Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste thematisiert das heutige Kambodscha / Traumata in Bildern verarbeitet

Stiller Protest

Berlin. Er tut es immer wieder. Der junge Mann steht bis zu den Achseln in schmutzig-braunem Seewasser und schüttet sich aus einer schwarzen Plastikschüssel Schlamm, Wasser oder Erde über den Kopf.
27.01.2015, 00:00
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Stiller Protest
Von Kathrin Aldenhoff
Stiller Protest

Ausstellung zeigt Auseinandersetzung mit Verbrechen in Kambodscha

TheatreWorks, epd

Er tut es immer wieder. Der junge Mann steht bis zu den Achseln in schmutzig-braunem Seewasser und schüttet sich aus einer schwarzen Plastikschüssel Schlamm, Wasser oder Erde über den Kopf. Was der kambodschanische Künstler Khvay Samnang da tut, ist kein Spaß. Es ist ein politisches Statement. Ein stiller Protest gegen den hemmungslosen Kapitalismus, der 40 Jahre nach der Machtergreifung durch die Roten Khmer auch in seinem Land herrscht.

Der See, in dem Khvay Samnang in dem Video aus dem Jahr 2011 steht, heißt Boeung Kak See und lag in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas. Tausende Anwohner wurden seit 2008 gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, weil das Gelände um den See an eine Firma verpachtet wurde. Der See selbst wurde mit Sand zugeschüttet. Heute ist nichts mehr von ihm übrig. Und das ist nur ein Beispiel für den Landraub, eines der aktuellsten Probleme Kambodschas. Die Ultrakommunisten der Roten Khmer hatten während ihrer Herrschaft von 1975 bis 1978 fast alle Grundbucheinträge vernichtet. Dass den Menschen heute ihr Land so einfach abgenommen werden kann, weil sie schwer beweisen können, dass es ihnen gehört, ist eine Folge des Herrschaft der Roten Khmer, die mindestens 1,7 Millionen Menschen umbrachten. Das Video, das den Künstler Khvay Samnang im See zeigt, ist Teil der Ausstellung „Die Roten Khmer und die Folgen“, die bis zum 1. März in der Berliner Akademie der Künste zu sehen ist.

Außerdem zeigen große, faszinierende und gleichzeitig bedrückende Fotografien Momente der Performance, die Samnang über den Zeitraum von einem Jahr immer wieder an und in den See geführt hat. Er habe den Menschen dort helfen wollen, sagt Khvay Samnang. Die Ausstellung zeigt die Positionen von sechs Künstlern, drei kambodschanischen und drei ausländischen. Neben Khvay Samnangs Arbeiten hängen Bilder von Vandy Rattana. Sie zeigen idyllische Landschaften mit Teichen, Seerosen und hohem Gras. Erst wer den Titel der Serie liest – Bomb Ponds – versteht, was der Hintergrund der Bilder ist. Dort, wo heute ein Teich ist, sind in den 1960er- und 1970er-Jahren die Bomben der Amerikaner eingeschlagen.

Khvay Samnang (Jahrgang 1982) und Vandy Rattana (Jahrgang 1980) gehören der jungen Kunstszene Kambodschas an. Der Filmemacher Nico Mesterharm hat das Entstehen dieser Kunstszene begleitet. Er lebt seit 2005 in dem Land und hat in Phnom Penh ein Kulturzentrum gegründet. „Viele soziale Übel haben mit der Vergangenheit unter den Khmer zu tun“, sagt er. Die Kambodschaner seien ein sehr junges Volk, 70 Prozent seien unter 30 Jahre alt. „Sie wissen nicht viel von der Vergangenheit unter den Khmer, leiden aber trotzdem.“ Traumata würden von Generation zu Generation weitergegeben. Der Dokumentarfilmer Rithy Panh hat die Herrschaft der Khmer unter Pol Pot erlebt und in einem Folterlager erlitten. Sein Trauma verarbeitete er in dem Film „Das fehlende Bild“, der in der Ausstellung gezeigt wird, und der 2014 für einen Oscar nominiert war.

In die Zukunft blicken die Bilder von Tim Page. Der englische Fotograf ist mit seinen Bildern aus dem Vietnamkrieg berühmt geworden. In einer Serie porträtiert er Kambodschaner, die ein Stück Land erhalten haben, um ihre Existenz wieder aufzubauen. Eine Schneiderin, eine Bauernfamilie, ein Bananenbauer blicken ernst, aber zuversichtlich in seine Kamera. „Es ist eine Arbeit, die viel mit Hoffnung zu tun hat“, sagt Page.

Außerdem sind in der Berliner Ausstellung Bilder von Günther Uecker und eine Doku-Performance des Theaterregisseurs Ong Keng Sen aus Singapur zu sehen. Die Bilder von Khvay Samnang im Boeung Kak See sind nicht betitelt. Jeder, der den Ort kenne, wisse wo die Bilder entstanden seien, sagt Nico Mesterharm. So sei die Kritik aber nicht so direkt.

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