Sinkende Flusspegelstände Wenn die Lebensadern schwinden

Noch bedroht die Dürre den Pegelstand der Weser nicht so stark wie den anderer Flüsse. Aber Experten sind sich einig, dass die Niedrigstände auch in der Region langfristig schwere Folgen haben.
16.08.2022, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Björn Lohmann
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42 Prozent weniger Niederschlag in den vergangenen 29 Tagen im Vergleich zum Durchschnitt des gleichen Zeitraums in den Jahren 1961 bis 1990 – das meldete die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) am 4. August dieses Jahres für die Weser-Region. Damit steht die Weser zwar besser da als der Rhein, dem abschnittsweise bis zu drei Viertel des üblichen Wasserzugangs fehlen. Doch auch für die Weser gilt: Der Klimawandel führt langfristig zu häufigeren und längeren Dürren und damit mehr Niedrigwasserständen. Das kann Schifffahrt, Wirtschaft und Ökosystemen Probleme bereiten.

Zwar verweist Jens Köhne vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Weser auf einen Bericht der BfG, der besagt, dass die gegenwärtige Häufung von Niedrigwassersituationen noch zur natürlichen Variabilität gehört. Das Bundesamt warnt jedoch: „In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts ist hingegen an den meisten betrachteten Pegeln mit einer deutlichen Intensivierung von Niedrigwassersituationen zu rechnen.“

Weser noch gut aufgestellt

Die Weser ist im Vergleich zu den meisten deutschen Flüssen in einer komfortablen Situation: Ihr Pegelstand kann durch die Edertalsperre über Eder und Fulda reguliert werden, berichtet Boris Lehmann, Professor für Wasserbau und Hydraulik an der TU Darmstadt. Dürren seien daher bislang kein Problem gewesen, resümiert das niedersächsische Umweltministerium, auch wenn es 2003 und 2018 sehr trockene Zustände gegeben habe.

Bundesweit sank 2018 die Menge der per Schiff transportierten Güter verglichen mit dem Vorjahr um elf Prozent ab. Denn um nicht auf Grund zu laufen, müssen die Schiffe weniger zuladen – oder zeitweise die Fahrt ganz einstellen. Das hat nicht nur für die Wirtschaft Folgen, der Rohstoffe oder Bauteile fehlen, sondern auch für die Stromerzeugung, da weniger fossile Brennstoffe die Kraftwerke erreichen.

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Außerdem nutzen viele Unternehmen Flusswasser als Prozess- oder Kühlwasser. Sinkt der Pegelstand zu tief, können Pumpenansaugstutzen kein Wasser mehr ziehen, erläutert Wasserbauexperte Lehmann. Zudem erwärmt sich die geringere Wassermenge im Flussbett schneller und die Kühlleistung sinkt. Besonders deutlich sieht man das in Frankreich, wo in den vergangenen Sommern reihenweise die Atomkraftwerke abgeschaltet werden mussten, weil die Kühlung nicht mehr zu gewährleisten war. Auch jetzt gerade treiben Hitze und Dürre in Frankreich wieder europaweit die Börsenstrompreise zusätzlich in die Höhe. Lehmann rät daher, wo möglich als Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel alternative temporäre Wasserversorgungen zu installieren.

Hohe Konzentration an Algen

„Auswirkungen auf die Großkraftwerke sind in allen Flüssen spürbar, werden aber durch die Dekarbonisierung unserer Energieversorgung und den Atomausstieg zumindest mittelfristig abnehmen“, hofft Karsten Rinke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg. Ihm bereiten vor allem die ökologischen Dürrefolgen Sorgen. „Die großen Fließgewässer sind unsere Autobahnen für wassergebundene Abfallbeseitigung in Richtung Meer“, sagt Rinke. Nähr- und Schadstoffe seien zwar durch die Abwasserreinigung erheblich reduziert worden, aber das Abwasser habe im Vergleich zum natürlichen Flusswasser immer noch um den Faktor zehn bis 100 erhöhte Gehalte an Stickstoff, Phosphor und organischen Substanzen. Bei Niedrigwasser könne der Anteil gereinigten Abwassers in Rhein, Elbe und Oder abschnittsweise über 40 Prozent des Abflusses betragen.

