Interview mit dem Sänger und Schriftssteller Sven Regeners schönere Stimme ist die Trompete

Sänger, Songwriter, Trompeter, Gitarrist, Roman- und Drehbuchautor: Sven Regener ist bei aller norddeutschen Bierruhe ein sehr quirliger Künstler. Über seine musikalischen und literarischen Projekte.
28.02.2021, 21:27
Lesedauer: 4 Min
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Von Werner Herpell

Sie sind vor kurzem 60 geworden – herzlichen Glückwunsch noch nachträglich! Wie fühlt man sich im neuen Lebensjahrzehnt, in diesem nun wieder sehr besonderen Jahr 2021 ganz ohne große Feier? Hätten Sie groß gefeiert, und wird das „nach Corona“ nachgeholt?

Sven Regener: Nein, ich bin kein Geburtstagsfeierer. Ich hab‘ schon, seit ich 14 bin, meinen Geburtstag nicht mehr gefeiert. Ich bin in der Hinsicht unmusikalisch. Geburtstage, Jubiläen, auch mein Alter – sagt mir alles nichts.

Denken Sie an so einem Geburtstag, der ja aufs Rentenalter zuführt, melancholisch zurück an die guten alten Zeiten, als man noch jung war und auf Englisch in kleinen Clubs sang? Oder an die mittleren mit dem großen Erfolg?

Na ja, wir machen dazu gerade mit Element Of Crime einen Podcast, wo wir die Geschichte der Band aufarbeiten. 17 Folgen sind geplant, eine Folge für jede Platte, die wir bisher rausgebracht haben. Das ist interessant, aber Nostalgiegefühle hab‘ ich nie. Dieses Gefühl: Ich würde gern wieder 20 sein – hab‘ ich nie gehabt. Das Vergehen der Zeit ist so eine klare Tatsache, dass ich gar keinen Sinn darin sehe, groß drüber nachzudenken. Das grundsätzliche melancholische Gefühl als Mensch wegen des Wissens um die eigene Sterblichkeit ist natürlich noch einmal was Anderes.

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Wie erleben Sie grundsätzlich den Lockdown? Also auch persönlich den Verzicht auf Konzerte und Lesungen, aufs Performen und Ausgehen? Oder gehen Sie damit eher lässig um?

Es ist natürlich schon eine sehr bedrückende Angelegenheit. Viele Leute sterben an der Krankheit, für viele Leute ist das eine ernste Bedrohung. Das geht an keinem so richtig spurlos vorüber. Aber gleichzeitig muss ich sagen: Ich fühle mich relativ privilegiert, habe eine schöne große Wohnung, muss wenig raus. Und zur Band: Obwohl die meisten Konzerte letztes Jahr ausfielen, geraten wir doch nicht in finanzielle Not. Ich finde es gut, dass Musiker, die das brauchen, auch Hilfen bekommen. Und bin froh, dass wir bisher ohne klarkamen. Klar, Lebensqualität ist was anderes. Aber es nutzt ja nichts, da muss man jetzt durch. Und es ist auch ein Ende absehbar.

Ihre Lieder mit Element Of Crime handeln oft vom Flanieren in der Großstadt, vom leicht wehmütigen Betrachten der Spezies Mensch, oder auch von witzigen Alltagssituationen. Was macht es mit einem Künstler wie Ihnen, wenn diese Eindrücke und Anregungen wegfallen?

Nun bin ich ja schon 60 Jahre alt, wie Sie richtig bemerkt haben, und habe schon viele Eindrücke in meinem Leben gesammelt. Ich habe auch ein gutes Gedächtnis. Und man kann sich manche Sachen auch ausdenken. Kunst ist ja keine Tageszeitung, kein Journal – man bringt nicht nur das, was man heute erlebt hat, dann in einen Song. Aber klar, das Leben ist schöner, wenn man in Restaurants oder Kneipen, wenn man auf Konzerte, ins Theater oder ins Kino gehen kann.

Nun aber endlich zur neuen Platte: Ein Jazz-Album! Die Hörer müssen nicht auf Ihre Trompete verzichten, aber auf Ihre nobel-knarzige Stimme. Welche Reaktionen erwarten Sie?

