Karl Marx an der Hochschule

Universität Bremen: Die Uni, die anders sein wollte

Die Universität Bremen sollte sich von den bürgerlichen Traditionsuniversitäten unterscheiden. So hatte der Name Karl Marx zur Gründung der Institution im Jahr 1971 eine besondere Bedeutung..
30.04.2018, 14:29
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Universität Bremen: Die Uni, die anders sein wollte
Von Silke Hellwig
Universität Bremen: Die Uni, die anders sein wollte

Bis in die 1980er-Jahre setzten sich die Studenten gegen Reformen des Bremischen Hochschulgesetzes zur Wehr, die dem Senat mehr Einfluss und Kontrolle gewährten.

Jochen Stoss

Der Name Karl Marx war in Bremen Anfang der 1970er-Jahre auf einem Quadratkilometer besonders präsent – an der Bremer Universität. Was war so anders an der Bremer Uni? Sie sollte sich nach dem Willen der Landesregierung und des für die Uni eingesetzten Gründungssenats deutlich von bürgerlichen Traditionsuniversitäten unterscheiden. In der Lehre: durch die Behandlung lebensnaher und gesellschaftspolitisch bedeutsamer Fragen.

In der Struktur: durch ein fächerübergreifendes, praxisnahes Studium. Es galt eine Drittelparität, Lehrende, Lernende und Mitarbeiter waren in den Entscheidungsgremien gleichgestellt. Die Geistes- und Sozialwissenschaften hatten großes Gewicht sowie die Lehrerausbildung. Insgesamt eine kühne Idee, aus der aber nach Auffassung von Zeitzeugen und Experten wegen diverser Kinderkrankheiten nichts werden konnte.

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Die „Zeit“ ging 1980 mit der „Reformruine Bremen“ hart ins Gericht. Sie listete nicht nur die Vorurteile auf: „linkes Indoktrinationszentrum“, „marxistischleninistische Kaderschmiede“, ein Viertel, wenn nicht die Hälfte der 349 Hochschullehrer seien Marxisten. Der Autor schildert auch, was aus der kühnen Idee geworden ist, und zitiert einen Studenten: „Da sagen die Leute immer, hier würde den ganzen Tag Marxismus gepowert. Das stimmt nicht.“ Bremens Veranstaltungen ergäben eben gar keinen Bildungskanon, heißt es in der „Zeit“ weiter, „auch nicht einen marxistischen.

Der Ruf der Uni war miserabel

Das willkürlich-zufällige Lehr- und Studienangebot entspricht den privaten Leidenschaften und beliebigen Interessen der Hochschullehrer.“ Diese bitterböse Abrechnung erschien, wohlgemerkt, zehn Jahre nach der Universitätsgründung. Der Ruf der Uni war miserabel, Absolventen hatten andernorts xx Berufsaussichten, schon gar nicht in CDU-regierten Bundesländern. Die anderen Bundesländer stiegen aus der Finanzierung aus.

Das Etikett „rote Kaderschmiede“ hatte die Bremer CDU der Uni bereits im Wahlkampf 1971 angehängt, wie Birte Gräfing in „Tradition Reform – die Universität Bremen 1971 - 2001“ erwähnt. Annelie Keil stößt sich an der Reduzierung der Universität auf dieses Etikett, das im Grunde an ihr kleben blieb, bis das Hochschulgesetz mehrfach geändert und Einfluss und Kontrolle von außen erhöht worden war. Annelie Keil gehörte zum Kreis der ersten Professorinnen und Professoren.

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Sie hatte sie einen Lehrstuhl für Sozial- und Gesundheitswissenschaften inne. „Die Frage war: Ist der Marxismus ein Wissenschaftsansatz, der in die Lehre mit hineingehört? Das war gar nicht diskutierbar, es ging unter in dem Kampf linker Gruppen aller Schattierungen um eine andere Frage: Wer übernimmt die politische Meinungsbildung?“

Bis heute spreche nichts dagegen, sich in vielen Fächern oder überhaupt mit Karl Marx zu befassen, sofern das auch eine kritische Auseinandersetzung beinhalte, nicht das dumpfe Wiederkäuen von Parolen, sagt Annelie Keil. Das habe es unter den Studenten natürlich auch gegeben.

