Hannover Vom Bastard zum Eroberer

Römisches Leben, englische Lords und das Aufblühen Londons nach dem großen Brand – im bunkerartigen Museum of London in Sichtweite der St. Paul’s Cathedral wird die Geschichte der britischen Metropole opulent inszeniert.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Vom Bastard zum Eroberer
Von Martin Wein

Römisches Leben, englische Lords und das Aufblühen Londons nach dem großen Brand – im bunkerartigen Museum of London in Sichtweite der St. Paul’s Cathedral wird die Geschichte der britischen Metropole opulent inszeniert. Nur ein Ereignis kommt auffällig knapp zur Sprache: der Einfall der Normannen unter Wilhelm dem Eroberer im Herbst des Jahres 1066. Fast scheinen die Engländer peinlich berührt bei der Erinnerung an die Ereignisse vor 950 Jahren. Die zeigen nämlich vor allem eines: Die in Zeiten von Brexit und britischem Sonderweg stets betonte natürliche Grenze zwischen dem Festland und den Britischen Inseln, die noch vor 30 Jahren absurde Ängste vor dem Eurotunnel aufkommen ließ, ist historisch betrachtet pure Fiktion. Weder die Römer, noch die Angelsachsen oder die Wikinger ließen sich davon beeindrucken. Und schon gar nicht ein Haudegen wie Wilhelm.

Dass der Junge einst Herrscher beiderseits des Ärmelkanals werden würde, war bei seiner Geburt hingegen alles andere als ausgemacht. Um das zu verstehen, führt die Spurensuche ins Département Calvados mit seinen Apfelbäumen. Unten in der Kleinstadt Falaise galoppiert Wilhelm als kühner Held in Bronze zu seinem Sieg in Hastings, wie man sich das im 19. Jahrhundert vorstellte. Oben auf der Normannenburg sieht die Sache ganz anders aus. Erst 911 hatte der skandinavische Nordmann Rollo sich vom brandschatzenden Wikinger zum Landesherrn der Normandie aufgeschwungen. Ein Jahrhundert später saß sein Ururenkel Robert I. als Herzog auf der kargen, zugigen Feste in Falasie.

Die war damals noch viel kleiner und ist heute eher fragwürdig restauriert. Erst buchstäblich im hintersten Winkel, einer geheimen Kammer, treffen Besucher auf den kleinen Wilhelm. In einer Videoprojektion schaukelt er dort in seiner Wiege. Mutter Herleva war schließlich nur eine Gerberstochter – und der König eigentlich an eine dänische Prinzessin vergeben. Der Bastard, wie er bis zur Eroberung Englands heißen sollte, musste deshalb in aller Verborgenheit aufwachsen. Fast alle seiner Getreuen, die den Kleinen schützten, verloren den Kopf, nachdem Robert wenige Jahre nach Wilhelms Geburt auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem verstorben war.

Wilhelm trifft Harald

Der stete Kampf mag Wilhelms Durchhaltevermögen beflügelt haben. Vor niemandem wollte er kuschen. Selbst die taktisch lukrative Hochzeit mit Mathilde von Flandern ließ er sich 1049 nicht ausreden, auch wenn die Ehe unter dem Kirchenbann landete und Wilhelm Frankreichs König zum Feind machte. 15 Jahre focht Wilhelm gegen Gott und die Welt und überlebte fast alle Gegner. Nach 1060 blieb auf dem Festland kaum jemand übrig, gegen den es sich zu kämpfen lohnte.

Da spülte Wilhelm 1064 das Schicksal Harald Godwinson vor die Füße. Die dramatische Szene findet man noch heute im Bischofspalast von Bayeux in der Normandie auf einem Wandbehang von Weltrang. Angeblich ließ Königin Mathilde den Teppich nachträglich sticken, um in Wort und Schrift Wilhelms Taten zu rechtfertigen. Auch wenn der Teppich von Bayeux eine zentrale Quelle des Mittelalters darstellt, ist seine Deutung bis heute umstritten.