Die Folge sind extrem hohe Algenkonzentrationen und starke Schwankungen des Sauerstoffgehaltes sowie des pH-Wertes. „Bei zu geringen Sauerstoffverhältnissen oder ungünstigen pH-Verhältnissen kommt es zu Fischsterben“, weiß Umweltforscher Rinke. „Wenn Fische sterben, sterben natürlich auch andere Organismen wie Muscheln und Insektenlarven.“ Durch die Erhöhung der Schadstoffkonzentrationen könne es auch zu Schadstoffanreicherungen in den Organismen kommen, die im Fall von Fischen die menschliche Nahrungsversorgung erreichten.

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„Als Anpassung daran werden wir in Zukunft unsere Ansprüche an die Abwasseraufbereitung – die im internationalen Vergleich bereits in der obersten Liga rangiert – weiter steigern müssen, damit das verminderte Verdünnungspotenzial nicht zu Schäden in den Ökosystemen führt", empfiehlt Rinke.

Auwälder trocknen aus

Ebenso setzt die höhere Wassertemperatur den Flussbewohnern zu. Zehn Grad mehr verdoppeln und verdreifachen bei wechselwarmen Flusstieren die Stoffwechselrate – das Energiedefizit ist meist nicht zu kompensieren, berichtet das BfG. 2003 gab es ein Massensterben der Muscheln im Rhein. In Staubereichen der Mosel folgte daraus 2018 und 2019 eine sogenannte Blaualgenblüte. Diese Bakterien erzeugen teilweise Giftstoffe, die auch für Menschen problematisch sind. Nicht zuletzt wandern hitzeempfindliche Tierarten in höhere Flusslagen ab oder sterben aus, und bislang nicht heimische Arten können in ein Ökosystem eindringen und es massiv verändern.

Und vor noch einem dritten Effekt warnt Ökologe Rinke: „Es trocknen die Altarme und Altwässer entlang der Flüsse aus und es sterben die Auwälder durch Austrocknung. Diese sehr artenreichen Lebensräume gehen verloren und damit auch die dazugehörigen Arten." Der Fachmann rät bei kleinen Flüssen zur Beschattung durch Bäume, generell zu einer Renaturierung der Flussläufe.

Trotz der Besonderheit der Weser können manche dieser Folgen des Klimawandels auch hier bereits beobachtet werden, wie Ministeriumspressesprecherin Stefanie Gaffron betont: „Die Niedrigwasserabflüsse haben im Hauptstrom der Weser in den letzten rund 60 Jahren relativ deutlich abgenommen.“ Die Häufigkeit und Dauer von Niedrigwasser könne sich der Forschung zufolge an der Weser in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts tendenziell leicht erhöhen, „allerdings nicht so deutlich wie die Niedrigwasserintensität“ – sprich: Vor allem werden die Pegelstände und Durchflussmengen bei Niedrigwasser noch niedriger ausfallen. Damit dürfte ab Mitte des Jahrhunderts all das, was Fachleuten für viele andere Flüsse schon heute Sorgen bereitet, auch in unserer Region Realität werden.

Zur Sache

Flüsse und Grundwasser

Umweltforscher Karsten Rinke erklärt den Zusammenhang zwischen Dürre, Grundwasser und Flusspegelständen: „Der Abfluss bei langen niederschlagsfreien Zeiten, der sogenannte Basisabfluss, rekrutiert sich aus dem Grundwasser. Je weiter der Grundwasserspiegel absinkt, desto geringer ist der daraus gespeiste Basisabfluss. Im Falle von langfristigen Dürren, wie wir sie seit 2018 vielerorts ausgeprägt sehen, sinkt der Niedrigwasserabfluss nachhaltig und erreicht sehr schnell geringe Werte bei ausbleibendem Regen. Es gilt also langfristig, den Wasserrückhalt in der Landschaft zu maximieren, denn das Grundwasser ist der größte und beste Wasserspeicher im Land. Sogenannte schnelle Abflusskomponenten – zum  Beispiel von versiegelten Flächen oder Entwässerungsmaßnahmen wie Drainagen – müssen in langsame Abflusskomponenten verwandelt werden, in denen das Wasser versickert anstatt abzulaufen. Alles Wasser, das in den Fluss kommt, ist ein bis zwei Wochen später im Meer und damit für das Land verloren. Das hilft übrigens auch bei Hochwassersituationen und Starkregen und unterstützt die landwirtschaftliche Produktion."

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