können.
19.09.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christina Denker

Tschechow im Sattelhof: In Blumenthals ältester Hofstelle, die seit Jahren leer steht, wird zur Zeit geprobt. Das „Theater der Versammlung“ präsentiert in dem unter Bestandsschutz stehenden Gebäude eine Tschechow-Performance. Einen Käufer für den Hof hat Immobilien Bremen, die die Liegenschaft für die Stadt verwaltet, bisher nicht finden können.

Blumenthal.

Das gröbste Unkraut ist gejätet. Vor der Tür parkt ein Lieferwagen, drinnen brennt Licht. Hinter den Fensterscheiben sind schemenhaft Menschen zu erkennen. Es tut sich was im Sattelhof. Aber was? Nein, das historische Gebäude, die älteste Hofstelle Blumenthals, ist weder verkauft worden noch sind die Räume vermietet. Vielmehr fungiert der Sattelhof derzeit als Kulisse für ein Stück junger Performance-Künstler der Universität Bremen, die sich „Theater der Versammlung“ nennen. Am kommenden Sonnabend wird das Stück „Tschechow – eine Landpartie“ dort zum ersten Mal aufgeführt.

Fenster freigelegt, Klos geputzt

Möglich macht die Nutzung die Bremer Zwischenzeitzentrale (ZZZ). Sie hat den Kontakt zwischen den Künstlern und Immobilien Bremen, der Besitzerin des Gebäudes, hergestellt. Die ZZZ hat es sich zur Aufgabe gemacht, unbewohnte Häuser oder Brachen zumindest zeitweise aus ihrem Dornröschenschlaf zu reißen. In Bremen-Nord sind das der Sattelhof und die Sortierung der ehemaligen Bremer Wollkämmerei. Dort schrauben seit einiger Zeit Liebhaber alter Automobile.

Um im Sattelhof überhaupt auftreten zu können, haben die 14 Schauspieler um den künstlerischen Leiter Jörg Holkenbrink jede Menge Vorarbeiten im Haus und auf dem Gelände leisten müssen. „Wir haben die Fenster freigelegt – die waren teilweise voller Efeu“, sagt Dramaturg und Schauspieler Simon Makali. „Wir haben ein paar Dachreparaturen erledigt, Klos geputzt und natürlich alles andere sauber gemacht.“ Dafür gab es von der ZZZ sogar eine Aufwandsentschädigung.

Selbst den Innenhof haben die Akteure von der dort wuchernden grünen Hölle befreit, um ihn begehbar zu machen. Für die Performance ist das wichtig, denn anders als bei herkömmlichen Theaterstücken sitzen die Zuschauer nicht vor einer Bühne: Hier ist das Haus selbst die Bühne. Die in ihren Tschechow-Rollen seltsam anmutenden Schauspieler bewegen sich in den Räumen des Sattelhofs und lassen sich vom Publikum, das zu „Feldforschern“ mutiert, bei ihrem abgeschotteten Leben über die Schulter blicken. Alle Akteure verkörpern Figuren aus den Werken des russischen Schriftstellers und Dramatikers Anton Tschechow. Kurz nach der russischen Revolution, im Jahr 1917, sind die Figuren von der Weltöffentlichkeit unbemerkt nach Deutschland ausgewandert.

In Bremen, am Schlachthof, steigt das Publikum in den Bus Richtung Blumenthal. Schon dort gibt es eine Aufgabe für die Zuschauer, die hier nicht verraten werden soll. Quasi als Ethnologen am Sattelhof angekommen, wird das Publikum durch teilnehmende Beobachtung Bestandteil der skizzenhaft vorgetragenen Tschechow-Stücke. „Manchmal“, sagt Jörg Holkenbrink, „sprechen die Spieler ihre Besucher unerwartet an, um anschließend wieder in ihre innere Welt zu versinken“. Dabei würden Nähe und Distanz zwischen den beiden Gruppen ständig neu ausgelotet. Diese Form der Aufführung ist Holkenbrinks Antwort auf seine Frage, wie ein neuartiger Begegnungsraum mit dem Publikum geschaffen werden kann. Inhaltlich geht es bei der Tschechowschen Landpartie in erster Linie um das Phänomen Zeit, um das Thema Entschleunigung. Sie ist nach Holkenbrinks Auffassung die eigentliche Hauptdarstellerin des Stücks. Auf der Bühne – Pardon, im Haus – findet dies seine Entsprechung etwa im langsamen Tempo, in dem sich die Akteure durch die Räume bewegen. Darüber hinaus, sagt Holkenbrink, gehe es in dem Stück um Freundschaft, vielleicht sogar um Völkerverständigung. Denn wer sich den Tschechow-Figuren im Sattelhof aussetze, der habe nur zwei Möglichkeiten: weglaufen oder neugierig sein.

„Tschechow – eine Landpartie“: Karten gibt es noch für Freitag, 4., und Sonnabend, 5. Oktober (jeweils 13 bis 16 Uhr). Anmeldungen unter tdvart@uni-bremen.de.

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