Das fängt schon mit der Eingangsszene an. Was nämlich wollte Harald an Frankreichs Küste? Die einen sagen: Englands kinderloser König Eduard, ein Bewunderer Wilhelms, hatte seinen angeheirateten Verwandten Harald ausgeschickt, um diesem die Krone anzutragen. Die anderen glauben: Harald wollte seine Brüder befreien, die als Geiseln an Wilhelms Hof lebten. Jedenfalls erlitt der adelige Bote Schiffbruch, wurde an der Küste inhaftiert und von Wilhelm befreit. Der zog mit Harald in den Krieg und nahm ihm vor der Rückreise den Lehnseid ab. Unter Zwang, behauptete Harald später.

Als Eduard Anfang 1066 verstarb, war das Spiel um die Krone jedenfalls eröffnet. Harald machte zuerst das Rennen. Doch auch sein Bruder und der König von Norwegen erhoben Ansprüche – und Wilhelm der Bastard, der nach Haralds Eidbruch persönlich beleidigt und damit noch mehr in Rage war. Während die anderen drei alsbald ins Gefecht zogen, wartete Wilhelm trotzdem im Hintergrund auf die Gunst der Stunde. Bedacht warb er für seine Sache und engagierte Berufskrieger aus dem Rest Frankreichs, ja sogar aus Süditalien und ein paar Ritter vom Niederrhein.

Erst als Harald im September nach Nordengland zog, um den Norweger zu bezwingen, stach Wilhelms nagelneue Flotte hastig in See. Eilig trabte Harald zurück nach Süden, wo Wilhelm sich in Hastings verschanzt hatte. Wilhelm ließ dem Gegner keine Sekunde zum Ausruhen. Es stand auf Messers Schneide. Hätte Wilhelm nicht seinen Helm gelupft, wie der Teppich heute noch zeigt, ihm wären die Truppen davongelaufen. Obgleich zahlenmäßig unterlegen und in der schlechteren geografischen Position überrannten sie aber so in acht Stunden das angelsächsische Heer, schossen Harald einen Pfeil ins Auge und ruhten nicht, bis auch London Wilhelm zu Füßen lag. Aus dem Bastard wurde der letzte Eroberer Englands und am Weihnachtstag 1066 in Westminster Abbey der neue König.

Unglücklich trotz neuer Krone

Was der Teppich mit seinen detailreichen Kampfszenen und Alltagsbildern allerdings verschweigt: Auch mit seiner neuen Krone wurde Wilhelm nicht glücklich. Ständig musste er gegen Aufstände ins Feld ziehen, gegen neue Invasionsversuche aus Skandinavien und zwischendurch gegen Rebellen in der Heimat. Er baute den Tower of London und ließ ein umfängliches Buch über den Grundbesitz in England schreiben, das heute als Gründungsurkunde Großbritanniens gilt und als Grundlage mancher Rechtsansprüche. Dennoch musste Wilhelm mit ansehen, wie seine drei Söhne sich noch zu Lebzeiten gegen ihn stellten, über das Erbe hermachten und das anglonormannische Reich begruben.

Nach einem Sturz vom Pferd gab der schwer kranke König erst auf dem Totenbett nach. Die Länder wurden geteilt – und Wilhelm kam im September 1087 in der von ihm zur Versöhnung mit dem Papst nach seiner unerlaubten Ehe gestifteten Abtei der Männer in Caen unter die Erde. Selbst die Totenfeier war kein schöner Anblick. Die streitenden Söhne hatten den Leichnam zunächst tagelang rumliegen lassen.

Als der Sarg schließlich im Boden verschwand, brach der Korpus auf und entsetzlicher Gestank vertrieb alle Totengäste. Später wurde das Grab mehrfach geschändet. Heute liegt nur noch ein Oberschenkel Wilhelms unter der schlichten modernen Grabplatte.

Doch die Erinnerung an den Eroberer ist bis heute präsent. Als 878 Jahre nach Hastings Briten und Amerikaner zur Befreiung der Normandie von den Deutschen ansetzten, hatten sie die Bilder von damals sehr präsent vor Augen. Auf dem Soldatenfriedhof von Bayeux hinterließen die Befreier später in lateinischer Schrift eine Botschaft voller Genugtuung: „Wir, die einst von Wilhelm erobert wurden, haben nun das Heimatland des Eroberers befreit.“

„Xxxx xxx xxx xxxxx xxxxx xxxx xxxx xxxx xxxxx.“ xx xxxxxxxx
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+