Nicht tot zu kriegen “Tatort“: Eine Krimireihe wird 50

50 Jahre „Tatort“: Am 29. November 1970 flimmerte die erste Folge der Sonntagabend-Krimireihe über die Bildschirme. Eine kritische Würdigung.
29.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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“Tatort“: Eine Krimireihe wird 50
Von Iris Hetscher

Den 50. Geburtstag feiern viele ganz groß und mit einer Stimmung zwischen Wehmut („Ganz schön alt geworden!“) und Trotz („50 ist das neue 30!“). Vor allem aber gönnt man sich und anderen etwas. Das Schlachtross des Ersten Deutschen Fernsehens, der „Tatort“, macht da keine Ausnahme. Am 29. November 1970 flimmerte mit „Taxi nach Leipzig“ die erste Folge der Sonntagabend-Krimireihe über die Bildschirme, Kommissar Paul Trimmel ermittelte mitten im Kalten Krieg in einem Ostwest-Krimi.

Die Happy-Birthday-Doppelfolge „In der Familie“, am 30. November und am 6. Dezember zu sehen, ist dagegen ein Südwest-Stück. Der erste Teil spielt in Dortmund, der zweite in München, es geht um die unglücklichen Verstrickungen einer deutsch-italienischen Familie in mafiöse Strukturen. „In der Familie“ ist beinahe eine Kleinstserie, und ist auch deshalb so gelungen, weil die Geschichte nicht in den üblichen 88 Minuten auserzählt sein muss, was oft etwas Atemloses hat. Die ARD hat ihrem Quotenhit (durchschnittlich neun Millionen Zuschauer pro Folge) Zeit geschenkt zum 50.; darüber würde sich jedes Geburtstagskind freuen und etwas Besonderes draus machen wollen. Und so sind die vier Morde, die im Laufe der zwei Folgen aufzuklären sind, eher nebensächlich. Der Fokus liegt auf der fatalen Situation, in die sich der Dortmunder Pizzeria-Besitzer Luca Modica (Beniamino Brogi) und seine Frau Juliane (Antje Traue) mit ihrer Tochter Sofia (Emma Preisendanz) hineinbugsiert haben und an der sie verzweifeln und zerbrechen werden.

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Das ist überaus packend, mit viel Sinn für tragische Unter- und Obertöne und fernab jeglicher Mafia-Outlaw-Romantik inszeniert. Der Handlanger der kalabresischen N’Drangheta, Pippo (Emiliano de Martino), der sich bei den Modicas einnistet, ist nicht einfach nur ein Killer, er ist ein Sadist. Ihm und seinen gut betuchten und gesellschaftlich etablierten Chefs in München-Bogenhausen bieten die Ermittler-Teams um den Neurosen-König Faber (Jörg Hartmann) und die beiden Grauköpfe Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) die Stirn.

Volkshochschuldidaktik

Kein typischer „Tatort“ also, aber einer mit den gängigen, wohl abgewogenen Zutaten. So sollen die Folgen etwas über die Region erzählen, in der sie spielen, mit einem Ermittler im Fokus. So wollte es der 2018 gestorbene „Tatort“-Erfinder Gunther Witte. Außerdem wünschte er sich, dass die „Geschichte der BRD“ gespiegelt wird. Was er nicht wollte: formale Experimente.

Die zwei Letztgenannten der vier Vorgaben sorgen regelmäßig für Diskussionen. Aus der „Geschichte der BRD“ sind Themen geworden, die in den mittlerweile 16 deutschen Bundesländern für Aufregung sorgen und zudem in Österreich und der Schweiz. Rassismus, Homophobie, Rechtsruck, Menschenhandel, Spekulantentum, Migration – kein „Tagesschau“-Thema, das nicht auch irgendwann im „Tatort“ auftaucht. Manchmal mit ermüdender Zeigefinger-Rhetorik oder einfach nur schematisch und uninspiriert, woraufhin sich alle im Recht fühlen, die dem „Tatort“ immer gerne linke Volkshochschuldidaktik vorwerfen – und ihn deshalb eigentlich schon lange meiden.

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Die verpassen dann die Perlen, die häufiger vorkommen, als sie denken. „Reifezeugnis“ mit der jungen Nastassja Kinski von 1977 ist so eine, „Frau Bu lacht“, zum 25. Geburtstag vom Bayerischen Rundfunk beigesteuert, ein bis heute viel zitierter fesselnder Thriller über die Ausbeutung thailändischer Frauen und über Kindesmissbrauch. Regisseur Dominik Graf hat auch den ersten Teil von „In der Familie“ inszeniert. Auch die „Borowski“-Krimis um Axel Milberg aus Kiel sind zu nennen, die oft Psycho-Thriller in skandinavischer Manier sind. Doch man muss das Bundesland gar nicht verlassen: Einige der Radio-Bremen-„Tatorte“ mit dem Team Sabine Postel und Oliver Mommsen sind ebenfalls allererste Fernsehsahne. „Brüder“ (2014) über eine kriminelle Großfamilie beispielsweise, oder „Schatten“ von 2002, in dem die linksterroristische Vergangenheit von Kommissarin Inga Lürsen Thema ist.