Marx als Symbol der Kritik

„Ohne Marx auf der Zunge hat man an Diskussionen kaum teilnehmen können“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel, der Mitglied des ersten Akademischen Senats war. Er hat nicht nur Marxsche Theorien gelehrt, sondern auch eine „Kapital“-Ausgabe herausgegeben und kommentiert. „Marx war ein Synonym für die Kritik an der unkritischen Wirtschaftswissenschaft. Außerdem gab es damals den großen Wunsch, den Kapitalismus zu durchschauen.“

Er selbst habe sich als Marx-Theoretiker verstanden, aber im Unterschied zu Kollegen, die Wirtschaftswissenschaften nur anhand von Marx gelehrt hätten, „war er bei mir eine von vielen Quellen, wenn auch eine sehr wichtige.“ Es habe sehr ernsthafte Arbeitsgruppen und „brave Marx-Exegeten“ gegeben, „die ihn verstehen und vermitteln wollten. Aber alles war überlagert von der Vergiftung der Universität durch eine aggressive Politisierung im Namen des allgegenwärtigen Marx.“

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Es sei weniger die theoretische Auseinandersetzung mit dem Marxismus gewesen, die das Bremer Bürgertum – und seine Parteien – verschreckt habe, sondern das, was „Pseudo-Marxisten im Sinne der Legitimation unter seinem Namen verbrochen haben. Es ging nur noch um Machtfragen.“

Annelie Keil war schon damals Sozialdemokratin. Obgleich sie dem linken Flügel angehört habe, sei sie damit bei den linken Gruppierungen quasi schon unten durch und „Revisionistin“ gewesen. „Es herrschte eine große Feindseligkeit gegenüber den Gewerkschaften und der SPD. Das waren für die linken Gruppen an der Uni die Verräter der Arbeiterbewegung“, erinnert sich auch Hickel. Regelmäßig habe sie erlebt, dass beispielsweise Mitglieder der MG (Marxistischen Gruppe) versuchten, ihre Vorlesungen zu sprengen, berichtet Annelie Keil.

Intensive Beschäftigung mit der politischen Ökonomie

„Da wurde beim Thema Psychosomatik erklärt, das sei nichts anderes, als den Arbeitern einzureden, sie seien aus individuellen psychischen Gründen krank geworden.“ Viele schriftliche Arbeiten ihrer Fächer hätten sich intensiv mit der politischen Ökonomie beschäftigt, „manchmal war das gut und passend, oft aber auch nicht“.

Von Beginn an dabei war auch der Historiker Imanuel Geiss (1931-2012), den die „Zeit“ so zitiert: „An der Hamburger Uni 1970 war ich als Linksaußen verschrien, hier in Bremen bin ich Rechtsaußen“. Nach zwei Semestern zog der Professor in dieser Zeitung Bilanz: „Die sogenannte ,wissenschaftliche Auseinandersetzung‘ leidet darunter, dass bei manchen Ultralinken das Wissensniveau in dem Fach, das ich vertrete und über das sie oft mit einer verblüffenden intellektuellen Arroganz mitreden wollen, so gering ist, dass von einer ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung noch gar keine Rede sein kann.“

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Die Argumente und Literaturhinweise, so Geiss, hielten einer Überprüfung selten stand. „Die neue Lehre erweist sich als Verballhornung und Dogmatisierung sowohl von Marx als auch von Engels, in der Regel vorgenommen und kanonisiert durch Stalin, der von einigen auch offen als, wie ich es nenne, einer ihrer modernen Kirchenväter angesehen wurde.“

Die Marxisten, ob echte oder verkappte, von damals könnten sich mit der Uni von heute wohl kaum anfreunden, weder mit der Forschung für die Industrie zum Einwerben von Drittmittel noch mit dem Streben nach anerkannter Exzellenz. Und in der Lehre „fehlt die Auseinandersetzung mit Marxscher Ökonomie heute fast völlig“, sagt Hickel. Aber nicht nur die Uni, auch die meisten Zeitzeugen sind nicht mehr das, was sie mal waren.

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