Zweiter Tag im Auschwitz-Prozess Überlebende vergibt Gröning

Lüneburg. „Sie hat noch zwei Wochen zu leben“, sagte Josef Mengele mit Blick auf die Fieberkurve der zehnjährigen Eva in der Krankenbaracke des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Doch Eva stirbt nicht.
23.04.2015, 00:00
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Von Wiebke Ramm

„Sie hat noch zwei Wochen zu leben“, sagte Josef Mengele mit Blick auf die Fieberkurve der zehnjährigen Eva in der Krankenbaracke des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Doch Eva stirbt nicht. Stattdessen sitzt das Mädchen von damals 71 Jahre später vor dem Landgericht Lüneburg im wohl letzten großen Auschwitz-Prozess und erzählt seine Geschichte. „Ich habe mich geweigert zu sterben“, sagt die Jüdin Eva Kor, geborene Mozes. Die heute 81-Jährige hat Mengeles Menschenversuche überlebt. Vor Gericht erklärt sie, sie habe gewusst, würde sie in Auschwitz sterben, werden die Nazis auch ihre Zwillingsschwester Miriam töten. Die NS-Ärzte hätten die Leichen der Zwillingskinder miteinander verglichen.

Eva Kor ist 1944 zusammen mit Miriam, zwei älteren Schwestern und ihren Eltern nach Auschwitz verschleppt worden. Gleich nach ihrer Ankunft an der Rampe des Vernichtungslagers wurden die Zwillinge von der Familie getrennt. Miriam stirbt 1993 in Israel. Ihre Schwester Eva lebt. An diesem Dienstag konfrontiert sie den früheren SS-Mann Oskar Gröning mit ihren Erinnerungen an Auschwitz.

Der 93-jährige Gröning muss sich wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen vor Gericht verantworten. Bevor Eva Kor ihre Erinnerung an Auschwitz schildert, steht Gröning, der einstige Buchhalter von Auschwitz, den Richtern wie schon am Vortag Rede und Antwort. Er berichtet von den Zügen mit je 45 bis 50 Viehwaggons, in denen jeweils 80 Menschen zusammengepfercht gewesen seien. Ein Zug folgte auf den anderen. Gröning gibt zu, dass auch er dreimal Dienst an der Rampe getan habe. Er habe das Gepäck der Deportierten bewacht. An den Selektionen sei er nicht beteiligt gewesen. Die SS-Männer entschieden an der Rampe, wer sofort in den Gaskammern getötet und wer im Arbeitslager gequält werden sollte.

Die unfassbare Zahl an Menschen, die ermordet wurden, brachte die NS-Tötungsmaschinerie offenbar an ihre Grenzen. Gröning sagt es so: „Die Kapazität der Gaskammern und Krematorien war ja reichlich begrenzt. Man rühmte sich damit, dass man innerhalb von 24 Stunden 5000 Leute versorgen konnte, aber ich habe das nicht nachgezählt.“ Er sagt „versorgen“, nicht ermorden. Er lässt es so stehen.

Eva Kor hat Grönings Worte gehört. Trotzdem wird sie kurz darauf sagen: „In meinem eigenen Namen vergebe ich allen Nazis, auch Ihnen, Herr Gröning.“ Sie betont ausdrücklich, dass sie nur in ihrem Namen spricht. Sie betont auch, dass ihre Vergebung kein Vergessen ist und keine Entschuldigung der Täter. Indem sie persönlich ihren schlimmsten Feinden verziehen habe, habe sie endlich ihre Opferrolle abstreifen können

. An Gröning appelliert sie, umfassend auszusagen und auch Neonazis die Wahrheit über Auschwitz zu sagen.

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