Und doch ist es nicht ganz von der Hand zu weisen – es gibt ein hartnäckiges Klischee: Die Reichen und Schönen sind fast immer die Bösen, mindestens sind sie Strippenzieher. Unternehmer, Anwälte, Menschen, die in diesen absurd riesigen Villen wohnen, in denen die Serie sich gerne tummelt. Oder, wie es Udo Wachtveitl alias Kommissar Leitmayr kürzlich in der „Zeit“ formulierte: „Der Unterprivilegierte ist mit öder Regelmäßigkeit der bessere Mensch.“ Da wäre es mal an der Zeit gegenzusteuern und gleich noch ein weiteres Ärgernis abzuräumen. Überdurchschnittlich viele Ehefrauen im „Tatort“ sind Nur-Hausfrauen – da verharrt die Serie seltsam im Vorgestrigen.

Schrille Filme mit Tukur

Doch vom Inhalt zur Form. Die Nachfolger von Gunther Witte scheren sich schon lange nicht mehr um dessen Abneigung gegen „Kunstkino“. Das zeigt sich nicht nur an ins Klamaukhafte hineinragende Krimi-Komödien wie dem immens erfolgreichen Ableger in Münster, der mittlerweile Konkurrenz vom Team aus Weimar bekommen hat.

Seit Jahren kultiviert der Hessische Rundfunk seine schrillen Filme mit Ulrich Tukur als LKA-Beamtem Felix Murot. Unvergessen die Folge „Im Schmerz geboren“ von 2014, die wie ein Shakespeare-Drama gestaltet war, auf Italowestern und die Ästethik von Quentin Tarantino anspielte. Auch „Angriff auf Wache 08“ (2019) spielte mit Versatzstücken des Action-Kinos – und nicht nur der Wiesbadener Ermittler, auch seine Frankfurter Kollegen Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfgang Koch) mussten sich schon mal mit dem Surrealen, Außerirdischen und okkultem Schabernack herumschlagen.

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Diese Folgen spalten die sehr große Fangemeinde regelmäßig; dann gibt es hitzige Debatten in den Sozialen Medien und den Foren. Doch: Was kann es eigentlich Schöneres geben für eine Serie des immer wieder totgesagten linearen Fernsehens? Immerhin gibt es sogar Menschen, die sich zum gemeinsamen „Tatort“-Gucken verabreden. Andere darf man zwischen 20.15 Uhr und 21.45 Uhr sonntags nur im Notfall anrufen, obwohl die Folgen in der ARD-Mediathek jederzeit abrufbar sind. Der „Tatort“ ist Kult – und er ist deshalb nicht tot zu kriegen. Gut so. Und übrigens: Happy Birthday!

Info

Zur Sache

„Tatort“ in Daten und Zahlen

29.11.1970: Der „Tatort“ geht mit „Taxi nach Leipzig“ auf Sendung.

1978: Mit Nicole Heesters tritt die erste Kommissarin ihren Dienst an: Marianne Buchmüller aus Mainz ermittelt in drei Fällen.

1981: Mit Götz Georges als Duisburger Ermittler Horst Schimanski hielten ein härterer Tonfall und ein raueres Auftreten Einzug. Sein Parka wurde zum Kultobjekt.

1985: Die Schimanski-Folge „Zahn um Zahn“ wird fürs Kino produziert. Zwei Jahre später lief sie in gekürzter Version im Fernsehen.

1989: Ulrike Folkerts geht in Ludwigshafen zum ersten Mal als Lena Odenthal auf Verbrecherjagd. Heute ist sie die Dienstälteste in der Riege der „Tatort“-Kommissare.

1998: die Website „tatort.de“ geht online mit Informationen, Spielen und Links.

2000: Seit 20 Jahren wird nicht mehr nur in Großstädten ermittelt, sondern zunehmend in der Provinz: in Göttingen, in Weimar oder im Schwarzwald beispielsweise.

2005: Seit diesem Jahr werden in einer sechs- bis achtwöchigen Sommerpause keine neuen Folgen ausgestrahlt.

2019: Radio Bremen kündigt den letzten Fall mit Sabine Postel und Oliver Mommsen an. Am Ostersonntag läuft: „Wo ist nur mein Schatz geblieben?“. Postel (Inga Lürsen) und Mommsen (Nils Stedefreund) blicken auf 40 Fälle und 18 gemeinsame Jahre zurück.

2020: Aktuell gibt es 22 Teams; das neue aus Bremen ist bereits eingerechnet. 21 der 46 Ermittler sind weiblich.

Weitere Informationen

Jubiläums-„Tatort“: „In der Familie“, 30. November, 20.15 Uhr und 6. Dezember, 20.15 Uhr, ARD

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