USCHI FRITZ IM GESPRÄCH ÜBER DAS ALTERN – UND WARUM SIE SICH AN WEIHNACHTEN WIE EIN KIND FÜHLT

Für Uschi Fritz ist das ganze Jahr über Weihnachten. Im Bremer Schnoor betreibt sie das Geschäft „Weihnachtsträume“.
15.12.2013, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Inge Schmidt-Grabia
USCHI FRITZ IM GESPRÄCH ÜBER DAS ALTERN – UND WARUM SIE SICH AN WEIHNACHTEN WIE EIN KIND FÜHLT

Uschi Fritz steht immer noch regelmäßig hinter dem Verkaufstresen ihres Weihnachtsgeschäfts.

Frank Thomas Koch

Statt Kaffee eine frische Hühnerbrühe

Für Uschi Fritz ist das ganze Jahr über Weihnachten. Im Bremer Schnoor betreibt sie das Geschäft „Weihnachtsträume“. Auch wenn die 71-Jährige mittlerweile nach einem geeigneten Nachfolger als Geschäftsführer sucht, will sie noch viele Jahre in dem Laden weiterarbeiten. Im Gespräch mit Maren Beneke erzählt die Unternehmerin von ihrer Abneigung gegenüber Kaffee und warum für sie Weihnachten seinen Zauber noch lange nicht verloren hat.

Frau Fritz, eigentlich haben wir uns auf eine Tasse Kaffee getroffen, dabei trinken Sie doch gar keinen Kaffee. Da sind Sie aber wohl eine ziemliche Ausnahme, oder?

Uschi Fritz:

Das mag wohl stimmen. Ich bin jetzt 71, trinke aber keinen Kaffee mehr, seit ich 40 bin. Dafür ist mein Blutdruck zu hoch.

Für viele Menschen gehört Kaffee zum morgendlichen Ritual. Haben Sie eine „Alternativdroge“?

Ich trinke tatsächlich jeden Morgen eine selbstgemachte Hühnerbrühe – auch sonntags. Ich komme zwar aus Bremen, wohne aber seit mittlerweile 30 Jahren auf dem Land in der Gemeinde Gnarrenburg. Auf meinem Hof gibt es ein riesiges Gewächshaus, in dem ich jede Menge Kräuter angepflanzt habe. Einige davon dürften viele Menschen wahrscheinlich gar nicht kennen. Und die landen dann letztendlich alle in meiner Hühnerbrühe.

Haben Sie derzeit ein Lieblingsgemüse?

Im Moment esse ich sehr viele Frühlingszwiebeln, bestimmt ein Bund pro Tag. Aber auch Knoblauch finde ich lecker. Das baue ich auch selbst zu Hause an. Mittlerweile habe ich allerdings so viel davon, dass ich die Knollen verkaufen könnte.

Wo bekommen Sie die Kräuter her?

Besonders gern kaufe ich sie bei einem Stand auf dem Wochenmarkt auf dem Domshof. Dort gibt es die herrlichsten Gemüse und Kräuter. Die versuche ich, in meinem Gewächshaus zu vermehren. Meistens mit Erfolg. Einige der Pflanzen sind bei mir mittlerweile meterhoch gewachsen. Vor Kurzem habe ich Fotos von den Pflanzen gemacht und sie den Verkäufern auf dem Stand gezeigt – die konnten es gar nicht fassen. Im Frühjahr will ich wieder fotografieren, damit sie die Bilder ihren Kunden zeigen können.

Sie verbringen viel Zeit im Garten, sind aber trotz Ihrer 71 Jahre auch nach wie vor Inhaberin eines Weihnachtsgeschäfts. Wie bringen Sie Freizeit und Beruf zusammen?

Es gibt tatsächlich ein Problem, von dem ich nie geglaubt hätte, dass es das geben würde: In meinem Bekanntenkreis hat es immer einige ältere Menschen gegeben, die gesagt haben, dass sie nicht mehr so viel tun möchten. Sie hatten keine Lust mehr darauf, im Garten zu arbeiten oder sich um ihre große Wohnung zu kümmern. Das habe ich nie verstanden. Ich habe für mich selbst festgestellt, dass ich neben dem Geschäft noch einige andere Dinge tun will. Ich habe einfach zu viele Interessen. Aber leider geht die Zeit unglaublich schnell rum. Weihnachten? Das war doch gerade erst. Wenn man älter wird, geht die Zeit mindestens drei oder vier Mal so schnell rum. Ich gebe zu: Das ist etwas, was mir nicht so gut gefällt. Alles andere, was mit dem Älterwerden zu tun hat, finde ich dagegen okay.

Zum Beispiel?

Man si

eht viele Dinge anders und kann sie auch besser beurteilen. Wichtig ist nur, dass man gesundheitlich so intakt ist, dass man noch etwas auf die Beine stellen kann. Dann braucht auch niemand Angst vorm Älterwerden haben. Bloß die Falten, die müssten nicht unbedingt sein...

Ist Arbeit ein wichtiger Teil Ihres Lebens?

Auf jeden Fall. Das Schlimmste ist, nicht arbeiten zu können. Was mich immer besonders freut, ist, wenn ich ältere Menschen treffe, die auch noch viel unternehmen. So muss das sein.

Wie oft packen Sie selbst noch im Geschäft an?

Normalerweise mehrmals die Woche. Im Moment bin ich wegen unseres Stands auf dem Weihnachtsmarkt täglich in Bremen. Da steckt auch noch einmal jede Menge Arbeit drin. Das Problem ist nur, dass das Geschäft eine Stunde Autofahrt von meinem Zuhause entfernt ist. Das ist manchmal doch ganz schön aufwendig.

