Passionsspiele Oberammergau 2022

Die Auferstehung der Passion

Eingemottete Kostüme, verstaute Kulissen, abgelegte Rolle – doch die Hoffnung in Oberammergau lebt. Woran das liegt,lesen Sie im Text.
13.02.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Eva Keller
Die Auferstehung der Passion

Noch liegt es im Schnee und keine Besucher sind in Sicht: Das Passionstheater in Oberammergau, in dem alle zehn Jahre die Passionsspiele gezeigt werden.

Ute Oberhauser

Im Moment ist noch alles ruhig. Statt sich auf den Theatersommer vorzubereiten, den es normalerweise in der Dekade zwischen zwei Passionsspielen jedes Jahr gibt, haben die Darsteller der Oberammergauer Passionsspiele derzeit mit den selben Problemen zu kämpfen wie alle im Lockdown. Nur das mit dem fehlenden Friseurtermin fällt nicht ins Gewicht, schließlich ist man es gewöhnt, sich für die Rollen im Spiel über Leben und Sterben von Jesus Christus die Haare für die Aufführung lang wachsen zu lassen. Stichtag dafür ist der Haar- und Barterlass am Aschermittwoch, 17. Februar. Er ist ein wichtiges Datum auf dem Weg zur Premiere am 14. Mai 2022. Ein Besuch vor Ort, der Hoffnung macht.

Es sieht aus, als ob es gerade Winterschlaf hält. Das imposante Passionstheater, nicht weit entfernt vom Zentrum des kleinen Ortes Oberammergau, ist tief verschneit. Knapp 4800 Menschen fasst es, doch der Rundgang findet nur zu zweit statt. „In einem normalen Jahr wären wir jetzt schon mitten in den Vorbereitungen auf unseren Theatersommer“, erzählt Frederik Mayet, der wie schon 2010 einer der beiden Jesus-Darsteller ist, als er durch den Seiteneingang schlüpft. Was einst als Überbrückung der zehnjährigen Zeitspanne zwischen zwei Passionen begann, hat längst Kultstatus. Neben Konzerten wie dem beliebten Heimatsoundfestival werden hochkarätige Opern und Theaterstücke aufgeführt, darunter Nabucco, der Fliegende Holländer, ein Sommernachtstraum und Wilhelm Tell.

Jesus in Bethanien heißt diese Szene, die auch bei den Passionsspielen 2022 wieder stimmungsvoll auf der Bühne zu sehen sein soll.

Jesus in Bethanien heißt diese Szene, die auch bei den Passionsspielen 2022 wieder stimmungsvoll auf der Bühne zu sehen sein soll.

Foto: Birgit Gudjonsdottir

So gewöhnen sich die Oberammergauer Darsteller, der Chor und das Orchester früh daran, bei großen Inszenierungen auf der Bühne zu stehen. Das schult die Laien, gibt ihnen Selbstvertrauen und so manch einer hat sich dabei schon für eine der großen Rollen im Passionsspiel empfohlen. „Wir haben hier eine lange Theatertradition, viele sind theaterbegeistert, singen, musizieren auf einem hohen Niveau – das gehört bei uns einfach dazu“, sagt Frederik Mayet.

Es geht Treppen hinunter und wieder hinauf, vorbei an der Schneiderei, in der die Nähmaschinen derzeit alle stillstehen und die Stoffballen eingeschlagen sind; statt kreativem Chaos herrscht Leere bis auf ein paar vereinzelte Stecknadeln auf einem Tisch. Kein Wunder, für den Sommer ist in dieser Saison nichts vorzubereiten und für die Passionsspiele ist man mit den Kostümen und Requisiten bereits zu 95 Prozent fertig. „Es fehlt nur noch der letzte Schliff“, sagt er.

Frederik Mayet in der Zeit zwischen den Passionen mit kurzen Haaren.

Frederik Mayet in der Zeit zwischen den Passionen mit kurzen Haaren.

Foto: Gabriela Neeb

Dass es 2022 zur Aufführung kommen wird, da ist der 40-Jährige zuversichtlich: „Wenn man auf die fast 400-jährige Geschichte der Passionsspiele schaut, zeichnen sich durchaus Analogien zur jetzigen Situation ab.“ Vor hundert Jahren etwa gab es eine Verschiebung auf 1922 wegen der Spanischen Grippe. 1870 wurden die Spiele wegen des Ausbruchs des Deutsch-Französischen Kriegs unterbrochen und erst ein Jahr später wieder fortgesetzt. 1940 fielen sie aufgrund des Zweiten Weltkriegs ganz aus.

