Verkannte Kunst

Sie sind in die Jahre gekommen: Daisy Duck, Lucky Luke, Tim und Struppi. Die Entendame bringt es auf stolze 80 Jahre, der treffsichere Cowboy ist 70 und der reisefreudige Reporter samt Vierbeiner erobert seit einem halben Jahrhundert den Erdball.
27.04.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Von Annica Müllenberg
Verkannte Kunst

Ab 14 Uhr präsentiert Hommer seinen autobiografischen Reisebericht.

Kristin Hermann, Nicole Sturz

Sie sind in die Jahre gekommen: Daisy Duck, Lucky Luke, Tim und Struppi. Die Entendame bringt es auf stolze 80 Jahre, der treffsichere Cowboy ist 70 und der reisefreudige Reporter samt Vierbeiner erobert seit einem halben Jahrhundert den Erdball. Es sind alte Helden, die in Frankreich, Belgien und den USA Superstars sind. Hierzulande tun sich die Buchläden noch immer schwer, Comic-Helden gleichrangig neben Krimis, Sachbüchern und Ratgebern einzusortieren.

Der Name Graphic Novel sollte den Bildgeschichten einen edlen Anstrich verpassen – das klappte nur bedingt. Der Gratis-Comic-Tag hat daher das Ziel, mehr Käufer in die Shops zu locken. An der Aktion beteiligen sich in diesem Jahr 20 Verlage. Sie drucken Sonderhefte, die bei beteiligten Händlern zum Mitnehmen bereitliegen. In Bremen sind das Comic Café, eine Thalia-Filiale und die Stadtbibliothek dabei. Bei den Heften handelt es sich um Leseproben zu Neuveröffentlichungen. 400 000 Exemplare werden am 13. Mai in Deutschland, der Schweiz und Österreich zu haben sein. Der Gratis-Comic-Tag wurde 2010 ins Leben gerufen, um die Absatzzahlen für Comics zu erhöhen und den stationären Handel zu unterstützen. Im ersten Jahr beteiligten sich 150 Händler aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. „Die Wirkung ist spürbar“, sagt Filip Kolek vom Reprodukt-Verlag in Berlin. In diesem Jahr liegt die Zahl bei 318. „Darunter sind 135 Comic- und 183 Buchläden.“

Langsam holt der Buchhandel auf – das verschafft der Gattung mehr Ruhm, dennoch sind nicht alle Händler begeistert. „Früher war die Aktion exklusiv für den Fachhandel gedacht. Nun kommen immer mehr Läden dazu“, sagt Jan Albin vom Comic Café in der Neustadt, der nun deutlich Konkurrenz spürt. Er sieht den Nutzen des Gratis-Comic-Tags eher als kurzfristige Werbemaßnahme. „Es ist mein umsatzstärkster Tag, allerdings ist im Nachgang kein sprunghafter Anstieg bei den Verkaufszahlen zu bemerken.“

Öfter nachgefragt werden Graphic Novels in Büchereien, deshalb ist auch die Stadtbibliothek am Gratis-Comic-Tag mit dabei. „Die Zeiten, als Comics gleichgesetzt wurden mit lustigen Bildergeschichten für Kinder, sind schon lange vorbei. Heute haben die Comicserien und -romane auch für Erwachsene einen prominenten Platz in der Stadtbibliothek direkt neben der Kunstabteilung“, sagt Guntram Schwotzer, Lektor in der Stadtbibliothek Bremen. Das Haus pflegt einen ständig wachsenden Bestand an Comics, von Biografien über Wissenschaft und Krimis bis hin zu den Geschichten aus Entenhausen.

Am 13. Mai können Besucher in der Bücherei Am Wall nicht nur Gratis-Hefte bekommen, sondern einen Zeichner live erleben. Sascha Hommer stellt ab 14 Uhr seine Graphic Novel „In China“ vor, einen autobiografischen Reisebericht. Auch wenn die Fan-Gemeinde wächst, braucht die Gattung in Hommers Augen noch Unterstützung wie der Gratis-Comic-Tag sie leistet. „Zeichner haben es hierzulande noch schwer. Dennoch muss man sagen, dass Comics mittlerweile anders wahrgenommen werden. Es gibt mehr Möglichkeiten, das Thema an Schulen und in Kulturinstituten zu platzieren. Zudem werden mehr deutsche Werke übersetzt.“ Deshalb trauten sich mehr Zeichner und Zeichnerinnen die Realisierung eines Bands zu, sagt der Hamburger. Ohne einen Lehrauftrag oder anderen Zuverdienst sei die Finanzierung oft nicht zu stemmen. Bis „In China“ druckfertig in den Regalen stand, vergingen fünf Produktionsjahre.

Trotz Trendwende sei der deutsche Comic noch weit davon entfernt, als Kulturgut wahrgenommen zu werden wie es in Frankreich der Fall sei, sagt der Zeichner Arne Jysch. „Es gibt mittlerweile mit dem FAZ-Redakteur Andreas Platthaus einen Donaldisten, der als Comic-Experte gilt, dennoch werden noch Jahrzehnte vergehen, bis der deutsche Comic den Stellenwert bekommt, den der französische in der dortigen Gesellschaft hat“, sagt der gebürtige Bremer. Die Bildgeschichten gelten im Nachbarland nach Architektur, Malerei, Bildhauerei, Grafik, Zeichenkunst, Fotografie und Kino als neunte Kunst, die Zeichner als Superstars. Eine große Industrie spuckt massenhaft Lesestoff aus. „Es gibt einzelne Berufe wie Zeichner, Autoren, Koloristen, die ausschließlich von dieser Tätigkeit leben. Sie genießen eine hohe Anerkennung. Jährlich finden große Festivals statt“, sagt Jysch, der sich darüber freut, dass seine neue Graphic Novel „Der nasse Fisch“ es in den Buchhandel geschafft hat und sich dort erfolgreich neben Krimis behauptet.

Guy Delisle muss sich keine Sorgen um Auflage und Vertrieb machen. Die gezeichneten Reisereportagen des Franko-Kanadiers verkaufen sich sehr gut. „Die meisten Fans habe ich in Frankreich, dort gilt der Comic als visuelle Kunst“, sagt er. Delisles gezeichnete Beobachtungen aus Birma, Jerusalem und Shenzhen schafften es sogar ins Klassenzimmer.

Ob Sascha Hommers Reiseband irgendwann auch zur deutschen Schullektüre aufsteigt? In der Schweiz steht sein Werk „Vier Augen“ zumindest schon auf dem Lehrplan.

Der Gratis-Comic-Tag findet bundesweit am 13. Mai statt. In Bremen laden das Comic Café, Thalia und die Stadtbibliothek Besucher ein, sich genauer mit den gezeichneten Geschichten zu beschäftigen. Weitere Informationen unter www.gratiscomictag.de.
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