Shakespeare Company thematisiert den Nordwolle-Niedergang

Schwerer Stoff

Bremen. Welch ein ambitioniertes Projekt: Drei Semester lang haben sich Studierende der Geschichtswissenschaft der Uni Bremen mit dem Aufstieg und Fall der Bremer Dynastie Lahusen und ihres Textilunternehmens Nordwolle auseinandergesetzt. 2000 Seiten mit transkribierten Quellen sind dabei zusammengekommen, demnächst werden daraus gleich zwei Bücher produziert.
21.05.2015, 00:00
Lesedauer: 1 Min
Zur Merkliste
Schwerer Stoff
Von Iris Hetscher

Welch ein ambitioniertes Projekt: Drei Semester lang haben sich Studierende der Geschichtswissenschaft der Uni Bremen mit dem Aufstieg und Fall der Bremer Dynastie Lahusen und ihres Textilunternehmens Nordwolle auseinandergesetzt. 2000 Seiten mit transkribierten Quellen sind dabei zusammengekommen, demnächst werden daraus gleich zwei Bücher produziert. Aus diesen 2000 Seiten hat Peter Lüchinger für die Shakespeare Company zudem eine szenische Lesung für die Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“ zusammengestellt, die am Dienstagabend unter dem Titel „Prunk und Pleite einer Unternehmerdynastie“ Premiere hatte. Die Geschichte ist ein veritabler Wirtschaftskrimi, der 1931 eine nationale Bankenkrise auslöste: Das einst florierende Unternehmen mit Sitz in Delmenhorst und mehr als 20 000 Mitarbeitern geht in Konkurs. In den Jahren zuvor hatte vor allem Carl Georg Lahusen massiv getrickst, Buchungen und Bilanzen gefälscht, Kreditgeber und Banken belogen, hohe Dividenden gezahlt, obwohl das Unternehmen bereits mit 135 Millionen Reichsmark im Soll stand. Privat ließ die Familie es sich gut gehen, baute sich für mehrere Millionen Reichsmark einen Stammsitz mit 107 Zimmern. Gescheitert sei man letztlich an dem „jüdischen Bankenwesen“, so die Lahusens. Von Selbstkritik keine Spur. Ach ja: Die Familie unterstützte bereits früh die NSDAP mit Geldspenden. Fünf Schauspieler teilen sich den Text auf einer mit weißen Blättern übersäten Bühne. Das Publikum bekommt eine Unmenge an Zahlen, Fakten und Namen serviert – wer nicht ständig auf Zack ist, hat Mühe, über immerhin zweidreiviertel Stunden zu folgen und zu verstehen. Ein Erzähler, der ab und an zusammenfasst, erklärt, bewertet, hätte dies sicher erleichtert und zudem die Chance geboten, sich auf einzelne Szenen zu konzentrieren und diesen mehr Leben einzuhauchen. Das klappt nach der Pause ansatzweise, wenn in einer nachgestellten Gerichtsverhandlung das ganze Ausmaß des Missmanagements klar wird. Die Frage bleibt, ob Dokumentartheater für diese komplexe Geschichte nicht schlicht die falsche, weil medial zu begrenzte Form ist. Ein klug strukturierter Dokumentarfilm über die Lahusenes wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen.

Die nächsten Termine: 29. Mai, 4. und 9. Juni, 19.30 Uhr, Theater am Leibnizplatz.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+