„Letztendlich sind die Passionsspiele aufgrund einer Pandemie entstanden“, erinnert Frederik Mayet. 1633 war es die Pest, die in Oberammergau wütete, bis die verzweifelten Dorfbewohner feierlich gelobten, alle zehn Jahre das Leiden und Sterben Jesus Christus aufzuführen, wenn Gott der Krankheit Einhalt böte – ein Jahr später fanden die ersten Passionsspiele statt. „Das gibt schon eine Sicherheit, dass es immer weitergeht, die Welt sich weiterdreht. Es zeigt, dass man aus einer Tradition auch Zuversicht und Hoffnung schöpfen kann. Es gehört zum Leben einfach dazu, dass es einmal nicht so rund läuft.“

Inzwischen ist er auf der großen Freiluftbühne angelangt, die für Massenszenen ausgelegt ist. Geradezu lächerlich klein kommt man sich vor. Es ist kalt, der Atem steigt in kleinen Wölkchen auf. Sind die Textpassagen der großen Jesus-Rolle eigentlich noch immer allgegenwärtig? „Bei mir, und gefühlt auch bei den anderen, war das nach der Verschiebung relativ schnell weg. Ich habe die Rolle beiseite gelegt, aber zum Glück gibt es bald wieder Grund, sich intensiv damit zu befassen. Nach jetzigem Stand sollen die Proben im Herbst beginnen.“ Statt mit Textbüchern muss sich Mayet, der auch Pressesprecher der Passionsspiele ist, gerade mit der Frage beschäftigen, ob man den Haar- und Barterlass zeitlich trennen sollte. Erst einmal nur auf das Haareschneiden verzichten und die Bärte weiter trimmen, damit die FFP2-Masken besser sitzen? Corona-Alltag auch in Oberammergau.

Als Jesus-Darsteller lässt er ab Aschermittwoch Haare und Bart wachsen.

Als Jesus-Darsteller lässt er ab Aschermittwoch Haare und Bart wachsen.

Foto: Gabriela Neeb

Die Volksgarderoben im Keller quellen über mit rund 2000 Kostümen, in den Gängen sind die Requisiten aufgereiht – Schilde, Lanzen und Rüstungen der Römer beispielsweise. „In jeder Ecke, die kein Fluchtweg ist, hängt, steht, lagert irgendwas“, sagt Carsten Lück, technischer Leiter der Passionsspiele 2022, der als Pilatus auf der Bühne zu sehen sein wird. Regelmäßig schaut er nach dem Rechten; neulich musste Schnee von den Dächern der Kulisse geschaufelt werden, die noch auf der Freilichtbühne stehen. Etliche der noch nicht fertigen Kulissen lagern im nahen Bauhof ein. „Wir werden sie im Spätherbst oder Frühwinter fertigstellen“, sagt Lück und ergänzt: „Wir sind nach zwei- bis dreimonatiger Vorbereitung spielbereit, wir warten nur darauf, dass wir dürfen.“

„Wenn es möglich ist, dass man wieder Theater spielt, werden die Menschen Auftritte viel mehr wertschätzen als zuvor“, ist sich Frederik Mayet sicher. „Auf beiden Seiten gibt es doch eine Sehnsucht auf dieses Erlebnis, darauf freuen wir uns am meisten. Trotz eingeschränkter Vorbereitungen bin ich sehr optimistisch, dass wir 2022 wieder ein qualitativ hochwertiges Passionsspiel auf die Bühne bringen werden.“

Inzwischen geht das Leben in dem kleinen Ort mit seinen vielen Holzschnitzern weiter. Eine der Darstellerinnen der Maria Magdalena hat kürzlich Nachwuchs bekommen – das Kind wird vermutlich jemand aus dem Volk auf den Arm und mit auf die Bühne nehmen. So ist es Brauch in Oberammergau.

Info

Zur Sache

Die Passionsspiele

Das Spiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Christi findet 2022 das 42. Mal statt. Die Premiere ist am 14. Mai 2022, der letzte der 103 Spieltermine ist am 2. Oktober 2022. Insgesamt spielen rund 2400 Menschen aus Oberammergau mit, darunter rund 500 Kinder.

Karten können sowohl einzeln als auch im Paket mit Essen und Übernachtungen erworben werden. Online unter www.passionsspiele-
oberammergau.de, telefonisch unter 0 88 22 / 8 35 93 30 sowie per E-Mail unter info@
passionsspiele-oberammergau.de. Die Einzelkarten kosten zwischen 30 und 180 Euro (sechs Kategorien); die Arrangements gibt es mit einer Übernachtung (ab 264 Euro pro Person im Doppelzimmer) oder zwei Nächten (ab
364 Euro pro Person im Doppelzimmer) in verschiedenen Hotel- und Ticketkategorien zur Auswahl.

Weitere Informationen gibt es unter www.passionsspiele-oberammergau.de.

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