Das Hafenkonzert gilt als älteste Radiosendung der Welt / Gerd Spiekermann hört auf Vom Glück der Matrosen

Hamburg. Wellen rauschen, Schiffssirenen tuten, die Glocken der Hamburger Kirchen läuten. Mit dieser maritimen Kulisse beginnt sonntags um 6 Uhr früh das „Hafenkonzert“, die älteste noch regelmäßig ausgestrahlte Radiosendung der Welt.
30.03.2015, 00:00
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Von HAUKE FRIEDERICHS

Wellen rauschen, Schiffssirenen tuten, die Glocken der Hamburger Kirchen läuten. Mit dieser maritimen Kulisse beginnt sonntags um 6 Uhr früh das „Hafenkonzert“, die älteste noch regelmäßig ausgestrahlte Radiosendung der Welt. 1929 ging sie erstmals über den Äther. Die am Sonntag im Radio zu hörende Erkennungsmelodie kommt im großen Saal des Seemannsclubs Duckdalben.

Hier zeichnet der Norddeutsche Rundfunk schon am Sonnabend vor etwa 120 Zuhörern die nächste Sendung auf. Moderator Gerd Spiekermann sitzt in der ersten Reihe, neben ihm Diakon Jan Oltmanns. Sie hören der Band von Eddy Winkelmann zu, die vor ihnen auf der Bühne spielt. „Treibgut und Strandperle“ heißt das Lied, passend zur Umgebung: Rettungsringe hängen an der Holzdecke, ein Miniaturleuchtturm steht in der Ecke und das riesiger Bild eines Frachters schmückt die Rückwand. Der Seemannsclub Duckdalben liegt am Rand der Containerterminals von Walterhof, im Schatten der Köhlbrandbrücke und direkt an der Elbe. Hier sollen Matrosen sich wohlfühlen.

Gerd Spiekermann arbeitet seit 30 Jahren beim NDR. Oltmanns gründete vor 29 Jahren den Seemannsclub und blieb an Bord. Am 13. August 1986 öffnete der Club Duckdalben, benannt nach in den Hafengrund gerammten Baumstämmen, an denen Schiffe festmachen können. Ein Zuhause für alle Seeleute, deren Schiffe in Hamburg festmachen, will die Einrichtung der evangelisch-lutherischen Kirche sein. Mit 15, vielleicht 20 Matrosen am Tag hatten die Gründer zunächst gerechnet, erzählt Oltmanns den Zuhörern. Doch rasch wurden es immer mehr. Im vergangenen Jahr kamen durchschnittlich 111 Gäste täglich, aus 106 Ländern, von Ägypten bis Zypern. Seit dem ersten Tag bis Ende 2014 betreuten die Helfer fast 730 000 Seefahrer in ihrem Club. Früher hätten die Seeleute noch viel Zeit, aber kein Geld gehabt, erzählt Oltmanns. Heute blieben den Männern nur wenige Stunden an Land, wenn überhaupt. Mitarbeiter des Clubs holen die Matrosen mit Kleinbussen von den Schiffen ab. Die Gäste telefonieren meist als erstes mit ihren Familien zu Hause. Dazu stehen mehrere Kabinen im Foyer der Duckdalben. Danach trinken die meisten einen Kaffee oder ein Bier in der gemütlichen Bar. Hinter dem Tresen können die Matrosen zudem Sachen kaufen, die sie an Bord brauchen: Zahnpasta, Duschgel und Süßigkeiten.

Billardtische, Tischtennisplatte, Dartscheiben und ein Sportplatz stehen bereit, ebenso Computer und ein Raum der Stille. Spiekermann macht hier heute seine letzte Außensendung. Als die Zuhörer das erfahren, rufen sie „Nein“ oder „Zugabe“. Rund 120 Fans des Hafenkonzerts sind nach Waltershof gekommen, die meisten sind ergraut. Sie hören Spiekermann seit Jahrzehnten. Der Moderator lächelt als die Zuhörer ihn zum Weitermachen auffordern. „Danke für die Anteilnahme“, sagt er. Aufgewachsen in Ovelgönne in der Wesermarsch kam er 1981 nach Hamburg und heuerte bald beim Norddeutschen Rundfunk an. Seit 14 Jahren leitet er das Hafenkonzert. Spiekermann und seine Co-Moderatorin Kerstin von Stürmer interviewen eine junge Frau, die als Freiwillige im Club arbeitet, einen Autor, der über die legendäre Kneipenwirtin Tante Hermine ein Musical geschrieben hat und zwei Herren von einem Verein, der historische Barkassen der Wasserpolizei restauriert. Dazwischen gibt es immer wieder Livemusik Winkelmann, die Band Hafennacht und Owen Casey, der Irish Folk spielt. Die meisten Lieder handeln von der Sehnsucht nach dem Meer, von den Sorgen und dem Glück der Matrosen. Schlager, Märsche und alte Seemannssongs sind nicht dabei. Lediglich der Klassiker Lilli Marleen erinnert musikalisch an alte Zeiten. Spiekermann mag das Lied, er hat internationale Aufnahmen gesammelt. Das Lied über den Abschied eines Soldaten von seiner Liebsten passt zu seinem letzten Hafenkonzert. Mit 63 Jahren hört er freiwillig auf. Mit seiner Frau will er nun viel reisen, zunächst nach Argentinien. Das Hafenkonzert wird am Montag, ab 20 Uhr, auf NDR 90,3 wiederholt und kann auch im Internet gehört werden.

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