Neu im Kino: „Die getäuschte Frau“ der niederländischen Regisseurin Sacha Polak will unbedingt Kunstkino sein Schockstarre mit schwarzem Hund

Bremen. Ninas Leben verwandelt sich plötzlich in eine Tragödie: Der Mann, mit dem sie jahrelang zusammengelebt hat und der der Vater ihrer Tochter Pien ist, stirbt bei einem Unfall. Doch das ist noch nicht alles.
30.07.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Schockstarre mit schwarzem Hund
Von Iris Hetscher

Ninas Leben verwandelt sich plötzlich in eine Tragödie: Der Mann, mit dem sie jahrelang zusammengelebt hat und der der Vater ihrer Tochter Pien ist, stirbt bei einem Unfall. Doch das ist noch nicht alles. Denn Boris hatte noch eine andere Familie. Eine blonde Frau und zwei Söhne in einem Häuschen mit Garten, zu dem auch ein netter schwarzer Hund gehört. Das ist zu viel für Nina (Wende Snijders) – sie verliert jeglichen Halt, zieht rastlos durch die Gegend.

„Die getäuschte Frau“ hat die niederländische Regisseurin Sacha Polak ihren Film genannt, der bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen in Berlin im „Forum des jungen Films“ seine Premiere feierte. Jetzt läuft die knapp eineinhalb Stunden lange Produktion in den Kinos an, wirkt um einiges länger – und mutet dem Zuschauer viel zu. Denn wer sich vorher nicht informiert hat, um was es geht, wird das Geschehen zunächst einfach nur wirr finden. Polak erzählt die Geschichte weder linear noch chronologisch. Nach einem surrealistischen Startbild mit einem Geparden auf einer Landstraße und einem Auto, das halb im Graben liegt, folgt gleich ein nicht minder rätselhafter Zwischentitel: „Teil zwei: der Hund“.

Von dem Tier fehlt lange Zeit jede Spur, dafür folgt die Kamera Nina auf ihrer Odyssee über Autobahnraststätten, in Lkw-Fahrerkabinen, zu Mietwagenfirmen und über niederländische und deutsche Autobahnen. Bonjour Tristesse. Nina lässt sich treiben; die collagenhaft aneinandermontierten Bilder sind Momentaufnahmen aus ihrem Alltag, häufig sind es Großaufnahmen von ihrem Gesicht. Gesprochen wird wenig und wenn, dann ist es belanglos, viel erfährt man nicht über die Hauptfigur. Nina hat die Täuschung und den Tod tief in sich hineingefressen, und das nagt nun an ihr – doch stellen will sie sich dem doppelten Verlust nicht. Das führt schließlich dazu, dass sie das einzige Fünkchen Hoffnung, eine Liaison mit dem deutschen Lkw-Fahrer Matthias (Sascha Alexander Gersak), in die Brüche gehen lässt; er will, dass sie sich öffnet, sie zieht sich nur noch weiter in sich zurück.

Der schwarze Hund, den sie inzwischen von der anderen Familie ihres toten Mannes – der ebenfalls Lkw-Fahrer war (!) – entführt hat, überlebt das nicht. Nach diesem Teil fügt Sacha Polak „Teil eins: Boris“ an, mit einer etwas dichter gesponnenen Vorgeschichte um die Beerdigung herum, erzählt wird zudem nicht mehr nur aus Ninas Perspektive.

Leider hat Sacha Polak auch diesen Teil mit zu viel Willen zum Kunstfilm überfrachtet, weshalb Ninas Schicksal den Zuschauer auch nie packt. Die Hauptfigur verharrt in ihrer autistischen Schockstarre, und der Film weidet sich mit kühler Berechnung daran. Was Beklemmung auslösen und Desorientierung vermitteln soll, wirkt trotz des ausdrucksvollen Gesichts von Wende Snijders daher über weite Strecken nur prätentiös.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+