Moritz Bleibtreu über seine Definition von Schuld und seine Einschätzung des Autors Ferdinand von Schirach „Situationen, in die wir alle geraten können“

Moritz Bleibtreu spielt in der ZDF-Miniserie „Schuld“ das Alter Ego von Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach. Wiebke Ramm sprach mit ihm über Anwälte, Bierklauen mit 13 und das Bügeln von Hüten morgens um 5 Uhr.
19.02.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Wiebke Ramm

Moritz Bleibtreu spielt in der ZDF-Miniserie „Schuld“ das Alter Ego von Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach. Wiebke Ramm sprach mit ihm über Anwälte, Bierklauen mit 13 und das Bügeln von Hüten morgens um 5 Uhr.

Sie spielen den Strafverteidiger Friedrich Kronberg, das Alter Ego von Ferdinand von Schirach. Wie sind Sie an die Rolle herangegangen?

Moritz Bleibtreu: Bevor ich Ferdinand kennengelernt habe, habe ich über die Lektüre seiner Bücher nach Bildern gesucht, die etwas über die Psychologie der Figur verraten. Der Anwalt trägt in seinen Geschichten ja irgendwie ein Geheimnis vor sich her. Wir erfahren eigentlich gar nichts über ihn. Wir wissen nicht, ob er verheiratet ist, wissen nicht, wie es um seine familiäre Situation steht. Er funktioniert wie ein Neutrum, das uns durch die Fälle begleitet. Und da hatte ich den Einfall, dass er raucht.

Es verrät etwas über einen Menschen, wenn er raucht?

Ich glaube schon. Rauchen ist ja nichts Alltägliches mehr. Man soll es ja auch nicht machen. Heutzutage schafft man sich über das Rauchen eine extreme Distanz. Und ich fand es als Bild schön: Er ist immer ein bisschen für sich in seiner Rauchwolke. Das war die Idee. Ich habe sie dann Oliver Berben, unseren Produzenten, erzählt. Und dann sagt Oliver: „Und weißt du was? Ferdinand von Schirach raucht Kette.“ Das ist jetzt gemein, entschuldige Ferdinand! Er raucht. Wie ich auch.

War er denn auch sonst so, wie Sie ihn sich vorgestellt haben?

Verrückterweise, ja. Ich hatte das Bild von jemandem, der einen sehr geordneten Tagesablauf braucht, um mit all diesem Wahnsinn, der ihm täglich begegnet, umgehen zu können, der sehr gefasst sein muss. Mein Opa war so ein Mensch. Er hat ein wahnsinniges Leben gehabt. Um damit klarzukommen, musste er wahrscheinlich einen sehr geregelten Alltag haben. Er ist jeden Morgen um 5 Uhr aufgestanden und hat seinen Hut gebügelt. Immer zur selben Zeit. Er hat immer zur selben Zeit Kaffee getrunken, zur selben Zeit Mittag gegessen. So etwas hatte ich vor Augen.

Wie hat Herr Schirach auf Ihre Überlegungen reagiert?

Ferdinand hat nur sehr wohlwollend genickt und gemeint: „Ja, das ist durchaus nicht falsch, was Sie da sagen.“ Abgefahrenerweise übrigens auch, was die Klamotten betrifft. Ich weiß es noch genau: Ich kam zur ersten Kostümprobe, und da hingen nur schwarze Anzüge. Da habe ich gesagt: Nee, der trägt keinen schwarzen Anzug. Mehr so Tweed, mal eine Cordhose, Armpatches, Leinensakkos. Stilvoll, aber nie uniformiert. Schuhe, die nicht zur Hose passen. Die Hose nicht passend zum Sakko. Ja, und dann saß er vor mir. Und er sah wirklich genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe.

Hat sich durch die Arbeit an der Serie Ihr Blick auf unser Rechtssystem verändert?

Es hat meinen Blick verfeinert. Ich weiß jetzt viel mehr darüber, wie Strafrecht funktioniert. Mir haben die Gespräche mit Ferdinand wahnsinnig viel Spaß gemacht. Ich habe auch lange und oft daran zurückgedacht. Sie haben mir einen neuen Blickwinkel eröffnet. Das ist wie mit dem rotierenden Apfel, der in der Serie immer wieder auftaucht: Man muss ihn von allen Seiten betrachten. Der Rechtsstaat funktioniert nach Regeln, nicht nach Moral. Und es muss immer um die Frage nach der individuellen Schuld gehen. Man kommt nicht umhin, die Dinge genau zu betrachten. Wenn wir das nicht tun, landen wir in einem totalitären System.

Was ist Schuld? Herr von Schirach würde sagen: Der Mensch. Was sagen Sie?

Schuld ist Teil unseres Lernprozesses, die Essenz dessen, was wir für gut oder falsch halten. Und dieses Etwas ist extrem individuell. Ich mache jeden Tag zehn Dinge, von denen ich am nächsten Tag sage, das hättest du dir auch schenken können. Und ich mache mindestens einmal die Woche etwas, was mir echt leidtut. Du kannst viel Scheiße bauen, solange du anderen damit nicht schadest. Aber in dem Moment, in dem du einem anderen Menschen schadest, ist eine Grenze überschritten, die niemals überschritten werden darf. Das ist meine Definition von Schuld.

Apropos Mist bauen: Im Alter von 13 Jahren sollen Sie in einem Obstladen Bier geklaut haben.

Ja. Und ich habe mich dabei erwischen lassen. Natürlich hat meine Mutter davon erfahren. Und das Erste, was sie gesagt hat: „Du, pass mal auf: Klauen ist sowieso schon mal scheiße. Aber das war ein Familienladen, die haben wahrscheinlich drei Kinder, verkaufen da ihr Obst und du klaust denen Bier. Hättest du das bei Penny gemacht, nicht so schlimm, die können sich das leisten. Das ist auch scheiße, aber nicht so schlimm wie das, was du getan hast.“ Das ist jetzt natürlich keine Einladung, bei Penny klauen zu gehen. Dort ist es genauso falsch wie überall.

Und war dann diese Erfahrung für Sie ein Schlüsselerlebnis?

Ich habe das zum Glück in einem Alter gemacht, wo es keine wirklichen Konsequenzen für mich gab. Ich bin aber auch nie jemand gewesen mit krimineller Energie. Ich habe halt Quatsch mitgemacht. Ich wollte mutig sein. Ich wollte ein cooler Hund sein. Interessant aber ist: Auch die meisten Leute, die wirkliche Verbrechen begehen, tun das nicht aus krimineller Energie. Nur die allerwenigsten gehen wirklich kaltblütig und berechnend vor. Auch in unserer Serie ist nicht ein Fall dabei, bei dem ich sagen würde: Der Täter hat wirklich kriminelle Energie. Es sind Situationen, in die wir alle geraten können. Der Täter steckt in uns allen. Das kann dem nicht gefestigten Menschen unter den falschen Umständen schneller passieren, als er denkt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+