Bremer Shakespeare Company zeigt „Wie es euch gefällt“ als verspielte Komödie mit doppeltem Boden

Sicher ist nie gar nichts

Bremen. Alle Ordnung ist futsch. Am Hof der Familie de Boys’ herrschen Streit und Rachsucht, der ältere Bruder Oliver verweigert dem jüngeren Orlando Geld und Bildung, Herzog Frederick, selbst durch einen Putsch an die Macht gekommen, verbannt seine Ziehtochter Rosalind und gleich auch noch seine Tochter Celia.
18.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Sicher ist nie gar nichts
Von Iris Hetscher

Alle Ordnung ist futsch. Am Hof der Familie de Boys’ herrschen Streit und Rachsucht, der ältere Bruder Oliver verweigert dem jüngeren Orlando Geld und Bildung, Herzog Frederick, selbst durch einen Putsch an die Macht gekommen, verbannt seine Ziehtochter Rosalind und gleich auch noch seine Tochter Celia. Hofnarr Prüfstein schließt sich ihnen an. Auch Orlando muss fliehen, der Herzog ist auch ihm nicht wohlgesinnt, nachdem Orlando seinen Bodyguard Charles böse vermöbelt hat. Vorher haben sich Rosalind und Orlando aber noch ineinander verguckt. So beginnt eine von William Shakespeares populärsten Komödien, „Wie es euch gefällt“, die im weiteren Verlauf nur noch am Rande mit Hof- und Adelsintrigen zu tun hat – der Großteil der Handlung spielt an einem Ort ohne Regeln: im Wald.

In diesem weltentrückten Setting verhandelt das Stück weiterhin seine Themen, da geht es um den Verlust von Sicherheit, das Ringen um Identität(en), die Lust am Rollentausch. Und die vielen Möglichkeiten der Liebe. Das genau ist es, was die heutigen Zuschauer in den Bann schlägt, während die Zuschauer bei der Uraufführung im Jahr 1600 sicher ebenso stark die gesellschaftsanalytischen Untertöne der Komödie gespürt haben mögen: Das Zeitalter Elisabeth I. neigte sich dem Ende zu, die große Nation geriet ins Wanken, jeder suchte nach seinem Platz.

Doch zurück zur Liebe und in die Jetztzeit. Für die Bremer Shakespeare Company hat Thomas Weber-Schallauer „Wie es euch gefällt“ (As you like it) als letzte Premiere der Spielzeit inszeniert. Er stellt den leichten, spielerischen, ja karnevalesken Aspekt des Stücks in den Vordergrund und profitiert dabei von einem glänzend aufgelegten Ensemble – sechs Schauspielern in 18 Rollen, die sie ausnahmslos bravourös und mit viel Spaß an der Gaukelei bewältigen. Im Zentrum stehen Rosalind (Theresa Rose), die sich auf ihrer Flucht als Mann verkleidet und Ganymed nennt, und Orlando (Philipp Michael Börner), der nach Rosalind sucht, aber nur Ganymed findet, der – Achtung – dem liebeskranken Orlando wiederum vorschlägt, für ihn Rosalind zu mimen. Durch diesen typisch Shakespeareschen Kunstgriff kann das Paar sich testen, sich aneinander abarbeiten, ohne in typische Mann-Frau-Muster zu verfallen. Das führt naturgemäß zu einer Reihe von pointierten Schlagabtäuschen über das Wesen der Liebe an und für sich, bei denen Börner und Rose sich die Bälle spritzig und pfeilschnell zuwerfen.

Kaum ist eine inhaltliche Position geäußert, folgt auch schon das Kontra – das Paar ist zudem von diversen anderen Liebes- und Lebensauffassungen umgeben. Denn im Wald, diesem Ort, der allen und keinem gehört, hat sich der alte König mit Gefolge angesiedelt und eine Art friedliches Gegenregime zur Tyrannei seines Bruders aufgebaut. Mit von der Partie sind zudem Schäfer und Schäferinnen, die wie in einer Paro-

die der klassischen Pastoralen weniger die unschuldigen Kinder einer Idylle denn bäurische Naivlinge sind. Am anderen Ende der Skala gibt es dagegen ausschließlich Verachtung für die Romantik: Da schleudert der schlaue Narr Prüfstein seine Spottpfeile (fabelhaft: Christian Bergmann), und Svea Meiken Auerbach gibt den Edelmann Jacques als melancholisch-intellektuellen Verächter weltlicher Genüsse. Dieses komplexe wie ironische Ja-Nein-Hin- und Her-Geplänkel hat Wolters-Schallauer durch eine weitere Scharade gedoppelt: Die Schäferinnen werden von Erik Roßbander und Christian Bergmann gegeben, was sich durch deren zugleich urkomisches wie völlig un-tuntiges Spiel völlig logisch ins Konzept fügt.

Das gilt auch für das karge wie kluge Bühnenbild von Heike Neugebauer, das einen weiteren Guckkasten auf die Bühne stellt; der Wald wird sparsam durch Baum-Silhouetten angedeutet, ab und an wird auch mal ein Brett durch die Gegend getragen, dazu klimpert eine Gitarre Country-Klänge. Am Ende löst sich – es ist ja eine Komödie – alles in Wohlgefallen auf. Der fiese Anfang ist vergessen, die Bösen bereuen, die Guten gewinnen. Bis zum nächsten Mal. Denn sicher ist nie gar nichts.

Die nächsten Termine: 18., 23. April, 19.30 Uhr, 15., 23. Mai, 19.30 Uhr

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