Bei Ihnen im Laden ist das ganze Jahr über Weihnachten

.

Nervt das nicht manchmal?

Nein, überhaupt nicht. Bei mir im Kopf rumort es den ganzen Tag über, ich habe ständig neue Ideen für Entwürfe von Weihnachtsdekoration. Auch im Sommer bei 30 Grad Hitze. Manchmal wundere ich mich selbst: Aber immer wenn ich in mein Geschäft komme, dann freue ich mich über die schönen Sachen.

Für viele Menschen ist Weihnachten ein Feiertag, der einmal im Jahr kommt. Wenn Spekulatius und Co. schon im August in den Geschäften zu haben sind, stört es die meisten. Wie kommt bei Ihnen Weihnachtsstimmung auf?

Ich kann es zwar nicht erklären, aber bei mir gibt es immer einen Tag im Jahr, an dem es „klick“ macht – und dann ist die Weihnachtsstimmung da. Das kann zum Beispiel passieren, wenn ich ein bestimmtes Weihnachtslied höre. Ich freue mich immer sehr auf Weihnachten und genieße die Zeit. Ich fühle mich dann immer wie ein Kind

.

Wie sind Sie auf die Geschäftsidee für Ihren Laden gekommen?

Ich hatte 1991 einen schweren Unfall und musste monatelang an Krücken laufen. Weil ich aber immer etwas zu tun haben muss, habe ich Weihnachtsteller gebastelt. Freunde fanden die schön und haben mir dann vorgeschlagen, dass ich die Teller auf dem Bremer Weihnachtsmarkt verkaufe. Daraufhin habe ich den alten Marktmeister Wolfgang Ahrens angerufen und ihn gefragt, was ich tun müsste, um einen Stand zu bekommen. Es war Oktober, Herr Ahrens hat nur laut gelacht. Da hätte ich ein dreiviertel Jahr vorher anfragen müssen. Er hat sich dann aber trotzdem bereit erklärt, mich zu treffen, damit ich ihm meine Teller zeigen kann. Und plötzlich hatte ich dann doch einen eigenen Stand.

Und aus dem eigenen Stand ist dann ein eigener Laden geworden?

Ich neige dazu, zu übertreiben. Weil ich nach und nach so viel Weihnachtsdekoration gesammelt habe, hat ein Freund zu mir gesagt: „Jetzt wird es aber Zeit für ein eigenes Geschäft.“ Die Idee fand ich gut, also habe ich mich in Bremen nach einem geeigneten Raum umgeschaut. Der erste Laden, den ich mir angeschaut habe, ist der, den ich bis heute betreibe. Ich habe die Räume gesehen und mir war klar: „Das ist es.“

Und zu Hause ist bei Ihnen zur Weihnachtszeit alles überbordend dekoriert?

Im Gegenteil: Eigentlich habe ich nur eine große Vase, in die ich Tannenzweige stecke. Und die werden dann mit Haken und Kugeln geschmückt. Und natürlich einen Weihnachtsbaum, der allerdings in jedem Jahr etwas anders aussieht. Ich probiere gerne etwas aus. Derzeit mag ich silber und eisweiß.

Für jemanden, der in so einem Geschäft wie Ihrem arbeitet, ist das überraschend wenig, oder?

Bevor ich den Laden hatte, habe ich immer das ganze Haus geschmückt. Aber seitdem ist die Zeit nicht mehr da. Die Weihnachtstage verbringe ich jetzt außerdem immer bei meinem Sohn in Hannover. Da ist das Schmücken zu Hause auch gar nicht mehr in dem Umfang nötig. Vielen Menschen fällt auf, dass ich immer sehr dunkel gekleidet bin. Ich trage nur schwarz und das schon seit Jahren. Das liegt daran, dass ich so viele Dinge um mich herum habe, die sehr schrill und bunt sind.

Sie sind in Bremen geboren und haben dort jahrelang gelebt. Warum haben Sie sich dazu entschieden, aufs Land zu ziehen?

Ein Freund von mir hatte damals beschlossen, sich einen Resthof zu kaufen. Er hatte aber kaum Zeit, sich umzugucken, und hat mich dann gebeten, das für ihn zu übernehmen. Und so bin ich auf dem Hof in Gnarrenburg gelandet. Als ich das Grundstück zum ersten Mal gesehen habe, lag Schnee, der Hof war umgeben von Tannen. In diese riesigen Bäume habe ich mich sofort verliebt. Und dann war das Grundstück eben gekauft – ohne, dass ich mir das Haus überhaupt angeschaut habe.

Eine ziemlich unübliche Entscheidung.

Das

mag wohl sein. Aber ich habe die Entscheidung nie bereut. Mein damals zwölfjähriger Sohn ist dort auf 60000 Quadratmetern Land aufgewachsen. Später hat er einmal zu mir gesagt: „Das Beste, was du je gemacht hast, ist, aufs Land zu ziehen.“ Die Kindheit, die er dort hatte, war behüteter, als das wahrscheinlich in einer Stadt jemals möglich gewesen wäre.

Haben Sie die Vorzüge der Stadt denn niemals vermisst? Schließlich ist Ihr Geschäft in Bremen, Sie müssen immer eine lange Strecke bis dahin zurücklegen...

Überhaupt nicht. Wenn ich die Ruhe auf dem Land nicht hätte, würde ich verrückt werden.

Bremer Unternehmerin

Für die 71-Jährige ist Arbeit ein wichtiger Bestandteil im Leben.

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