Es ist eben keine Element-Of-Crime-Platte, deshalb brauche ich da auch nicht zu singen. Das wäre ja sonst Etikettenschwindel. Ich finde, es ist schöne Musik, und wenn man‘s mag, dann mag man‘s, und wenn nicht, braucht man es nicht zu hören. Ich fand nie, dass es einen besonderen Grund braucht, um Musik zu machen. Diesmal lag der Fokus darauf, dass man besonders reizvolle Jazz-Stücke aus den 50-er und 60-er Jahren interpretiert im Trio Trompete/Schlagzeug/Klavier.

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Waren Sie als Trompeter eigentlich bisher unterfordert?

Unterfordert ist ein gutes Wort. Bei Element Of Crime singe ich meistens, und oft spiele ich auch noch Gitarre dabei, da gibt es nur manchmal die Möglichkeit, mit der Trompete was zu machen. Und es muss ja auch zur Musik passen. Trotzdem ist die Trompete bei Element Of Crime durchaus auffällig – Rockbands mit Trompete gibt es eben nur wenige. Jetzt, bei dieser Platte ist das anders, da ist die Trompete meine Stimme und sonst nichts. Ich hab‘ ja die Trompete immer als meine schönere Stimme empfunden... Na, jedenfalls als die andere Stimme. Eigentlich war es toll, mal Musik ohne Worte zu machen.

Was Sie als Schriftsteller sicher immer wieder gefragt werden: Wie geht es weiter mit Herrn Lehmann und seinen Leuten? Verraten Sie doch mal ein bisschen was.

Ich wollte mit meinem neuen Roman eigentlich im vergangenen Herbst anfangen, habe dann aber schon im vorigen Frühjahr begonnen, weil eben so viele Konzerte ausgefallen waren. Die Handlung spielt 1980, es ist quasi die Fortsetzung von „Wiener Straße“ mit teilweise erweitertem Personal. Da fliegen alle Löcher aus dem Käse, das hat sehr viel Spaß gemacht. Der Titel lautet „Glitterschnitter“. Das war ja die Band bei „Magical Mystery“, mit Raimund und Ferdi, in der Karl Schmidt die Bohrmaschine gespielt hat.

Also die Ideen rund um Ihre Regener-Figuren gehen nicht aus?

Es gibt da noch viele Geschichten zu erzählen. Ich habe auch schon über eine Fortsetzung von „Herr Lehmann“ nachgedacht. Also was passiert eigentlich, nachdem er da am Ende relativ entwurzelt ist? Oder: Was passiert mit Karl Schmidt, wenn der zurück ins dann vereinigte Berlin kommt? Das ist alles möglich. Diesen neuen Roman wollte ich schon lange schreiben und hatte viele Ideen dafür. Es ist eine gute, lustige Geschichte geworden. Für mich sind die 80-er halt einfach eine interessante Zeit.

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Ihre Bücher sind ja schon mehrfach verfilmt worden, und sie würden sich vermutlich auch bestens für eine Fernsehserie eignen. Können Sie sich so etwas vorstellen?

Ja und nein. Ich hatte „Wiener Straße“ damals sogar als Fernsehserie konzipiert. Aber das wurde dann nichts, es gab so viele Bedenken. Das Gleiche am Theater. Dann habe ich einen Roman draus gemacht, und der lief wie geschnitten Brot. Ich denke, für mich ist es besser, meine Geschichten als Roman zu erzählen, da kann ich die unausgesprochenen Gedanken der Leute miterzählen, die eigentlich den Extraspaß ergeben und im Fernsehen natürlich eher wegfallen. Klar, man könnte daraus auch eine Riesen-Serie machen. Muss man aber nicht. Es muss ja nicht alles im Fernsehen laufen.

Das Gespräch führte Werner Herpell.

Info

Zur Person

Sven Regener wurde am 1. Januar 1961 in Bremen geboren und lebt seit langem mit seiner Familie in Berlin. Mitte der 1980er Jahre gründete er die Band Element Of Crime, mit der er seit der Umstellung von englischen auf deutsche Texte große Erfolge feiert. Mit seinem Berlin-Roman „Herr Lehmann“ (2001) und weiteren, teilweise verfilmten Büchern wie „Neue Vahr Süd“, „Magical Mystery“ oder „Wiener Straße“ etablierte sich Regener auch als einer der populärsten deutschen Schriftsteller.

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