Hoya

Über die Spannungen zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft

Hoya. „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Feld“. Dieses bekannte Lied aus der Feder von Matthias Claudius dürfe auf dem Lande zu keinem Erntedankgottesdienst fehlen, so begann Pastorin Ricarda Rabe ihren Vortrag beim Landfrauenverein Hoya zum Thema „Landwirtschaft im Spannungsfeld der Gesellschaft“.
14.02.2016, 00:00
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„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Feld“. Dieses bekannte Lied aus der Feder von Matthias Claudius dürfe auf dem Lande zu keinem Erntedankgottesdienst fehlen, so begann Pastorin Ricarda Rabe ihren Vortrag beim Landfrauenverein Hoya zum Thema „Landwirtschaft im Spannungsfeld der Gesellschaft“.

Die Referentin für Kirche und Landwirtschaft des Kirchlichen Dienstes auf dem Land der evangelisch-lutherischen Landeskirche schränkte aber sofort ein. Denn: Sie selbst habe anlässlich eines Erntedankgottesdienstes in einer Kreisstadt die Erfahrung gemacht, dass dieser Choral nicht zum Repertoire des dortigen Kantors gehöre. Dieses kleine Beispiel verdeutliche, welche Prioritäten gelegt würden und welche Defizite es im Wissen um die Produktion des heimischen Angebotes gebe.

„Muss man Spargel wirklich schälen oder werden Pommes tatsächlich aus dreckigen Kartoffeln hergestellt?“, diese Fragen seien keine Seltenheit, betonte Rabe. In einer Zeit, in der immer weniger Menschen direkt mit der Landwirtschaft zu tun hätten, manifestierten sich Vorurteile aber auch Unwissenheit darüber, wie Lebensmittel produziert würden und welche saisonalen Produkte gerade im Angebot seien.

Auch die Kirche habe sich von der Landwirtschaft distanziert, sagte die Referentin. Da die Kirche Land verpachte, müssten ihrer Meinung nach auch angehende Pastoren eine landwirtschaftliche Grundausbildung absolvieren. „Da werde ich von jungen Pastoren auch schon mal gefragt, ob Kühe Mais fressen.“, sagte die ehemalige Steimbker Pastorin und schmunzelte.

Viele Verbraucher würden sich gerne und bewusst für heimische Qualitätserzeugnisse entscheiden, könnten es sich aber nicht leisten, fuhr Rabe fort. Oft höre sie von alleinstehenden älteren Damen: „Am liebsten esse ich Pellkartoffeln mit Quark.“

Ricarda Rabe selbst ist auf einem Bauernhof in Martfeld aufgewachsen. „Wir hatten zwölf Kühe, Schweine und einige Sauen. Der Garten aber auch die eigene Hausschlachtung haben die Familie ernährt. Geld gab es nie viel, aber es hat gereicht.“ Die Landwirtschaft in den Nachkriegsjahren bis hinein in die 80er Jahre habe mit der heutigen Landwirtschaft nichts mehr gemein. Dies konnte die Referentin aus eigener Erfahrung berichten, denn wirtschaftliche Gründe, aber auch die Sorge um einen Betriebsnachfolger hätten ihren Vater gezwungen, den Betrieb in den 70er Jahren aufzugeben.

Das Interesse des Landwirtes an den Produkten zu verdienen, sei ein berechtigtes Interesse, hob die Referentin hervor. Aber es herrsche ein falsches Bild von der Landwirtschaft. Schon klassische Bauernhofbilderbücher mit Hühnern, Schweinen und Kühen illusionierten genau so auf falsche Weise wie Berichte und Bilder in den Medien über Massentierhaltung. Viele Verbraucher wüssten nicht mehr, wie viel Arbeit die Produktion von Lebensmitteln kostet.

Ebenfalls fehle den Landwirten das Verständnis für die Bedürfnisse und Sorgen der Verbraucher. Gegenseitige Vorwürfe, Rechtfertigungen und Besserwisserei erzeugten eine ablehnende Haltung auf beiden Seiten.

Deshalb sei es enorm wichtig, aufzuklären, Transparenz zu schaffen und vor allem auf einander zuzugehen. Letzteres betreffe sowohl die Landwirte als auch die Verbraucher.

Gerade die Landfrauen leisteten mit ihrer Aktion „Kochen mit Kindern“ bereits bei den Kleinen einen großen Anteil an der Aufklärung und daran, dass „Pizza, Pasta, Pommes“ oder kurz „PiPaPo“ nicht allein die ultimativen Lebensmittel darstellen, lobte Ricarda Rabe die anwesenden Zuhörer.

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