Showmaster heute auch multimedial

Im Spotlight: Showmaster im Wandel der Zeit

Sie fegten die Straßen leer und versammelten ganze Familien vor dem TV-Gerät: Die großen Showmaster und ihre Unterhaltungssendungen. Kann das heute noch funktionieren?
27.04.2021, 15:54
Lesedauer: 4 Min
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Im Spotlight: Showmaster im Wandel der Zeit
Von Simon Wilke
Im Spotlight: Showmaster im Wandel der Zeit

Die Moderatoren Thomas Gottschalk, Wolfgang Lippert und Frank Elstner während der 100. "Wetten, dass...?"-Sendung

Hartmut Reeh/dpa

Wenn sie auftraten, saß Deutschland vor den Fernsehbildschirmen. Hans-Joachim Kulenkampff, Frank Elstner, Thomas Gottschalk, Peter Alexander, Harald Schmidt,... Die Liste ist lang. Rudi Carell, ebenfalls einer der Granden des Genres, prägte den Begriff des Showmasters für solche Moderatoren, die mit Witz, Charme und gerne auch mit musikalischen Einlagen das Publikum begeisterten. Einst sang er „Showmaster ist mein Beruf“, und darin die Textzeile „Etwas andres lern' ich doch nicht mehr, darum mach' ich weiter wie bisher“. Das war 1978.

Die Zeit des Weitermachens wie bisher ist für Showmaster wie Carell einer war vorbei. Die Eurovisionsmelodie garantiert längst keine Straßenfeger im Samstagabendprogramm mehr. 2020, in einem Jahr, in dem viele Menschen die eigenen vier Wände selten verließen, war die Unterhaltungssendung mit der größten Reichweite „Das Adventsfest der 100.000 Lichter“. 6,81 Millionen Menschen sahen zu, Florian Silbereisen moderierte. Zehn Jahre zuvor hatten bei Thomas Gottschalks „Wetten dass...?“ noch 10,82 Millionen Menschen zugeschaut, und selbst das war weit entfernt von den Hochzeiten der Show. Da können die Fernsehanstalten noch so sehr die Anziehungskraft vergangener Tage beschwören: Aber ja, die Moderation sei tragendes Element „der großen Samstagabend-Unterhaltung mit Johannes B. Kerner, mit Sabine Heinrich oder der neuen großen Samstagabend-Musikshow mit Giovanni Zarrella“, schreibt das ZDF auf Anfrage zum Thema Showmaster. Nun ja.

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Das Fernsehen hat sich verändert, weil sich die Gesellschaft verändert hat. Drei öffentlich-rechtliche Kanäle reichen nicht, heute gibt es mehr als 450 empfangbare private Fernsehprogramme in Deutschland, das Smartphone ersetzt oft schon ein TV-Gerät. Unterhaltungsshows, das Refugium der Showmaster, sind längst nur noch ein Bruchteil des größten Medienangebots aller Zeiten. Und wenn doch ferngesehen wird, dann natürlich nicht mehr Kulenkampffs "Einer wird gewinnen", sondern wahrscheinlich Kai Pflaumes "Klein gegen Groß" oder "Joko & Klaas gegen ProSieben". Und die Showmaster selbst? Zumindest in Sachen Kultstatus haben sie es heute ungleich schwerer als früher.

Leif Kramp ist Medienkulturwissenschaftler, er führt die Strahlkraft von Fernsehpersönlichkeiten auf die Beziehung zurück, die die Zuschauer zu den ihnen eigentlich unbekannten Stars knüpfen. Doch heute findet die Mediennutzung oft unter Zeitdruck statt, häufig nur auf Abruf, womöglich auf dem sogenannten „Second Screen“, also quasi nebenbei auf einem Handydisplay. Fernsehsendungen erinnern mit ihren schnell wechselnden Kameraeinstellungen an einen Zusammenschnitt aus Videoschnipseln, das Bild ruht längst nicht mehr minutenlang auf einer Person. Das wirkt sich aus: Die Moderatoren werden seltener zur festen Größe im familiären Wohnzimmer, seltener in das Leben der Zuschauer integriert und seltener zum Vorbild. Da können sie noch so charmant und witzig sein.

