Hendrik Werner über Schriftkultur Sprachdefizite im Land der Dichter und Denker

Dieser Dienstag ist ein symbolisch bedeutsamer Tag für zwei unverzichtbare Kulturtechniken. Es ist Weltalphabetisierungstag.
08.09.2015, 00:00
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Dieser Dienstag ist ein symbolisch bedeutsamer Tag für zwei unverzichtbare Kulturtechniken. Es ist Weltalphabetisierungstag. Der Appell seiner Initiatoren, sich die Welt lesend und schreibend zu erschließen, betrifft das Land der Dichter und Denker viel stärker, als es die nationale Rechtschreibpolizei in Gestalt von Bildungsbehörden und Alphabetisierungseinrichtungen erlauben dürfte: 7,5 Millionen Deutsche im Erwachsenenalter sind der deutschen Sprache allenfalls unzureichend mächtig.

Darunter gelten die meisten als sogenannte Sekundär-Analphabeten oder funktionale Analphabeten. Vertretern beider Gruppen ist die einst erlernte Fähigkeit, die Sprache schriftlich zu modellieren (und mit ihr, die Welt in der wir leben), schleichend wieder abhanden gekommen: Sage und schreibe 5,2 Millionen Menschen hierzulande sind trotz vormaligen Schulbesuchs nicht in der Lage, die erworbenen Lese- und Schreibkenntnisse angemessen einzusetzen. Das führt zur Minderung ihrer Teilhabe an zwei zentralen Bereichen unserer Schriftkultur: sich havariefrei selbst zu verwalten und sich medial fortzubilden.

Es sind diese zwar defizitär, aber immerhin ausbaufähig alphabetisierten Menschen, denen die Sorge des Bundesverbands Alphabetisierung gilt. Denn besagte Personen können kurze Sätze leidlich fehlerfrei auf Papier oder Bildschirm bannen, scheitern aber mit unschöner Regelmäßigkeit an längeren Texten. Der darob vom Verband ausgerufene Alarm ist nachvollziehbar. Denn vielen dieser 5,2 Millionen Menschen wäre schon geholfen, würden sie ihr Mediennutzungsverhalten ändern.

Und das kommt so: Anders als jene zwei Millionen Deutsche, die nur einige Wörter lesen und schreiben können, ohne ganze Sätze erfassen und verfassen zu können, sind sekundäre und funktionale Analphabeten in der Lage, den Grad ihrer Schriftkundigkeit binnen kurzer Zeit wieder deutlich zu erhöhen. Dies deshalb, weil sie an den Folgen medialer Paradigmenwechsel laborieren. Zunächst schwand in den 70er-Jahren die Fähigkeit zur fehlerfreien Formulierung signifikant, weil audiovisuelle Medien, in denen Schrift naturgemäß nur eine nachgeordnete Rolle spielt, den Printmedien in einigen Milieus zusehends den Rang abliefen. Heute ist die Fähigkeit zum schriftlichen Ausdruck zudem massiv durch digitale Kommunikationsmittel gefährdet.

Denn die neuen Medien mögen zwar rasch in der Übermittlung von Inhalten sein, verlangen ihren Nutzern aber kaum mehr ab als dies: grenzdebile Emoticons, interpunktionslos hingeworfene Halbsätze – ohne Anrede des Mitteilungsempfängers, ohne eine Schlussformel, die diesen Namen verdient. Leerzeichen: Platzverschwendung. Absätze: Fehlanzeige. Groß- und Kleinschreibung: beliebig. Determinativkomposita, vulgo Durchkopplung: wie es gefällt. Immerhin: So passt die Form zur Quasi-Null-Semantik der Sendung.

Der halb gare Staccato-Jargon, zu dem sich amputierte Ansprachen wie ein entpersonalisiertes „Hallo“ (oder gar „Hi“) und pubertären Kürzeln wie HDGDL (Hab dich ganz doll lieb) trefflich fügen, straft auch eine von progressiven Linguisten neuerdings gern lancierte Theorie Lügen: Kurznachrichten seien kreativ, behaupten sie. Diese These ist nicht nur steil, sondern euphemistisch bis hanebüchen. Vielmehr strotzen bündige Botschaften wie SMS und WhatsApp in orthografischer und syntaktischer Hinsicht vor Mängeln; in stilistischer sowieso. Da hilft auch der Einwand nicht, die sogenannte Twitteratur habe gezeigt, dass auch ein 140 Zeichen langer Text eine poetische Preziose sein kann. Kunst kommt von Können, auch Literatur ist ein Handwerk, und selbst das Verfassen eines dreizeiligen Haikus bedarf formaler Grundkenntnisse.

Für die kunstvolle Gestaltung kurzer Formen ist das Beherrschen der langen Form unabdingbar. Insofern ist Medienkompetenz nicht nur bei der Rezeption, sondern auch und gerade bei der Nutzung gefragt. Beide stehen und fallen mit einer alphabetischen Bildung, die zuallererst jene Horizonte des Verstehens eröffnet, durch die Menschen in technisch avancierten Schriftkulturen zugleich individuelle Souveränität und gesellschaftliche Teilhabe erwerben.

Was so klingen mag, als sei es nur ein bildungsbürgerliches Plädoyer, statt des Teletexts Romane zu lesen, ist vielmehr eine soziale Wegmarke. Wenn Bundesbildungsministerin Wanka (CDU) nun eine Kampagne zur „Nationalen Dekade für Alphabetisierung“ eröffnet, geht es auch um die Zukunft der Arbeit. Denn es gibt immer weniger Berufe, die sich für funktionale Analphabeten eignen. Lies: Die Partizipation an der Schriftkultur ist existenzieller denn je.

hendrik.werner@weser-kurier.de

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