Das Leben verfolgter Juden: Auf 180 Seiten erzählen Zeitzeugen die Geschichten der Opfer Stolpersteine zwischen Buchdeckeln

Bisher gab es in Bremen-Nord 79 Stolpersteine in Bürgersteigen. Jetzt erzählt ein Buch über die Schicksale der Naziverfolgten vom jüdischen Kaufmann bis zum Kommunisten. Am Dienstagabend haben Projektleiterin Barbara Johr und ihre Mitstreiter das 180 Seiten starke Werk im Kito der Öffentlichkeit vorgestellt.
26.09.2013, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Volker Kölling

Bisher gab es in Bremen-Nord 79 Stolpersteine in Bürgersteigen. Jetzt erzählt ein Buch über die Schicksale der Naziverfolgten vom jüdischen Kaufmann bis zum Kommunisten. Am Dienstagabend haben Projektleiterin Barbara Johr und ihre Mitstreiter das 180 Seiten starke Werk im Kito der Öffentlichkeit vorgestellt.

„Das Buch ist eine notwendige Ergänzung zu den Stolpersteinen“, sagt Bürgermeister und Kultursenator Böhrnsen in seiner frei gesprochenen Begrüßung: „Wir holen Menschen, die uns fehlen, wieder zurück in unsere Gemeinschaft, wir holen sie zurück in unser Gedächtnis.“ Das sei alles, was man den Opfern noch geben könne. Böhrnsen würdigt die mühsame Erinnerungsarbeit, die die Mitarbeiter im Projekt oft mit Angehörigen und Nachbarn der Opfer vollzogen hätten: „Diese Zeitzeugen gibt es nicht mehr lange. Umso wichtiger ist es, dass man auch künftig lesen kann, was passiert ist.“

Barbara Johrs Dank richtet sich auch an den aus dem Iran stammenden Verleger Madjid Mohit vom Sujet-Verlag, der selbst eine Vergangenheit als Flüchtling hat. Johr: „Und wenn wir heute sehen, dass von 79 Stolpersteinen in Bremen-Nord immerhin zehn politisch Verfolgten gewidmet sind, dann sagt das auch ganz viel über die Gegend hier.“ Nach Johrs Einführung singt Paul Lindsay mit dem Jazzquartett „Paradawgma“ den Song „Nettie Green“, den er unter dem Eindruck eine Stolperstein-Verlegung komponiert hat.

Nach Böhrnsen gibt es wieder Musik und nach jeder vorgelesenen Biografie kurze musikalische Einsprengsel. Die Journalistin Marlies Backhus übernimmt die Lesungen mit kraftvoller, aber nüchterner Ansprache. Die zusammengetragenen Fakten entwickeln eine brutale Kraft: Der entschiedene Christ Georg Gloystein aus Blumenthal verweigert Ende der 30er-Jahre aus Glaubensgründen den Kriegsdienst und wird dafür 1940 hingerichtet. Den Epileptiker und Trinker Diedrich Gereke verhaften die Nazis im Juni 1938 während der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ und lassen ihn später in Sachsenhausen verrecken.

Wie Menschen an dem damals herrschenden Alltagswahnsinn zerbrechen, schildert die Kurzbiografie des jüdischen Blumenthaler Kaufmanns Rudolph Löw. Im Hinterzimmer des Lebensmittelladens hätte es immer ostfriesischen Tee mit Kluntjes zum Klönschnack mit den Nachbarn gegeben. Doch dann wird unter anderem Löws Mischehe mit einer Nichtjüdin zum Problem. 1938 nimmt er sich das Leben.

Welchem Terror die jüdischen Mitbürger nach der Machtergreifung der Nazis ausgesetzt sind, erfährt auch die Ritterhuder Familie Cohen. Den im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnete Fleischermeister zwingt man, den Laden aufzugeben. In der Reichspogromnacht werden er und seine Familie mit vielen anderen Juden verschleppt und in Todesangst auf offenem Feld zurückgelassen.

Zu weiteren Biografien erklingt die Melodie der Moorsoldaten, Burghard Bock vom Quartett „Paradawgma“ singt „Mein Vater wird gesucht“. Nach 90 Minuten Programm haben die Gäste die Gelegenheit, für 14,80 Euro selbst in dem Buch „Stolpersteine in Bremen, Region Nord“, zu lesen.

Wer mehr über die Geschichten der Naziopfer erfahren möchte, kann am 28. September an einem von Wiltrud Ahlers geführten Rundgang durch Vegesack teilnehmen (Anmeldungen unter 0421/ 601020). Treffpunkt ist das Haus Alte Hafenstraße 23 um 16 Uhr. Am 19. Oktober bietet die Stolperstein-Aktivistin einen ähnlichen Rundgang durch Blumenthal an. Treffpunkt ist dort bei „Ständer“ an der Lüssumer Straße 1 um 16 Uhr. Beide Führungen sind kostenlos.

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