Nordbremer Filmemacher porträtieren jüdische Pianistin Edith Kraus / Vorstellung am Sonntag in der Stadtkirche

Stationen eines Lebens

Sie galt als Wunderkind und wurde ins Konzentrationslager deportiert. Die jüdische Pianistin Edith Kraus hat dem Nordbremer Regisseur Wilhelm Rösing und der Psychotherapeutin Marita Barthel-Rösing aus ihrem bewegten Leben erzählt. Entstanden ist daraus ein Film: „Enjoy the Music“.
08.11.2013, 00:00
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Von Albrecht-Joachim Bahr

Sie galt als Wunderkind und wurde ins Konzentrationslager deportiert. Die jüdische Pianistin Edith Kraus hat dem Nordbremer Regisseur Wilhelm Rösing und der Psychotherapeutin Marita Barthel-Rösing aus ihrem bewegten Leben erzählt. Entstanden ist daraus ein Film: „Enjoy the Music“.

Sie war eine begnadete Pianistin – und sie war in Deutschland nicht gewollt. Das Leben der Musikerin Edith Kraus war ein bewegtes, voller Glück und Unglück. Der Film „Enjoy the Music – Vom Wunderkind durch Theresienstadt nach Israel“ erzählt davon. Wilhelm Rösing hat ihn gemacht. Am Sonntag ist sein Film im Oberdeck der Stadtkirche Vegesack zu sehen, an diesem Wochenende wird er im City 46 in Bremen gezeigt. Auch in Tel Aviv, Frankfurt und Wien läuft der Film.

Der Vegesacker Filmemacher freut sich darüber. Denn mit diesem Werk erfährt Rösing endlich die Wertschätzung, auf die er so lange gewartet hat. Endlich hat er es in die Kinos geschafft. Mit dem Porträt der Pianistin Edith Kraus ist dem Nordbremer Filmemacher ein großer Wurf gelungen. Der Erfolg sei vor allem darauf zurückzuführen, vermutet seine Frau Marita Barthel-Rösing, „dass dieser Film – mehr als die anderen Shoah-Filme meines Mannes – einen hoffnungsvollen Ausblick hat“ Er ziehe einen nicht runter. Die Psychotherapeutin Marita Barthel-Rösing ist maßgeblich am Entstehen des Filmes beteiligt. Womöglich ist das Porträt deshalb nicht nur ein Stück Zeitgeschichte, sondern gleichzeitig das Psychogramm eines 100-jährigen deutsch-jüdischen Lebens.

Edith Kraus wird 1913 als Kind tschechisch-jüdischer Eltern in Wien geboren. Sie wächst in Karlsbad auf und gilt schon mit elf Jahren als musikalisches Wunderkind. Als 13-Jährige beginnt sie, in Berlin Klavier zu studieren und lebt später als erfolgreiche Pianistin und Klavierpädagogin in Prag. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Deutschen wird sie mit einem Auftritts- und Berufsverbot belegt. Im Jahr 1942 wird Edith Kraus ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Als einzige Überlebende ihrer Familie emigriert sie nach dem Krieg nach Israel.

So weit die nüchterne Chronologie. Die aber erfüllt Edith Kraus selbst mit Leben. Und ihre Schilderungen wühlen den Zuschauer immer wieder auf. Und dies nicht allein wegen der grausamen Erfahrungen, die die Protagonistin durchlebt hat. Es ist eher die Art und Weise, wie Edith Kraus Glück und Unglück, lichte Zeiten und Katastrophen für sich einordnet. Und nicht selten macht sie dies mit Ironie. So auch bei dem Rückblick auf die Zeit nach Kriegsende. Mitnichten brachen nun glückselige Zeiten an: Zurück in Prag sieht sich Edith Kraus ausgerechnet als Deutsche angefeindet. Auf der Suche nach einer neuen Heimat fällt ihr Blick schließlich auf das Heilige Land. Auch wenn sie fühlt, dass das nicht ihre Welt ist, bleibt sie – von einigen Unterbrechungen abgesehen – trotz anfänglicher Skepsis für den Rest des Lebens in Israel. Edith Kraus ist Ende 80, als sie einen Schlaganfall erleidet und nicht weiter Klavier spielen kann. Ihr lakonischer Kommentar dazu: „Ja, muss man denn Klavier spielen?“.

Die Rösings lernen Edith Kraus vor gut sieben Jahren kennen. Mehrfach besuchen sie sie in Israel und sprechen mit ihr. „Es ist kein Interview, es ist die Aufzeichnung von Gesprächen“, sagt Marita Barthel-Rösing. Die Kontaktaufnahme, die Treffen, letztlich die überwältigende Aufnahme des Films in Israel – das alles ist schon selbst eine Geschichte. Und die Autoren werden am Sonntag im Anschluss an die Vorstellung davon erzählen. Sie werden auch von den Brücken erzählen, die der Film zwischen ihnen und der „zweiten Generation“ geschlagen hat. Vielleicht auch von Edith Kraus’ verständlicher Weigerung, jemals wieder in deutschen Sälen ein Konzert zu geben. Eine Weigerung, die sie rückblickend jedoch mit folgenden Worten kommentierte: „Ja, aber ich bin auch nie eingeladen worden.“

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