In Zeiten knapper öffentlicher Kassen finden Schauspieler immer seltener eine feste Anstellung

Um jeden Preis auf die Bühne

Die Situation der Schauspieler in Deutschland ist schwierig: Theater schließen, Ensembles werden verkleinert, und gleichzeitig drängen immer mehr Schauspiel-Absolventen auf den Markt. Ein Bremer Projekt widmet sich denen, die kein Engagement bekommen. Der Nachwuchs ist dennoch optimistisch.
21.10.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Um jeden Preis auf die Bühne
Von Kathrin Aldenhoff

Die Situation der Schauspieler in Deutschland ist schwierig: Theater schließen, Ensembles werden verkleinert, und gleichzeitig drängen immer mehr Schauspiel-Absolventen auf den Markt. Ein Bremer Projekt widmet sich denen, die kein Engagement bekommen. Der Nachwuchs ist dennoch optimistisch.

Bremen.

Neulich war sie mit Kommilitonen im Theater, in einer Aufführung von Tschechows „Möwe“. „Da wäre ich am liebsten auf die Bühne gesprungen und hätte mitgespielt“, sagt Ayana Goldstein. Wegen der Glücksmomente auf der Bühne und der Liebe zum Spiel will die 24-Jährige Schauspielerin sein. Gerade beendet sie ihre Ausbildung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. „Ich stehe an der Schwelle, es geht raus in die Welt.“

Und Ayana Goldstein freut sich darauf, sie glaubt an eine Zukunft in der Welt des Theaters, hofft gar auf eine Festanstellung. Auch wenn der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, vor wenigen Tagen vor einem wachsenden Theaterprekariat in Deutschland warnte. Er sprach von schlecht bezahlten und oft befristeten Arbeitsverhältnissen, mit denen sich die Theaterleute durchschlagen müssten.

Corinna Bruggaier ist eine, die genau weiß, wovon Zehelein spricht. Seit einem Jahr leitet sie das Theaterlabor Bremen, ein bundesweites Projekt, mit dem arbeitslose Schauspieler weitergebildet und wieder in ein Engagement gebracht werden sollen. Dieses Mal ist das bei acht von zwölf Teilnehmern gelungen. „Das ist eine sehr gute Quote“, sagt die 40-Jährige. Eine feste Anstellung als Schauspieler bekam allerdings keiner von ihnen. „Das gibt es heute fast nicht mehr.“ Aber schon ein Vertrag für ein Stück sei ein großer Erfolg, sagt Bruggaier. Denn es sei schwieriger geworden: „Theater werden geschlossen, und es gibt immer mehr Schauspielschulen und Absolventen für immer weniger Stellen.“

Am Theaterlabor proben die Teilnehmer, sie arbeiten an ihrer Stimme, ihrem Auftreten – und auch daran, sich selbst besser zu vermarkten. „Schauspieler ohne Engagement strotzen nicht gerade vor Selbstbewusstsein“, sagt Bruggaier. Aber sie sieht ihre Aufgabe auch darin, Alternativen aufzuzeigen, wenn es mit dem Schauspiel nicht klappt. „Das ist unter Umständen mit Tränen verbunden.“

Dass es Schauspieler nicht leicht haben, sei nicht neu, meint Siegfried W. Maschek. „Jeder weiß, dass wir auf Basis großer Selbstausbeutung arbeiten.“ Er ist seit zwölf Jahren Mitglied des Ensembles des Bremer Theaters. Der 56-Jährige sitzt dort auch im Betriebsrat. Er sieht die Situation so: Durch die knappen öffentlichen Kassen seien die Theater immer mehr unter Druck. „Dieser Druck wird von oben nach unten weitergegeben.“ Davon seien die freischaffenden Schauspieler besonders betroffen. Die Lücken zwischen den einzelnen Engagements würden größer.

Seit 30 Jahren fest am Theater angestellt – Maschek weiß, dass eine Arbeitsbiografie wie seine immer seltener wird. Auch, weil die Häuser weniger Schauspieler fest anstellen. „Die Ensembles decken heute nicht mehr das gesamte Spektrum ab.“ Einen Heldentenor zum Beispiel stelle man als Gast ein, wenn man ihn brauche. „Das ist eine Bewegung, die seit den 30 Jahren, die ich am Theater bin, schleichend vonstatten geht“, sagt Maschek. Er selbst erreicht nach 15 Jahren an einem Theater vielleicht bald den Status der Unkündbarkeit. Doch sicher ist das nicht, dieser Status könne inzwischen bis zu vier Jahre hinausgezögert werden. Maschek: „Solche Errungenschaften werden nicht ausgehebelt oder ausgesetzt, aber sie geraten unter Druck.“

Die Bremer Shakespeare Company verkleinerte ihr Ensemble während der Umbauphase, von zwölf auf neun feste Mitglieder. „Jetzt ist es schwer, das wieder aufzustocken“, sagt Theaterleiterin Renate Heitmann. Auch sie arbeitet viel mit Gästen, die eine Probenpauschale erhalten und pro Auftritt bezahlt werden. „Wir können noch ganz ordentlich bezahlen.“ Aber es gebe sehr viele Schauspieler und sehr wenige Arbeitsstellen. Viele seien deshalb bereit, auch für weniger zu arbeiten, sagt Heitmann: „Da geht es auch um Altersarmut.“

Er habe immer von seinem Beruf leben können, sagt Maschek. Und fügt hinzu: „Ich brauche nicht viel.“ Aber er kenne junge Kollegen, die sich von ihren Familien unterstützen lassen müssen, weil es sonst nicht reicht. Für Maschek und die anderen Festangestellten wird die Situation durch Tarifsteigerungen einfacher, je länger sie dabei sind. Maschek: „Die Kollegen auf dem freien Markt erleben das Gegenteil.“

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