Warum Selbstverlegen das große Thema der Buchmesse ist

Frankfurt/Main. Die Verlage haben ihre Türöffner-Rolle offenbar verloren. Seitdem es E-Books gibt und Dienstleister, die diese online vertreiben, blüht das Self-Publishing, das Verlegen in Eigenregie.
11.10.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von KATHRRIN ALDENHOFF
Warum Selbstverlegen das große Thema der Buchmesse ist

Das Verlegen in Eigenregie etabliert sich zunehmend als Alternative zu traditionellen Verlagen. Auch auf der Buchmesse sind die Selbstverleger präsent.

Arne Dedert, dpa

Die Verlage haben ihre Türöffner-Rolle offenbar verloren. Seitdem es E-Books gibt und Dienstleister, die diese online vertreiben, blüht das Self-Publishing, das Verlegen in Eigenregie. So finden Autoren, die zu bestimmten Nischenthemen schreiben oder die Kontrolle über ihre Werke behalten möchten, eine Leserschaft. Aber auch solche, deren Manuskripte von den Verlagen immer wieder abgelehnt wurden.

Auch auf der Frankfurter Buchmesse sind die Selbstverleger präsent. Auf wenigen Quadratmetern prallen in Halle 3.1 Welten aufeinander. Zarte Gedichtsammlungen treffen auf Taschenbücher mit Titeln wie „101 Prozent Hure“ oder „Enujaptas Fluch“. Kleinverlage und Selbstverleger können hier für 91 Euro plus Mehrwertsteuer ihre Bücher dem Publikum präsentieren. Auf der Bühne neben den Regalen finden jeden Tag Diskussionen und Informationsveranstaltungen für Selbstverleger statt. Die weißen Lederhocker reichen nicht aus für all die Interessierten.

Die ehemals belächelten Selbstverleger sind im Rampenlicht angekommen. Self-Publishing ist eines der großen Themen der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Der Markt boomt: Jeder kann heute zum Autor werden und hat eine realistische Chance, auch gelesen zu werden. „Das Self-Publishing gibt den Autoren Macht, weil sie nicht mehr auf die Verlage angewiesen sind“, sagt Matthias Matting, Journalist, Selbstverleger und Betreiber des Blogs

selfpublisherbibel.de. Er hat im Frühjahr eine Umfrage zur Situation in Deutschland gestartet und erhielt mehr als 500 Antworten auf seinen Fragebogen. Auf rund

70000 Autoren schätzt er die Self-Publisher-Szene in Deutschland. Richtig Geld verdienen aber offenbar nur die wenigsten mit dem Bücherschreiben, im Schnitt kommen die Studienteilnehmer auf 312 Euro im Monat. Nur vier Prozent schaffen monatlich mehr als 2000 Euro.

Eine, die vorne mit dabei ist, ist Nika Lubitsch. Unter diesem Pseudonym veröffentlichte die 60-Jährige im Juli vergangenen Jahres das E-Book „Strandglut“ – und verdiente in den ersten zwei Wochen 660 Euro. Einen Monat später legte sie den Krimi „Der 7. Tag“ nach, mit dem sie drei Monate lang auf Platz eins der Downloadcharts bei Amazon stand. Später erschien es in Kooperation mit einem Münchner Verlag auch als gedruckte Ausgabe, insgesamt verkaufte sich das Buch bisher 220000 Mal. „Für mich war immer klar, dass ich einmal Schriftstellerin sein werde“, sagt die Berlinerin. „Nur wollte keiner meine Romane haben.“ Ihr Buch „Der 7. Tag“ bot sie vor zehn Jahren allen großen Krimiverlagen an – und kassierte nur Absagen.

Christoph Links ist Verleger und der Meinung, dass die Betreuung durch einen Verlag wichtig für Autoren ist. Außerdem seien die Auswahl durch die Verlage und das Lektorat ein Qualitätskriterium. „Auf einer Self-Publishing-Plattform kann man jeden Quatsch veröffentlichen.“ Dennoch sei er froh, dass es Selbstverleger gebe, denn manche Nischenthemen rechneten sich für einen Verlag nicht. Und: „Self-Publisher mischen die Landschaft auf, die Bequemlichkeit von Verlagen wird abgestraft. Die müssen aufpassen, dass sie nicht einen Teil der jungen Autoren verlieren.“

Der Holtzbrinck-Konzern hat mit epubli.de sogar eine eigene Self-Publishing-Plattform und mit neobooks.com einen E-Book-Dienstleister. Doch Holtzbrinck wuchert noch immer überwiegend mit den alten Pfunden: Wer ein besonders gutes Manuskript hochlädt, kann auf eine Veröffentlichung in der Verlagsgruppe Droemer Knaur hoffen.

Dabei wollen gar nicht alle Selbstverleger zu einem Verlag. Laut der Studie von Matthias Matting wurde nur ein Drittel der Teilnehmer zum Selbstverleger, weil sie keinen Verlag gefunden haben.

Wolfgang Tischer hat einen Ratgeber zum Veröffentlichen von E-Books geschrieben. Der Betreiber des Blogs literaturcafé.de rät vor allem Sachbuchautoren, sich schon vor dem Schreiben zu überlegen, auf welchem Weg sie ihr Buch später vertreiben können. Für Sachbücher würden auch im Self-Publishing höhere Preise gezahlt, im Gegensatz zur Belletristik. „Da ist es schwierig, einen Preis über drei Euro durchzusetzen“, sagt der gelernte Buchhändler, der zur Qualität eine gemischte Meinung hat: Es gebe wenige Bücher abseits des Mainstreams. Andererseits würden aber auch „merkwürdige Bücher von merkwürdigen Leuten“ veröffentlicht.

Nika Lubitsch würde das Angebot eines großen Krimiverlages heute nicht mehr annehmen. 25 Jahre lang leitete sie in Berlin eine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit. „Ich bin von Natur aus ein Unternehmertyp“, sagt sie. „Ich mag es, die Kontrolle zu haben.“ Sie schwärmt von dem direkten Kontakt, den sie zu ihren Lesern habe. Die würden ihr sogar Plätzchen backen oder Blumen vor die Haustür stellen. Sie hat inzwischen ihren eigenen kleinen Verlag gegründet, und auf die Frage, ob sie inzwischen vom Schreiben leben könne, lächelt sie nur. Und erzählt, dass sie auf Amazon schon mehr als 200 Vorbestellungen für ihr neues Buch hat, das in ein paar Tagen erscheint.

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