Tödlicher Wein

Tief hängen die Wolken am apulischen Abendhimmel auf dem Cover des neuen Krimis der deutschen Journalistin und Autorin Kirsten Wulf, die in Genua lebt. Die Weinreben werfen lange Schatten, und der Buchtitel „Vino mortale“ (Tödlicher Wein) ist vielsagend.
19.07.2015, 00:00
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Tödlicher Wein
Von Uwe Dammann

Tief hängen die Wolken am apulischen Abendhimmel auf dem Cover des neuen Krimis der deutschen Journalistin und Autorin Kirsten Wulf, die in Genua lebt. Die Weinreben werfen lange Schatten, und der Buchtitel „Vino mortale“ (Tödlicher Wein) ist vielsagend. Denn in Süditalien geht es trotz Weinreben

und Olivenbäumen nicht

gerade beschaulich zu.

Ein Glas „Primitivo“ neben dem Sofa oder dem Liegestuhl kann nicht schaden, wenn man in diese Sommerlektüre einsteigt. Denn früher oder später bekommt man beim Lesen des neuen Apulien-Krimis von Kirsten Wulf mit dem Titel „Vino mortale“ Lust auf einen guten italienischen Rotwein.

Zwar ist der Titel möglicherweise auf den ersten Eindruck abschreckend, aber es geht hier nicht um vergiftete, tödliche Weine, sondern vielmehr um Tücken und Fallstricke im Weinanbau. In ihrem nunmehr dritten Apulien-Krimi schickt die frühere Journalistin Kirsten Wulf, die heute als Autorin bei Genua lebt, die Fotojournalistin Elena von Eschenburg auf die Spur gleich zweier Gewaltverbrechen. Wer den ersten Band „Aller Anfang ist Apulien“ (2013) von Kirsten Wulf kennt, wird sich vielleicht erinnern: Die Fotografin war wegen ihres fremdgehenden Ehemannes in einer Kurzschlussreaktion aus Hamburg zu ihrem Onkel Gigi nach Lecce geflüchtet, um sich dort ein neues Leben aufzubauen. Dank ihres journalistischen Schnüffeltalents stolpert sie mitten in einen Kriminalfall um illegale Einwanderer und Prostitution.

Diesmal geht es zunächst um Wein im Allgemeinen und um Rebenanbau in Apulien im Besonderen. Im zweiten Handlungsstrang wird vom vermeintlichen Selbstmord eines Touristenführers in der Nähe des Städtchens Scansano erzählt. Dieser Selbstmord entpuppt sich allerdings als Mord. Und als Onkel Gigi nach einer Weinprobe mit einem unglaublichen Kater und frappierenden Gedächtnislücken ausgerechnet auf dem Sofa aufwacht, hinter dessen Kissen wenig später ein Degustationssäbel gefunden wird, mit dem in der Nacht zuvor der überhebliche, französische Weinkritiker George Lille aufgeschlitzt wurde, kann sich Elena naturgemäß nicht mehr aus den Ermittlungen heraushalten.

Wenig begeistert von Elenas kriminalistischen Ambitionen ist Kommissar Pantaleo Cozzoli, der aufgrund seiner führenden Rolle bei der Bekämpfung der römischen Mafia und der damit verbundenen Gefahr für Leib und Leben ins vermeintlich ruhigere Lecce versetzt wurde: „‚Und Sie? Was tun Sie hier, Madonna mia? Mal wieder über eine Leiche gestolpert?‘, blafft Cozzoli. Die Ermittlungsspuren im fingierten Selbstmord führen zu einer Begebenheit in den 1960er-Jahren, die der journalistisch ambitionierte Touristenführer Marcello Lazzari ausgegraben und untersucht hatte, bevor er ermordet wurde. „Vino mortale“ – „Tödlicher Wein“ nannte er seine Untersuchung über einen niedergeschlagenen Aufstand der Weinbauern im Salento, die ihren Wein aufgrund einer Falschmeldung von verdorbenen Trauben unter den Produktionskosten in den Norden verkaufen mussten, obwohl sie ohnehin kaum von ihren Einkommen als Weinbauern leben konnten.

Dieses verleumderische Vorgehen erinnert nicht von ungefähr an das Verhalten des Weinkritikers, der ganz zufällig in Frankreich auch eine Weinhandlung besitzt und selbst an den hochwertigen, prämierten Weinen der salentinischen Winzer noch etwas auszusetzen hat. Das scheint ihm nicht nur den Zorn des patriotischen Onkel Gigi eingebracht zu haben.

Und doch verbirgt sich hinter dieser Episode aus der Vergangenheit nur die halbe Wahrheit, wie sich herausstellt, als Cozzoli einen Anruf aus Neapel bekommt und plötzlich auch noch in einer Ermittlung über illegale Mülltransporte steckt. So vermischt die Autorin Kirsten Wulf auch in ihrem dritten Apulien-Krimi ernste Themen mit der Leichtigkeit des süßen italienischen Lebens mit gutem Essen und gutem Wein. Zudem wird deutlich, wie sich die Bewohner der Region Apulien mühen, aus diesem wirtschaftlich rückständigen Teil Italiens das Beste herauszuholen, indem sie bewährte Traditionen wie alte Weinsorten aufgreifen – und diese mit zeitgemäßen biologischen Anbaumethoden in die Moderne zu überführen versuchen.

Die Autorin hat offensichtlich ausführlich zum Thema Wein recherchiert. So erfährt man nicht nur viel über Anbau und Ernte und über die mit Wetter und Schädlingen verbundenen Schwierigkeiten, sondern kann die beschriebenen Weine fast auf der Zunge schmecken: kräftig, ausgewogen, voller Sonne, ausdrucksstark, frisch, mit klarem Charakter – so werden vor allem die bewährten Sorten Negroamaro und Primitivo charakterisiert.

Gekonnt mischt Kirsten Wulf in ihrem jüngsten Kriminalroman einmal mehr ernste und heitere Themen. „Vino mortale“ ist vor allem wegen der sprachlichen Leichtigkeit, mit der die Autorin schwere Kost auf spannende Weise verhandelt, gute Lektüre für einen Urlaub. Der sollte tunlichst gen Italien führen, genauer: dorthin, wo man den Primitivo oder auch einen guten anderen Tropfen direkt beim Winzer auf einem apulischen Weingut genießen kann.

Kirsten Wulf: Vino mortale. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 354 Seiten, 14,99

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