Porträt einer Schauspielerin

Schnurren und Gurren

Aufregend bei Stimme: Wie die wandelbare Aktrice Sascha Maria Icks am Stadttheater Bremerhaven für Furore sorgt.
29.05.2019, 16:52
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Schnurren und Gurren
Von Hendrik Werner
Schnurren und Gurren

Sascha Maria Icks.

Heiko Sandelmann

Was diese Frau so alles treibt in ihrer Paraderolle! Sie tanzt und singt, animiert, protegiert und intrigiert, sie gurrt und schnurrt, und überdies lockt sie auf unwiderstehliche Weise ein für laszive Einflüsterungen empfängliches Publikum – dreisprachig, wie es sich für ein schwüles Etablissement in der verderbten Weimarer Republik gehört: „Willkommen, bienvenue, welcome!“

In Gestalt der Schauspielerin Sascha Maria Icks ist der „Cabaret“-Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven eine bestechende Besetzung für die quirlige Figur des Conférenciers zugewachsen. Wenn die 51-Jährige mit punktgenauen Gesten und souveräner Stimmgewalt den sardonischen Evergreen „Money makes the World Go Around“ intoniert, liegt der verruchte Berliner Kit-Kat-Club für die Dauer der zweieinhalbstündigen Aufführung direkt am Theodor-Heuss-Platz der Seestadt. Am 9. und am 20. Juni ist „Cabaret“ abermals am Großen Haus zu sehen.

Die Uraufführung des Musicals, dessen 1972 erfolgte Verfilmung dem zeitlos heißen Stoff um Dekadenz und politischen Extremismus endgültig Weltruhm eintrug, fand 1966 in New York statt, ein Jahr vor Icks' Geburt in Düsseldorf. Es scheint, als sei der Star der Bremerhavener Schauspielsparte abonniert auf musikalische Unterhaltungswerke, die kurz vor ihrer Ankunft auf Erden entstanden sind. Denn Icks' wohl größter Triumph in jüngerer Vergangenheit war die Titelrolle in der Revue „Édith Piaf“, die dem Lebensweg der 1963 verstorbenen Ausnahmesängerin zwischen Wehmut und Wermut nachspürt. „Der Spatz von Paris tschilpt jetzt in Bremerhaven“, schrieb diese Zeitung 2017 anlässlich der umjubelten Premiere in belobigender Absicht. Und: „Sascha Maria Icks gebietet über eine Stimme, die rotzig und trotzig, empfindsam und aufbegehrend zur gleichen Zeit sein kann.“

Sie genieße die „Schnittmenge von Musik und Schauspiel“, gibt Sascha Maria Icks bei einem nachmittäglichen Treffen im heimeligen Theaterrestaurant „Marlene“ zu Protokoll. Dass zu ihrer Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München das Fach Gesang zählte, hat sich schon bei früheren Festengagements – darunter Mainz, Wuppertal und Frankfurt/Main – ausgezahlt. Auch in der Hauptrolle der exaltierten Stummfilm-Diva Norma Desmond in Andrew Lloyd Webbers Musical „Sunset Boulevard“, dessen Bremerhavener Inszenierung zu Beginn dieser Spielzeit Premiere feierte, kann Sascha Maria Icks ihre Stärken voll ausspielen – und ihren Status als Publikumsliebling festigen (letztmalige Aufführung am 14. Juni im Großen Haus).

Dass diese aufmerksam anmutende Frau mit dem lockigen schwarzen Haar und den feinen Gesichtszügen für die Bühne bestimmt ist, mag ihr in die Wiege gelegt worden sein – und doch wieder nicht. Zwar war Icks' Vater Schauspieler, ihre Mutter Tänzerin. Entsprechend viele auf Entbehrungen basierende Vorbehalte hatten allerdings beide Elternteile, was den Gang ihrer Tochter in eine ungesicherte Künstlerexistenz angeht. Also schrieb sich Sascha Maria zunächst gemäß der Empfehlung eines Berufsberaters an der Universität Hamburg ein, um Japanologie und Jura zu studieren. Als sie nach zwei Jahren mit den Fächern und der Akademie haderte, mündete die „vorübergehende Lern- und Sinnkrise“ in ein erneutes Anbandeln mit ihrer ersten Liebe, der Schauspielerei, der sie sich seit seligen Schülertheater-Tagen verbunden fühlt. Der anschließende Vorsprechmarathon an den Theaterschulen der Republik, eine strapaziöse Üblichkeit für angehende Akteure, sei ein „einziges Bangen und Flattern“ gewesen, gibt Icks zu Protokoll. Gewiss eine gute Vorübung für die Beichte gegenüber ihren Eltern, nachdem sie an der renommierten Fachakademie für darstellende Kunst in München angenommen worden war.

Leicht fiel es Icks nach eigenem Bekunden nicht, sich während der dreieinhalbjährigen Ausbildung von den Eltern finanzieren zu lassen. Umso schöner war es für sie, als sich erste Erfolge einstellten. Nicht bloß auf jenen Brettern, auf denen die Aktrice der Welt wechselnde Bedeutung zumessen durfte – die Fachzeitschrift „Theater heute“ nominierte sie im Jahr 2000 als „beste Nachwuchsschauspielerin“ –, sondern auch an anders gearteten Spielstätten. So ermöglichte die sonore Stimme, die ihr gegeben ist, in Kombination mit gründlicher Schulung des Organs eine zusätzliche Laufbahn als Sprecherin von Features, Hörspielen und -büchern.

Fünf bis sechs Theaterarbeiten absolviert sie im Jahr, darunter größere und kleinere Produktionen. Auch im Schauspielbetrieb ist Arbeitsverdichtung angesichts schrumpfender Ensembles längst eine Alltagsrealität, Müßiggang eine Rarität. Sie arbeite sehr gern, bescheidet Sascha Maria Icks, die als diszipliniert gilt und von „starken Ansprüchen an eigene Leistungen“ spricht.

Auch in der kommenden Spielzeit wird ihre mit Perfektionsambitionen gepaarte Virtuosität wiederholt zu sehen sein. Gesetzt ist sie für Tankred Dorsts Solo „Ich, Feuerbach“ (1986), das Intendant Ulrich Mokrusch mit ihr im Kleinen Haus einstudiert (Premiere: 20. September). Man darf auch deshalb gespannt darauf sein, wie Icks diese Rolle als alternder Schauspieler anlegen wird, weil der Monolog für einen Mann konzipiert wurde. In der Bühnenadaption von Günter Grass' „Die Blechtrommel“ (Premiere: 9. November) spielt sie die Mutter von Oskar Matzerath und weitere zwei Frauen. Und es wäre schon sehr verwunderlich, wenn dieser zierlichen Frau mit der großen Stimme nicht ein angemessener Part bei einer Rio-Reiser-Revue zugedacht würde, die im Februar 2020 ihre Uraufführung erlebt.

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