Der Schauspieler Peter Lüchinger ist heute seit 25 Jahren Ensemblemitglied der Bremer Shakespeare-Company

Von einem, der nicht aufhören will zu staunen

Bremen. Heute Abend „Hamlet“, gestern „King Lear“, am Montag steht eine szenische Lesung an: Peter Lüchinger hat eigentlich wenig Zeit, an den 6. Dezember 1989 zu denken.
06.12.2014, 00:00
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Von einem, der nicht aufhören will zu staunen
Von Iris Hetscher
Von einem, der nicht aufhören will zu staunen

Hat schon viele Rollen gespielt: Peter Lüchinger inmitten diverser Shakespeare-Company-Kostüme.

Christina Kuhaupt

Heute Abend „Hamlet“, gestern „King Lear“, am Montag steht eine szenische Lesung an: Peter Lüchinger hat eigentlich wenig Zeit, an den 6. Dezember 1989 zu denken. Dabei ist dieses Datum ein wichtiges für ihn, denn es teilt sein Leben in die Zeit vor und in die Zeit mit der Bremer Shakespeare-Company. Heute vor genau 25 Jahren stand Lüchinger zum ersten Mal auf der Bühne des Theaters am Leibnizplatz, das Stück hieß „Die Erfindung der Freiheit“ und war nicht vom Hausautor, sondern eine vom Ensemble selbst entwickelte Collage.

Seit jenem Nikolaustag ist er dabei und wollte und will nicht mehr weg. Kein Wunder: Wer sich mit ihm über seine Arbeit bei der Company unterhält, der wird schnell mitgerissen von der Begeisterung, mit der der 56-Jährige einen ganzen Raum vibrieren lassen kann: „Ich bin wirklich froh über diese vergangenen 25 Jahre Lebenszeit“, sagt er, und man glaubt es ihm ohne Wenn und Aber.

Die Arbeitsweise des selbstverwalteten Theaters liegt dem aus dem kleinen Schweizer Städtchen Aarau stammenden Lüchinger: 25 Menschen sind die Company, neun davon schauspielern. Die Verantwortung für eine erfolgreiche Spielzeit kann in einem derart aufeinander aufbauenden Betrieb keiner an einen Intendanten oder eine Geschäftsführung delegieren – am Leibnizplatz müssen alle mitziehen, damit es klappt, ob es nun um den Spielplan geht oder den Verkauf von Programmheften. Kein Problem für Peter Lüchinger: „Ich übernehme gerne Verantwortung und mein Lieblingswort ist Verlässlichkeit.“ Weshalb der gelernte Kaufmann auch viel Arbeit in die Verwaltung und die Organisation der Company steckt, teils, weil man so Geld sparen kann, aber auch, weil Lüchinger sowieso neugierig auf alles Mögliche ist. Er sei ständig auf der Suche nach Begegnungen und Impulsen von außen und danach, „sich infrage zu stellen“, sagt er. Das kann nur gut sein, wenn man beruflich dauernd in die Identität eines anderen schlüpfen muss, ausloten muss, was eine Figur umtreiben könnte und warum sie für bestimmte Eigenschaften und Entscheidungen steht. „Spielen heißt handeln“ war denn auch einer der ersten Grundsätze, die Lüchinger auf der Schauspielschule in Zürich verinnerlicht hat.

Einer seiner größten Wünsche klingt da nur logisch: „Ich hätte gerne einmal richtig viel Zeit, um in andere Branchen reinzuschnuppern und zu schauen, wie beispielsweise ein Mathematiker tickt. Das Klischee vom Nerd interessiert mich nicht, ich würde gerne dahinter schauen.“ Die Fähigkeit zu staunen, die ist für ihn überlebenswichtig.

Und daher wäre es zwar begrüßenswert, wenn die Shakespeare-Company vielleicht so „ein oder zwei Leute“ mehr einstellen könnte, aber eigentlich will Lüchinger gar nicht klagen. Immerhin ist man inzwischen neben dem Bremer Theater unbestritten das zweite Haus am Platz, und das mit einem „sehr alternativen Verwaltungsmodell“. Kann man stolz drauf sein, findet Lüchinger, der von der Kreativität und Produktivität schwärmt, die die Zusammenarbeit mit den Kollegen ausmacht. Deshalb zieht es ihn auch nicht zurück ans dann doch durchreguliertere Stadttheater – von 1983 bis 1985 war er in Kassel engagiert, das hat gereicht. Gleich danach hat er sich in der freien Szene in Berlin getummelt, und dann folgte auch schon der Umzug nach Bremen. Hier ist er nun, und wundert sich: „Ich kenne immer noch nicht alles.“ Kann ja noch kommen. Ach, die Frage nach der einen Super-Klasse-Traumrolle, die er unbedingt gerne noch spielen würde, darf nicht fehlen. Lüchinger überlegt und kommt zum Schluss: Gibt es nicht, die eine Rolle. Denn „bei Shakespeare ist jede Figur spannend, weil alle so viele Facetten haben und jede ihre Wichtigkeit hat“.

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