Sänger Gabi Delgado über die Band DAF, Tabubrüche und sein Soloalbum „1“ / Am 7. März Auftritt in Bremen

„Unsere Stücke überdauern die Zeit“

Mit der Parole „Verschwende deine Jugend“ schrieb die Band DAF Popkulturgeschichte. Jahrzehnte vor Rammstein provozierten Sänger Gabi Delgado und Schlagzeuger Robert Görl mit teutonischer Musik, harten Beats, gezielten Tabubrüchen.
26.02.2014, 00:00
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Mit der Parole „Verschwende deine Jugend“ schrieb die Band DAF Popkulturgeschichte. Jahrzehnte vor Rammstein provozierten Sänger Gabi Delgado und Schlagzeuger Robert Görl mit teutonischer Musik, harten Beats, gezielten Tabubrüchen. Sie veröffentlichten in den 80er-Jahren drei Alben, die als Techno-Vorläufer gelten. Olaf Neumann sprach mit dem gebürtigen Spanier Gabi Delgado über sein am Freitag erscheinendes Comeback-Album „1“, die Zukunft von DAF und deutschen Überregulierungswahn. Am 7. März gastiert Gabi Delgado solo in der Lila Eule.

Gabi Delgado, nach mehr als 30 Jahren veröffentlichen Sie ein Soloalbum. Steht „1“ für einen Neuanfang?

Gabi Delgado: Ja, das kann man sagen. Der Titel bedeutet auch: „Wir sind eins“. Bei mir hatten sich in den letzten anderthalb Jahren fast 30 Stücke angesammelt, sodass ich für das Album aus den Vollen schöpfen konnte. Aufgenommen habe ich es in Spanien und Berlin. Mein Musikgeschmack ist breit gefächert – von House und Disco über Flamenco und Salsa bis hin zu indischer Musik. Wenn ich solch einen Stilmix an eine Plattenfirma unter dem Namen „Gabi Delgado“ schicke, sagen die: „Das klingt ja gar nicht wie ‚Der Mussolini‘“. Schicke ich das aber als DJ X dahin, heißt es: „großartig“.

Sie gelten als Pionier elektronischer Musik. Welches Zubehör nutzen Sie heute?

Ich bin kein Nostalgiker. Meiner Meinung nach wird ein großer Hype um analoge Synthesizer gemacht. Moderne Modularsysteme sind analogen Systemen überlegen. Ich spiele alles von Hand ein und baue mir Loops, die ich auf der Bühne live synchronisiere – wie ein DJ. Ich stehe nicht auf automatische Synchronisation am Computer. Das Tolle an den alten Kisten war das Haptische. Bei den heutigen Computersystemen klickt man nur die Maus an. Eine bürohafte Art, Musik zu machen.

Wie hat sich Ihre musikalische Vision im Lauf der Zeit verändert?

Bei DAF habe ich mich vor allem um die Texte und den Sound gekümmert, nicht jedoch um die Komposition. Das hat sich geändert. Bei meiner Solotournee stehe ich übrigens ganz allein auf der Bühne. Für mich eine echte Herausforderung.

Sie leben heute in Spanien, in der Sierra von Córdoba.

Auf dem Land, genau. Eigentlich bin ich ein Stadtmensch. Ich habe den größten Teil meines Lebens in Metropolen wie London und Berlin verbracht. Umso mehr genieße ich es heute, in der Natur zu sein.

Auf Ihrem Album behaupten Sie, Deutschland sterbe vor Langeweile. Wieso?

Ein Augenzwinkern ist immer dabei. Schließlich führt Langeweile nicht zum Tod. Einer der Gründe, warum ich Deutschland verlassen habe, war aber tatsächlich diese Überregulierung. Die Deutschen werden durch viele Gesetze an vielem gehindert. Will ein Cafébetreiber Tische auf den Bürgersteig stellen, gibt es dafür gewisse Regeln. Ordnungsamt und Gesundheitsamt kommen. In Spanien kannst du die Tische einfach rausstellen.

Was ist typisch deutsch?

Als ich nach Spanien ziehen wollte, schrieb ich der GEZ eine Kündigung. Daraufhin bekam ich einen Brief: „Das glauben wir Ihnen nicht. Wir vermuten, dass Sie sich eine Dienstleistung erschleichen wollen.“ Ich kenne einen Discobesitzer, der die Decke in seinem Club um 0,2 Zentimeter zu tief angelegt hat. Er musste sie wieder rausreißen. So mancher Musiker, der vor zehn Jahren noch voller Tatendrang war, ist inzwischen desillusioniert. Er stellt seine Sachen lieber auf YouTube, als mühsam ein eigenes Label aufzubauen. Ich sehe eine Lähmung der Gesellschaft. Kann sein, dass das nicht nur ein deutsches Phänomen ist. Auf eine Generation, die die Welt verändern will, folgt immer eine Generation, die nur das Wochenende verändern will.

Songs Ihres neuen Albums heißen „Sexkamikaze“ und „Sciencefictionliebe“. Was bedeuten Ihnen Liebe und Sex?

Liebe ist das Wichtigste, was es gibt – als Energie. Sex ist für mich die Sprache der Liebe, eine Körpersprache. Was mich umtreibt, ist auf einer Seite das Private – die Liebe – und auf der anderen Seite die Politik, die meine Umgebung bestimmt.

Viele warten auf ein neues DAF-Album. Oder verstehen Sie sich als Liveband?

Nein, wir wollen Ende des Jahres wieder ins Studio gehen. Das Album wird dann voraussichtlich 2015 erscheinen. Vorher werden wir noch ein neues Live-Set präsentieren. Neben den großen Hits stehen diesmal mehr Stücke von „15 neue DAF-Lieder“ auf dem Programm. Um den „Mussolini“ kommen wir nicht herum. Wir interpretieren ihn immer wieder anders. Ich bin ein Stand-up-Poet. Uns wird es nie langweilig.

In dem provokanten Song „Der Mussolini“ ziehen Sie eine Verbindung zwischen Hitler, Mussolini und Tanz, scheinen also einem fröhlichen Faschismus das Wort zu reden. Wofür steht der Song heute?

Für die Austauschbarkeit von Ideologien und totalitären Systemen. Für mich ist der Song kein Tabubruch, weil ich das einfach schon so oft gemacht habe. Aber ich bin davon überzeugt, dass man heute noch Tabus brechen kann. Man könnte zum Beispiel einen Song über Islamismus machen, der die ganze Welt schockiert.

Kann sich eine vor 30 Jahren gegründete Band gegenüber der Jugend von heute noch als aufregend und neu verkaufen?

Wir haben heute einen Haufen junger Kids im Publikum, darunter viele Neo-Punks. Die fühlen sich von Zeilen wie „Verschwende deine Jugend“ wieder angesprochen. Wir haben immer versucht, keine Tagespolitik in unseren Texten zu verarbeiten, deswegen überdauern die meisten unserer Stücke die Zeit. Unsere Songs gehören zu den sogenannten Silent Hits, sie brennen ganz lange. „Der Mussolini“ hat sich millionenfach verkauft, aber nicht etwa innerhalb von zwei Wochen, sondern innerhalb von 30 Jahren.

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