Vergoldete Raubkunst

Wien ist prächtig anzuschauen: Schloss Belvedere, die stattlichen historischen Bauten in der Innenstadt und die beeindruckende Kunst, etwa Gustav Klimts „Frau in Gold“. Das Werk jenes Künstlers also, der mit seinen mit Blattgold verzierten Bildern ebenso den Wiener Jugendstil wie das österreichische Verständnis prägte.
04.06.2015, 00:00
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Vergoldete Raubkunst
Von Uwe Dammann

Wien ist prächtig anzuschauen: Schloss Belvedere, die stattlichen historischen Bauten in der Innenstadt und die beeindruckende Kunst, etwa Gustav Klimts „Frau in Gold“. Das Werk jenes Künstlers also, der mit seinen mit Blattgold verzierten Bildern ebenso den Wiener Jugendstil wie das österreichische Verständnis prägte. „Sie gehört Österreich“, heißt es in dem Kinofilm „Die Frau in Gold“, der jetzt anläuft, über das 1907 entstandene Porträt der Adele Bloch-Bauer, das jahrelang als „Mona Lisa Österreichs“ im Schloss Belvedere hing – bis eine ältere, von den Nazis vertriebene Jüdin, ihr Erbe vor dem höchsten US-Gericht und gegen den österreichischen Staat erkämpfte. Darf dieses Jahrhundertgemälde in Gold, das hunderttausendfach auf Schals, Taschen und Kalender gedruckt wurde, das Land verlassen? In Richtung USA, zu einer Nichte der Porträtierten?

Das ist – grob zusammengefasst – der Plot in dem Film „Die Frau in Gold“ mit einer glänzenden Helen Mirren in der Hauptrolle. Auch die deutsche Schauspielergarde mit Daniel Brühl, Justus von Dohnanyi, Tom Schilling oder Moritz Bleibtreu in einer Nebenrolle als Gustav Klimt sowie Ex-Tatort-Kommissarin Nina Kunzendorf ist in dem Hollywoodstreifen zu sehen. Ein deutscher Klassiker wird weiterhin in Szene gesetzt, um im Bild zu bleiben. Das Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ bekommt eine kleine Nebenrolle. Der Film mit dieser Ausstattungstreue nach einer wahren Begebenheit kommt passgenau in einer Zeit in die Kinos, in der die breite Öffentlichkeit über die Restitution von Raubkunst diskutiert. Im Zentrum steht dabei das Wien des Jahres 1938: Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten herrschen an der Donau Angst und Terror. Systematisch enteignen die Besatzer alle Juden – auch die Großfamilie um Vater Gustav Bloch (Allan Corduner) und seinen Bruder Ferdinand Bloch-Bauer (Henry Goodman), die man ihrer üppigen Kunstsammlung beraubt und aus Wien ver-, beziehungsweise in den Tod treibt.

Gut 50 Jahre später beschließt Blochs Tochter Maria Altmann (Helen Mirren), die damals rechtzeitig in die USA emigrieren konnte, zurückzuholen, was rechtmäßig ihr gehört: die „Goldene Adele“, ein wertvolles Jugendstil-Porträt ihrer Tante Adele (Antje Traue), die sich vom berühmten Maler Gustav Klimt (Moritz Bleibtreu) hatte verewigen lassen.

Das Gemälde, das später als „österreichische Mona Lisa“ bekannt wurde, hängt mittlerweile im Wiener Schloss Belvedere. Altmann bittet den Anwalt Randol Schoenberg (Ryan Reynolds) um Hilfe, den Enkel des jüdischen Komponisten Arnold Schoenberg. Der Jurist lebt mit seiner Freundin Pam (Katie Holmes) ebenfalls in Los Angeles und ist Feuer und Flamme, als er vom Wert des Gemäldes hört: Es geht um weit über 100 Millionen Dollar. Nur sind die österreichischen Behörden nicht gewillt, das Nazi-Raubgut wieder herzugeben… Soweit die wahre Geschichte, die Regisseur Simon Curtis („My week with Marylin“) in seinem jüngsten Werk mit Helen Mirren als störrische, nach Gerechtigkeit strebenden Maria Altmann erzählt und sich dabei größtenteils auf Fakten stützt. Dazu zählt auch, dass die sture Dame ausgerechnet den jungen und unerfahrenen Anwalt Randy Schoenberg (Ryan Reynolds) engagiert.

Klage gegen den Staat Österreich

Gemeinsam reist das ungleiche Paar nach Wien und damit in das Land, das Maria nie wieder betreten wollte. In Wien nehmen sie es mit dem österreichischen Staat auf, unterstützt von einem Journalisten (Daniel Brühl).

In Rückblenden erzählt Curtis von Marias Tante Adele, von der Zeit, als sie von Gustav Klimt gemalt wurde, von der Unterdrückung der jüdischen Familie und schließlich der Flucht der jungen Maria. Dabei gerät der Film zu einem spannenden Justiz-Historienthriller mit eindringlichen Momenten aus dem Wien der Nazizeit. Ansonsten allerdings setzt Curtis vor allem auf Emotionalität, die manchmal etwas kitschig aufgetragen daherkommt. Hollywood eben. Helen Mirren, die für ihre Darstellung in „The Queen“ den Oscar erhielt, tritt hier mit hartem deutschen Akzent und stechend dunklen Augen auf. Mit sprödem Witz und Strenge demonstriert sie in diesem zweistündigen Epos ihr großartiges Spiel. Unterstützt wird sie dabei von Hans Zimmers streicherlastigen, pompösen Musik-Klängen. Ihr zur Seite steht Ryan Reynolds, der als als junger, unerfahrener Anwalt den Prozess gegen das Land Österreich anstrengt und gewinnt.

Die Österreicher sind mit Ausnahme des Enthüllungsjournalisten, den Daniel Brühl spielt, allesamt unsympathisch und stur. Es geht um Raubkunst und Restitution, um Vergangenheitsbewältigung und Gerechtigkeit.

Der Schlussakkord, der an eine Schlüsselsequenz aus James Camerons Kassenschlager „Titanic“ erinnert, ist dann endgültig etwas zu dick aufgetragen. Bleibt dennoch das Fazit: Das Kunstraub-Drama „Die Frau in Gold“ ist nicht nur stark besetzt, sondern sehenswertes Unterhaltungskino und zugleich ein Plädoyer für einen jurististisch einwandfreien Umgang mit den von den Nazis enteigneten Juden.

Das Bild „Die Frau in Gold“ hängt im Übrigen wieder über einem Kamin, doch diesmal in der Neuen Galerie an der Fifth Avenue in New York. Gekauft hat es der Kosmetikerbe und Präsident des Jüdischen Weltkongresses Ronald Lauder, der für Maria Altmanns Erbe 135 Millionen Dollar locker machte.

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