Visionen aus Nordhessen

Senator Joachim Lohse, sein Ressort und Bremen haben einen neuen Staatsrat, der die Bereiche Bau und Verkehr übernommen hat. In einem Interview mit dieser Zeitung umriss Jens Deutschendorf unlängst im Groben, wie er sich seine Arbeit vorstellt.
16.08.2017, 00:00
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Visionen aus Nordhessen
Von Silke Hellwig

Senator Joachim Lohse, sein Ressort und Bremen haben einen neuen Staatsrat, der die Bereiche Bau und Verkehr übernommen hat. In einem Interview mit dieser Zeitung umriss Jens Deutschendorf unlängst im Groben, wie er sich seine Arbeit vorstellt. Dabei stellte der Grüne unter anderem fest, dass es in Bremen „vergleichsweise wenige Hochhäuser“ gibt, weniger als in Berlin. Das ist eine Erkenntnis, der wenig entgegenzusetzen ist: Der Mann hat recht.

Anders sieht es eventuell mit Deutschendorfs Nachsatz aus: „Womit ich nicht sagen will, dass das so bleiben muss.“ Nun muss dem Neustaatsrat und Nagelneubremer eine Art Welpenschutz zugestanden werden, der in der Regel 100 Tage anhält. Indes steigt der Hesse mitten in der Wahlperiode in die bremische Politik ein, womit man ihm nach Adam Riese nur gut sieben Wochen Einarbeitungszeit zugestehen kann. Dann kann die Hochhausplanung beginnen, sozusagen.

Allerdings werden dabei, wie die Vergangenheit lehrt, nicht etwa dicke Bretter, sondern Stahlplatten zu bohren sein. Bislang reagierten die Bremer auf derlei Überlegungen nämlich mit einer gewissen Zurückhaltung, man könnte fast sagen: empfindlich. Selbst der Bau des neuen Gebäudekomplexes vor dem Hauptbahnhof, mit sechs Stockwerken eher ein Zwerg neben dem Tivoli- und dem Siemens-Hochhaus (beide 16 Etagen), sorgte für monatelange Debatten, die vermutlich noch einmal aufflammen werden, wenn die Mauern beginnen, nach oben zu wachsen und das Gebäude Kontur annimmt.

Dass die Bremer Skyline eventuell aus mehr bestehen könnte als aus den Domturmspitzen (98 Meter hoch), dem Fallturm (146), dem Aalto-Hochhaus (65), dem Fernmeldeturm (228) und dem Weser-Tower (82), ist nämlich auch schon anderen Bremern eingefallen. Vor 17 Jahren lösten der Bremer Unternehmer Kurt Zech und der Bremer Architekt Thomas Klumpp mit ihren Plänen, das Siemens-Hochhaus (61 Meter) aufzustocken, eine enorme Debatte aus. Hier stießen ihre Pläne auf pure Begeisterung, da auf geradezu erbitterten Widerstand.

Das Siemens-Hochhaus sollte von einem ovalen, sechsgeschossigen Komplex samt einem halbkugelförmigen Café mit Terrasse gekrönt werden. Mit 22 Etagen und 100 Metern wäre das Gebäude über die Domspitzen hinausgewachsen – ein architektonischer Tabubruch und Größenwahn, zumindest in den Augen der Gegner des Projekts. Befürworter argumentierten, Bremen müsse Neues wagen und „über sich hinauswachsen“.

Zech und Klumpp gaben irgendwann auf und legten die Pläne ad acta. Auch aus der „Hochhaus-City“ im Gleisdreieck (ehemaliger Güterbahnhof) wurde nichts. Der Vorschlag – ein Ensemble aus sieben hohen Gebäuden – stammte von einem Experten, den das Bauressort zurate gezogen hatte, von dem Architekten und Städteplaner Volkwin Marg. Im Gutachten wurde ebenfalls auf Berlin verwiesen, auf die Gebäude am Potsdamer Platz, aber auch auf Paris (La Defense) und London (Canary Wharf). Auch von diesen Städten unterscheidet sich Bremen interessanterweise durch beschränkte Gebäudehöhen.

In der Debatte um den möglichen oder unmöglichen Wachstumsschub für das Siemens-Hochhaus ging es indessen um Bürogebäude und Platz für neue Unternehmen, um „Erektionen des Kapitals“, so Marg, die nicht mit Dom und Rathaus konkurrieren sollten. Deutschendorf schwebt offenbar anderes vor – architektonische Lösungen für „die Herausforderungen einer wachsenden Stadt“. Dafür gibt es in Bremen bekanntlich eine Art Mahnmal, bei dessen Spitznamen man sich nicht mit Berlin aufhielt, sondern gleich an New York orientierte: „Klein-Manhattan“, offiziell auch „Demonstrativbauvorhaben Tenever" genannt, erbaut von 1968 bis 1976. Das Leitbild: „Urbanität durch Dichte“. Der Hintergrund: die Prognose, dass Bremen bis zum Jahr 2000 auf rund 800 000 Einwohner anschwellen werde. Die Wirklichkeit: kein Schwellen, eher Schrumpfen, später der Rückbau von fast 1000 Wohnungen.

Der Bremer an sich ist ja optimistisch, der Hesse offensichtlich auch. „Man wird mich kennenlernen und hoffentlich feststellen, dass ich das kann, wofür ich nach Bremen geholt wurde“, hat Jens Deutschendorf zu Protokoll gegeben. Man wird ihn kennenlernen, er wird Bremen und die Bremer kennenlernen. Im nordhessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg, wo er herkommt, gibt es auch weniger Hochhäuser als in Berlin. Dort hat er offenbar keine Wolkenkrater hinterlassen.

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