Premiere von Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ in Oldenburg: Viel Sinn für dramatische Höhepunkte Tatjana und der Eisbär

Oldenburg. Es gibt im Russischen den Begriff „Chandra“, der das Gefühl von Langeweile und Schwermut, von Melancholie und Sinnlosigkeit beschreibt. Dieses Lebensgefühl ist es, das Eugen Onegin, die Titelfigur in Tschaikowskys Oper, gepackt hat.
30.03.2014, 00:00
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Von Wolfgang Denker

Es gibt im Russischen den Begriff „Chandra“, der das Gefühl von Langeweile und Schwermut, von Melancholie und Sinnlosigkeit beschreibt. Dieses Lebensgefühl ist es, das Eugen Onegin, die Titelfigur in Tschaikowskys Oper, gepackt hat. Weil er allem überdrüssig ist, kann er dem rückhaltlosen Liebesbekenntnis des jungen Mädchens Tatjana auch nur mit herablassender Ablehnung und Arroganz begegnen. Regisseurin Julia Hölscher wollte sich auf diese Gefühlswelten konzentrieren. Das kahle Einheitsbühnenbild von Cora Saller mit einer reflektierenden Plastikwand im Hintergrund und die modernen, aber unspezifischen Kostüme vermitteln denn auch keine „russische“ Atmosphäre, sondern geben nur den Rahmen für Seelenzustände. Hölschers Personenführung ist dabei von teils eindringlichen, teils verwirrenden Bewegungsabläufen geprägt. So „schreibt“ Tatjana ihren Liebesbrief an Onegin in fast zwanghafter Weise auf Wände und die Körper der sie beobachtenden Personen. Das bringt den emotionalen Gehalt aber etwas aus dem Lot. Bei der ersten Begegnung der beiden zieht sich Tatjana die Jacke von Onegin an – ein symbolkräftiges Bild. Bei Puschkin gibt es eine Episode, in der Tatjana von der Begegnung mit einem Bären träumt. Das hat Hölscher aufgegriffen: Wenn die seelisch verzweifelte Tatjana am Boden liegt, kommt ein riesiger Eisbär und trägt sie behutsam fort. Im 3. Akt ist es der ebenfalls hünenhafte und ganz in Weiß gekleidete Fürst Gremin, Tatjanas Ehemann, der sie nach der verstörenden Wiederbegegnung mit Onegin sanft auf seine Arme nimmt. Hier schließt sich der Kreis – ein hübscher und überzeugender Einfall. Die Charakterisierung der Figuren ist durchweg gelungen. Auf der einen Seite die introvertierte Tatjana, auf der anderen ihre lebenslustige Schwester Olga mit einer Frisur wie ein wild gewordener Handfeger. Deren Liebhaber kommt im feinen Anzug daher, während Onegin eher salopp und alle Konventionen negierend gekleidet ist. Als Tatjana überzeugte die russische Sopranistin Maria Kalesidis ohne Einschränkungen. Ihr kraftvoller Sopran wurde bruchlos durch alle Register geführt und konnte die emotionalen Erschütterungen des jungen Mädchens vermitteln. Paul Brady gelang mit dem Porträt des Onegin eine rundum solide Leistung. Was seiner Stimme an Farbschattierungen vielleicht etwas abging, machte er durch konzentrierten Ausdruck mehr als wett. Spontane Bravorufe gab es für Daniel Ohlmann als Lenski nach seiner Arie „Kuda, kuda“, die er mit feinem Piano begann und differenziert gestaltete. Geneviève King gab mit schlankem Mezzo der Olga charakteristisches Profil, und Benjamin LeClair blieb seiner Arie „Lyubvi vsye vozrasti pokorni“ an Bassfülle nichts schuldig. Thomas Bönisch, eigentlich Chordirektor, zeichnete Tschaikowskys Musik mit sinfonischer Wucht und viel Sinn für dramatische Höhepunkte.

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