„Medienpersönlichkeiten sind immer Produkte ihrer Zeit“, sagt Kramp. Zwar sind Charisma, Schlagfertigkeit und Witz noch immer unabdingbar, um Fuß zu fassen im Showbusiness. Aber heute braucht es zusätzlich eine Präsenz auf anderen medialen Plattformen, um alle Zielgruppen zu erreichen. Und noch etwas hat sich verändert: die Haltung der Entertainer.

Früher ging es um Anschlussfähigkeit. Rudi Carell sagte einmal über die Zeit vor seinem Durchbruch als TV-Größe: "Ich habe in dieser Zeit gelernt, die breite Masse anzusprechen, ein Programm zu machen, das so vielen Menschen wie möglich Freude bereitet. Darum war ich später im Fernsehen auch so erfolgreich.“ Heute, sagt Leif Kramp, zeichneten sich die Fernsehpersönlichkeiten besonders durch eine Haltung zu politischen und sozialkritischen Themen aus. Die junge Generation Showmaster macht es vor. Jan Böhmermann wurde zuletzt unter anderem für den Bruch der österreichischen Regierungskoalition im Zuge der Ibiza-Affäre verantwortlich gemacht, „Joko“ Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf zeigten zur Primetime unter dem Titel „Pflege ist #NichtSelbstverständlich“ jüngst den Arbeitstag einer Krankenschwester in Echtzeit.

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Es wird noch immer gemeinsam Fernsehen geschaut, aber den klassischen Showmaster, den gibt es nicht mehr. Nur im kollektiven Gedächtnis vieler Familien sind sie noch verankert; Erinnerungen an Live-Sendungen, in denen tatsächlich Wohl und Wehe von Charme und Souveränität des Moderators abhing, und von einer möglichst illustren Gästeliste. An Herren in (bunten) Anzügen, Damen in Abendkleidern und an schalkhafte Bemerkungen über Gäste und sich selbst. Ans Mitraten und Mitfiebern, kurzum: An Zeiten, in denen man sich die großen Unterhalter nach Hause einlud, um mit ihnen den Abend im Kreis der Familie zu verbringen.

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Zur Sache

Eine Bremer Showmaster-Legende

Ein letztes Mal EWG, „Einer wird gewinnen“. 1987 war das, in Frankfurt. TV-Ikone und Moderator der Sendung Hans-Joachim Kulenkampff nahm den Willkommensapplaus gewohnt charmant entgegen. „Vielen herzlichen Dank, meine Damen und Herren, ich nehme es als Beifall und nicht als Freude darüber, dass ich jetzt aufzuhören gedenke.“ Typisch „Kuli“, werden sich Millionen Menschen an den Fernsehgeräten gedacht haben.

Am 27. April 1921 wurde Kulenkampff in Bremen geboren, in der Parkstraße 68. Er wird einer, vielleicht sogar der größte Moderator der deutschen Fernsehgeschichte werden. Im Zweiten Weltkrieg war er Wehrmachtssoldat, sprach aber fast nie darüber. Nur selten erlaubten seine Bemerkungen einen Rückschluss auf seine Vergangenheit. Als bei EWG von Wodka die Rede ist, sagt Kulenkampff: „Das einzige Mal, dass ich nicht bereue, in Russland gewesen zu sein“.

Kulenkampff war Schauspieler und kam über den Hörfunk zur TV-Moderation. „Einer wird gewinnen“ wurde sein Format, die Überziehung der Sendezeit zu seinem Markenzeichen, sein Charme und seine Schlagfertigkeit zum Publikumsmagneten. Ging er auf Sendung, soll er Einschaltquoten von über 90 Prozent gehabt haben. Er war „Krawattenmann-“ (1965) und „Pfeifenraucher des Jahres“ (1971) und nicht zuletzt bekam er 1987 die Goldene Kamera als bester Showmaster verliehen. Er starb am im Sommer 1998 im österreichischen Seeham. Am 27. April wäre Hans-Joachim Kulenkampff 100 Jahre alt geworden.

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