Schweizer spielte mehrere Jahre in Bremen Schauspieler Bruno Ganz ist tot

Schauspieler Bruno Ganz ist gestorben. Der Schweizer spielte zunächst auf Theaterbühnen - darunter fünf Jahre am Theater am Goetheplatz in Bremen. Später wurde der Film zu seinem Metier.
16.02.2019, 11:12
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Schauspieler Bruno Ganz ist tot
Von Hendrik Werner

Der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz ist tot. Er starb im Alter von 77 Jahren in Zürich, wie sein Management am Samstag mitteilte. Zuvor hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" online berichtet.

Ganz war auf der Bühne und im Film einer der Großen seines Fachs. Von der Kritik in höchsten Tönen gelobt und nach seinen eigenen Worten ein Einschnitt in seinem künstlerischen Wirken war seine Verkörperung des Diktators Adolf Hitler in "Der Untergang" (2004). 2017 spielte Ganz in "Der Trafikant" den Psychoanalytiker Sigmund Freud.

Als Sohn eines Schweizer Fabrikarbeiters und einer italienischen Mutter wuchs Ganz in Zürich auf. Schon als Schüler entdeckte er die Bühne für sich. Die von Ganz mitbegründete Berliner Schaubühne wurde in den 1970er Jahren zum Dreh- und Angelpunkt des europäischen Theaterlebens. Dort spielte Ganz unter anderem die Titelrolle in Ibsens "Peer Gynt" und in "Kleists Traum vom Prinzen Homburg".

Verbindung zu Bremen

Vor seiner Berliner Glanzzeit an der Schaubühne spielte Bruno Ganz von 1964 bis 1969 am Bremer Theater am Goetheplatz – während der an Experimenten und Wagnissen reichen Intendanz von Kurt Hübner. In dieser Phase kam es auch zur Mitwirkung an Projekten des Theater-Revolutionärs und -Rowdys Peter Zadek. Damals, betrüblich lang ist’s her, galt die Bremer Bühne bekanntlich bundesweit als Plattform der Schauspiel-Avantgarde. Bruno Ganz triumphierte in dieser Zeit unter anderem in zwei später als legendär gehandelten Peter-Stein-Inszenierungen: In Schillers "Kabale und Liebe" gab er den Beamten Wurm, einen intriganten Repräsentanten des "tintenklecksenden Säkulums". In Goethes autobiografisch grundiertem Künstlerdrama "Torquato Tasso" übernahm er die Titelrolle des wie sein Schöpfer zwischen Politik und Kunst zerrissenen Dichters, dem ein Gott das Leiden aufgegeben hatte. "Hier zeigt man – gar gräßlich anzuschaun / Torquato Tasso, einen hohen clown, / der sich verrenkt & jämmerlich sich windet, / sich selbst den schwanz voll kunst zur schleife bindet", heißt es in einem Gedicht, das Yaak Karsunke dem Akteur nach dem Besuch einer Vorstellung zueignete.

Und tatsächlich: Bruno Ganz, der kühne Bühneninterpret, legte in dieser legendären Inszenierung den zum Opportunismus neigenden italienischen Staatsdichter in grandioser Manier als Hampelmann an, mit dem man alles machen kann. Bruno Ganz aber ließ nicht, nein: nie alles mit sich machen. Das betraf beispielsweise sein ambivalentes Verhältnis zur Regiekaste, bei der er vermehrt auf Mitbestimmungsrechte pochte. Das zeigte später insofern nachhaltige Wirkung, als Ganz im Jahr 2010 seinen Abschied von den Brettern verkündete, auf denen er mit subtilem Spiel die Welt bedeutet hatte. Bereits fünf Jahre zuvor hatte Bruno Ganz damit begonnen, sich auf Filme zu konzentrieren. Vorangegangen war diesem Paradigmenwechsel ein Zerwürfnis – ausgerechnet! – mit dem in Bremen geborenen Regisseur Claus Peymann, damals noch Intendant des Berliner Ensembles. Aus jener Zeit sind auch Ganz‘ beredte Ressentiments hinsichtlich der Mätzchen eines selbstgefälligen Regietheaters überliefert. "Die Jungs machen ihr Theater, und das gefällt mir nicht. Schluss“, beschied der Schauspieler barsch und ultimativ. „Ich muss es nicht machen, weil ich Kino machen kann. Vielleicht würden die das auch lieber, aber das ist ihnen verwehrt."

Erste TV-Rolle in "Die Marquise von O."

Mitte der 70er Jahre wurde der Film zu seinem Metier. Zu den ersten Streifen zählten die Literaturverfilmung "Die Marquise von O." (1976), in der Ganz den Grafen spielte, und Peter Steins Verfilmung der "Sommergäste". Später folgten Werner Herzogs "Nosferatu" (1978) und Volker Schlöndorffs "Die Fälschung" (1981). Unter der Regie von Wim Wenders spielte er 1977 die Hauptrolle in "Der amerikanische Freund" und drehte 1987 "Der Himmel über Berlin".

Im Sommer 2018 sollte Ganz bei den Salzburger Festspielen den Erzähler in der Mozart-Oper "Die Zauberflöte" spielen. Dazu kam es nicht mehr. Die Proben musste er auf dringenden ärztlichen Rat abbrechen.

"Ein großer Verlust"

Mit Trauer und Betroffenheit haben Kultur und Politik auf den Tod des Schauspielers reagiert. Der Schweizer Bundespräsident Alain Berset erklärte am Samstag, Bühne und Film verlören einen großen Schweizer Darsteller. "Selbst in den boshaften Rollen schimmert bei Bruno Ganz und seinen Charakteren immer Menschlichkeit durch. Das macht sein Wirken und Werk so bedeutsam, weil es differenziert und dadurch verstörend wirkt. Er spielte die Rolle nicht, er lebte sie", erklärte Berset in einer Mitteilung.

Der Leiter der Berliner Filmfestspiele, Dieter Kosslick, erinnerte an eine "wunderbare Zusammenarbeit" mit Ganz. Mit Blick auf blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein über Berlin sagte Kosslick während der Berlinale: "Ich habe das Gefühl, dass nichts im Weg sein soll, wenn er auf seinem Weg ist in den "Himmel über Berlin"." "Der Himmel über Berlin" von Regisseur Wim Wenders war einer der bekanntesten Filme, in denen Ganz mitwirkte.

"Wir trauern um den großen Bruno Ganz", twitterte die Berliner Schaubühne. Dort hatte Bruno Ganz in den 1970er Jahren große Rollen verkörpert. Das Schauspielhaus Zürich schrieb auf seiner Webseite: "Wir trauern um den wundervollen Schauspieler Bruno Ganz."

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) schrieb: "Der Tod von Bruno Ganz ist ein großer Verlust für die deutschsprachige Theater- und Filmwelt. Bruno Ganz gehörte zu den Großen seines Metiers. Er hat zum Ensemble der Schaubühne gehört, und Ganz hat in Berlin unter den großen Regisseuren der Zeit gespielt."

++ Diese Meldung wurde um 13.34 Uhr aktualisiert. ++

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