Noch ein Roman, noch eine Uraufführung: Schauspiel zeigt Thomas Melles Prekariatsmärchen „3000 Euro“

Spielfreude und Sozialkitsch

Bremen. Zu Beginn der Aufführung, als das Wünschen eventuell noch hilft, ertönt aus dem Off eine Stimme, die Dichterworte spricht. Der erste Satz stammt indes nicht von Thomas Melle, dessen 2014 erschienenen Roman, „3000 Euro“, Anne Sophie Domenz und Marianne Seidler bis zur Bühnentauglichkeit bearbeitet haben.
10.05.2015, 00:00
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Spielfreude und Sozialkitsch
Von Hendrik Werner

Zu Beginn der Aufführung, als das Wünschen eventuell noch hilft, ertönt aus dem Off eine Stimme, die Dichterworte spricht. Der erste Satz stammt indes nicht von Thomas Melle, dessen 2014 erschienenen Roman, „3000 Euro“, Anne Sophie Domenz und Marianne Seidler bis zur Bühnentauglichkeit bearbeitet haben. Die Erinnerung sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, lässt besagte Stimme das Publikum wissen.

Dieser idealistisch verbrämte Aphorismus des Frühromantikers Jean Paul kann in den folgenden beiden Stunden als programmatischer Subtext mitgedacht werden. Denn er legt die Lesart nahe, dass die so hyperreal wie surreal anmutende Liebesgeschichte der Supermarktkassierin Denise (Zweitjob: Internetporno-Starlet) und des obdachlosen Flaschensammlers Anton (Zweitjob: zynische Zitatschleuder) sich so oder ähnlich tatsächlich zugetragen haben könnte. Vielleicht aber ist diese Geschichte einer Liebe gegen alle Wahrscheinlichkeit auch nur das Objekt einer Gedächtnisklitterung oder imaginären Wunscherfüllung.

Ästhetik wichtiger als Realitätsnähe

Zweifelsfrei fest immerhin steht: Die dringend unter Überkonstruktionsverdacht stehende Geschichte um 3000 Euro, die Anton dringend braucht und die Denise ins Haus stehen, ist das Produkt eines fantasiebegabten Autors. Beziehungsweise dessen Illustration durch eine erfreulich bildmächtige Regisseurin. Denn für beide scheint Realitätsnähe gegenüber Ästhetik ein nachgeordnetes Kriterium zu sein. „Nach einer Woche“, heißt es am Ende des abwechslungsreichen Abends über Denises schwindende Gedanken an Anton „begann sie, sich Sorgen zu machen, klopfte die letzten Gespräche, die Reste, an die sie sich erinnern konnte, auf Abschiedshinweise ab“.

Anne Sophie Domenz (Regie und Bühne) entfaltet auch in ihrer zweiten Inszenierung am Kleinen Haus (nach dem Schiller-Trauerspiel „Maria Stuart“ im Juni 2014) eine staunenswerte Suggestivkraft. Nicht nur, aber auch bezüglich der Ausstattung: Eine riesige Hüpfburg in einem besonders scheußlichen Grünton und mit besonders scheußlichen Ungeheuerköpfen setzt sie dem Publikum vor. Im Hintergrund fließt und rinnt und tröpfelt in Gestalt von Videoprojektionen (Jonas Alsleben) Flüssigkeit die Stellwände herab. Keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hat. Aber es sieht verdammt gut aus. Selbst dann noch, als kurz vor der Pause die Luft raus ist – aus der Hüpfburg – und nach der Pause die Bühne mit ziemlich viel Wasser geflutet wird.

„3000 Euro“ ist nach „Sickster“ bereits die zweite Romanadaption des hiesigen Schauspiels nach Thomas Melle, der 2008 mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis bedacht wurde. Und auch diese Produktion ist eine Uraufführung („Sickster“ hatte im Oktober 2012 Felix Rothenhäusler inszeniert). Der Romancier war – wie unlängst auch Joachim Lottmann bei der Uraufführung von „Endlich Kokain“ – zugegen. Was er sah, war ein revueartiger Szenenreigen, der viel von seinem mal kunstvollen, mal artifiziellen, mal bildungshubernden Text bewahrt. (Thomas Melle, geboren 1975, ist zumindest als Autor offenbar noch nicht so ganz von seinem Philosophie- und Philologiestudium genesen.)

Was er auch sah: sehr wendige Ensemblemitglieder, die sich passioniert in den schönen Ruinen seiner Prosa und in den Abgründen der allegorischen Hüpfburg wälzten (es hätte wohl auch ein Ponyhof oder eine Baustelle sein können). Paul Matzke ist als Anton ein agiler Sophist, der seine höchste Geldnot in hörenswerte Bonmots ummünzt. Nadine Geyersbach, die erst vor gut zwei Wochen die zweite Hauptrolle der Denise übernommen hatte, gibt überzeugend, ja phasenweise anrührend eine prekäre Kodderschnauze, die ihre empfindsamen Selbstzweifel nur unzureichend verbergen kann. Wohltuend selten driften die Akteure in ironiefreien Sozialkitsch ab. Wenn sie es aber tun, wird es ganz gefühlig: Etwa wenn Matzkes Anton singt: „3000 Euro – was ist das schon? / 3000 Euro – manch Telefon / Kostet mehr, als was mir fehlt / Damit mein Leben wieder zählt.“

In diversen Nebenrollen verkörpern die wandelbaren Schauspieler Annemaaike Bakker, Alexander Swoboda und Andy Zondag in ziemlich schrägen Kostümen (gut geschneidert, Julia Borchert!) ziemlich schräge Typen. Das Kind Carola Marschhausen, das schon bei den Jungen Akteuren begeisterte, spricht bravourös den Epilog. Für den freundlichen Schlussapplaus kann sich Anton zwar nichts kaufen. Ensemble und Autor aber wirkten erleichtert.

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