Scharfblick und Realitätssinn

Was tun, wenn der Ehemann grünes Licht für eine Affäre will? Gerade jetzt, wo Familienrichterin Fiona Wichtigeres entscheiden muss. Sie soll ein Urteil darüber fällen, ob ein Jugendlicher sterben muss, weil seine Religion Bluttransfusionen ablehnt?In dem neuen Roman „Kindeswohl“ des englischen Bestsellerautors Ian McEwan steht eine Richterin vor großen Entscheidungen.
11.01.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Scharfblick und Realitätssinn
Von Uwe Dammann

Was tun, wenn der Ehemann grünes Licht für eine Affäre will? Gerade jetzt, wo Familienrichterin Fiona Wichtigeres entscheiden muss. Sie soll ein Urteil

darüber fällen, ob ein

Jugendlicher sterben muss, weil seine Religion Bluttransfusionen ablehnt?

In dem neuen Roman

„Kindeswohl“ des englischen Bestsellerautors Ian McEwan steht eine

Richterin vor großen Entscheidungen.

Der Engländer Ian McEwan war schon in jungen Jahren als Autor äußerst erfolgreich. Bereits seine frühen Erzählungen, die vor 40 Jahren erschienen, wurden mit etlichen Preisen ausgezeichnet. Doch den bisher größten Erfolg feierte er 2001 mit dem Bestseller „Abbitte“, der sich weltweit drei Millionen Mal verkaufte. Der Roman wurde mit Keira Knightley in der Titelrolle einige Jahre später verfilmt. Jetzt ist sein jüngster Roman „Kindeswohl“ erschienen, der sich auch wieder hervorragend als Filmvorlage eignen würde. Ian McEwan schreibt über eine Juristin, die sich mit wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen auseinandersetzen muss und gleichzeitig um ihre Ehe kämpft.

Das Buch ist eine geschliffen geschriebene Geschichte aus dem Milieu der britischen Justiz. Erzählt wird aus der Perspektive einer Richterin, Fiona Maye. Ihr Fach: Familien, Scheidungen, wer bekommt die Kinder?, aber immer wieder auch Fälle, in denen es um Religion geht. Die kinderlose Frau um die 60 hat sich meist unter Kontrolle. Bis ihr der Gatte nach drei Jahrzehnten Ehe im trauten Heim im Zentrum Londons eröffnet, er plane eine Affäre. Und dafür will er ihren Segen. Sie seien doch tolerant, und obendrein schlafe sie schon lange nicht mehr mit ihm. Ehemann Jack ist Geschichtsprofessor und will – „bevor ich tot umfalle, noch eine große leidenschaftliche Affäre haben“. „Ich bin dein Bruder geworden“, wirft Jack seiner Frau an den Kopf. Auch die Geliebte für den Seitensprung hat er sich schon ausgeguckt: Es ist seine Assistentin. Ehefrau Fiona dagegen fällt aus allen Wolken, ist empört und schmeißt Jack kurzerhand aus der Wohnung. Sie lässt sogar das Türschloss der gemeinsamen Wohnung austauschen, obwohl sie genau weiß, dass das rechtlich nicht zulässig ist. Äußerlich bleibt sie aber diszipliniert und macht ihren Job. Genau in diesem Moment bekommt sie einen besonders eiligen und brisanten Fall vorgelegt. Ein 17-jähriger Junge, der an Leukämie leidet, benötigt dringend eine Bluttransfusion. Aber seine Familie – Zeugen Jehovas – lehnt das aus religiösen Gründen ab. Genauso wie er selbst. Doch ohne Transfusion wird er sterben. Wer sein Blut mit dem eines anderen vermische, der verunreinige es und weise „das wunderbare Geschenk des Schöpfers zurück“, erklärt der Vater vor Gericht.

Diesen spektakulären Fall, den Mc-Ewan hier erzählt, hat es tatsächlich gegeben. Der Autor wurde von einem befreundeten Juristen darauf aufmerksam gemacht. Serviert wird das Ganze von Mc-Ewan mit psychologischem Scharfblick, Realitätssinn, aber auch vorsichtig dosierter Ironie. Eine Mischung, die Leser des inzwischen 66-Jährigen an seinen Romanen schätzen. Richterin Fiona kann und will sich jedenfalls nicht intensiv mit ihren privaten Problemen auseinandersetzen und stürzt sich stattdessen in den aktuellen Fall. Sie weiß, wie heikel das Vorgehen der Justiz gegen religiöse Grundsätze ist. Sie weiß auch, dass die Würde von Patienten und deren Recht, eine Behandlung zu verweigern, ein hohes Gut sind. Doch da Adam noch nicht volljährig ist, hat Fiona die Macht, sich über seinen und den Willen der Eltern hinwegzusetzen. „Nach meiner Überzeugung ist sein Leben wertvoller als seine Würde“, erklärt die Richterin. Eine vernünftige Entscheidung, sollte man meinen. Auch ganz im Sinne des Autors, in dessen Werken sich sein grundsätzliches Plädoyer für Vernunft, für die Suche nach rationalen Lösungen von Konflikten widerspiegelt.

Sie entscheidet sich für die Transfusion, und in Adam, mit fremdem Blut gerettet, erwacht nicht nur neue Lebenslust. Er sagt sich los von den Zeugen Jehovas, verehrt, ja vergöttert nun die Richterin, schreibt ihr Gedichte und verfolgt sie fast wie ein Stalker. Letzteres erscheint zwar vom gesamten Handlungsverlauf etwas merkwürdig, zumal auch die fast 60 Jahre alte Richterin durchaus Gefallen an dem jungen Mann findet, aber insgesamt hat McEwan mit „Kindeswohl“ einen reifen Roman geschrieben. Er beeindruckt einen bei der Lektüre vor allem durch seinen schnörkellosen Stil. Man taucht für ein paar Stunden ein in die Denkweise, die sich bei einer heiklen Profession wie der einer Familienrichterin ergibt, und schaut gleichzeitig gebannt auf die ausufernde Beziehungskrise eines gesellschaftlich etablierten Paares.

Ian McEwan: Kindeswohl. A. d. Engl. v. Mirko Bonné. Diogenes, Zürich. 223 Seiten, 19,90

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