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Was hinter dem Phänomen Podcast steckt

Der Podcast „Fest & Flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz ist für viele Zuhörer einfach Kult. Was hinter dem Phänomen Podcast steckt, und was die Zuhörer an dem Format schätzen.
24.10.2018, 22:51
Lesedauer: 5 Min
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Was hinter dem Phänomen Podcast steckt
Von Ina Bullwinkel
Was hinter dem Phänomen Podcast steckt

Viele treue Fans hat der Podcast „Fest & Flauschig“ mit Olli Schulz und Jan Böhmermann.

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Zuhören, wie sich zwei Männer über alles Mögliche unterhalten, über Politik diskutieren oder Unsinn erzählen – für Fans von „Fest & Flauschig“ macht genau das die Faszination für den Podcast von Jan Böhmermann und Olli Schulz aus. Lange Zeit waren Podcasts in Deutschland nicht so stark verbreitet wie etwa in den USA, doch seit einiger Zeit wächst auch hierzulande die Podcast-Community.

Auf der Zugfahrt, beim Einschlafen oder an einem gemütlichen Sonntag auf dem Sofa: Podcasts eignen sich genauso wie Radiosendungen oder Hörbücher, um sich über Politik und aktuelle Themen zu informieren, Geschichten zu hören oder sich schlicht mit unterhaltsamen Gesprächen berieseln zu lassen.

Podcasts sind im Gegensatz zum Live-Radio jederzeit online abrufbar, etwa per App, Youtube oder Streaming-Dienst, und damit nicht an eine bestimmte Sendezeit gebunden. Per Web-Feed lassen sich Podcasts abonnieren, sodass aktuelle Folgen automatisch heruntergeladen werden. Viele Podcast-Hörer nutzen dazu ihr Smartphone, am PC oder Tablet lassen sich die Audio- oder Video-Dateien jedoch genauso abspielen.

Am besten nicht länger als 90 Minuten

Das Besondere an Podcasts ist die große Bandbreite der Themen, die sie abdecken. Nischeninteressen wie wissenschaftliche Experimente oder Computerspiele zählen genauso dazu wie Themen, die generell ein größeres Publikum ansprechen wie zum Beispiel Kriminalgeschichten oder aktuelle Nachrichten.

Aber auch Kabarett, Gesundheit und Lifestyle-Podcasts über Mode oder das Sexualleben finden viele Zuhörer. Wenngleich es viele Angebote gibt, schaffen es nur wenige, sehr bekannt zu werden und eine Anzahl von 100.000 oder mehr Hörern zu gewinnen.

Besonders erfolgreich sind laut der Hamburger Medienforscherin Nele Heise vor allem die Podcaster, die sehr regelmäßig senden, deren Aufzeichnungen nicht länger als 90 Minuten dauern und die mit eigenen Rubriken einen Wiedererkennungswert schaffen.

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Bei „Fest & Flauschig“ ist das zum Beispiel die Rubrik „Die großen fünf“, bei der Böhmermann und Schulz zu einem Thema ihre fünf Favoriten vorstellen – je absurder, desto besser. Sehr beliebt ist auch der US-Podcast „Serial“, bei dem sich alle Folgen einer Staffel um einen ungelösten Mordfall drehen.

Englischsprachige Podcasts haben zudem den großen Vorteil, dass sie aufgrund der Sprache ein größeres Publikum ansprechen können – und das weltweit.

Dazu sind manche Themen reizvoller als andere. „Mit Podcasts über Sex und Crime kann man nichts falsch machen“, urteilt Nele Heise, die neben ihrer Forschungsarbeit auch Podcast-Macher berät und Sendungskonzepte entwickelt.

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"Keine gebügelte Radiosprache"

Am Ende gehe es darum, „authentisch“ zu sein, und das ist laut Heise auch das, was die Hörer im Gegensatz zum herkömmlichen Radio schätzen. „Was viele Menschen fasziniert ist, dass es keine gebügelte Radiosprache gibt, die besonders sachlich ist. Es gibt auch keine gespielte Fröhlichkeit, wie man sie von den Morning-Shows kennt, sondern authentische Gespräche, wie sie auch zwischen Freunden stattfinden.“

In Podcasts würden sich Menschen auch mal aneinander reiben und streiten, Argumente würden hin- und hergeschmissen. Das mache die Diskussionen lebhafter und auch glaubhafter. Ein Trend im bunten Podcast-Potpourri sind wissenschaftliche Sendungen.

Laut Online-Audio-Monitor, einer Studie, die repräsentativ die Nutzung von Audio-Angeboten im Internet untersucht, stehen die Themen Wissenschaft und Technik auf Platz drei der beliebtesten Podcasts und Radiosendungen, nach Nachrichten zu Politik und Zeitgeschehen (Platz eins) und Musik (Platz zwei).

Wissenschaft unterhaltsam aufbereitet

Nicolas Wöhrl ist Podcaster bei „minkorrekt“ (methodisch inkorrekt) sowie Mitgründer der Plattform wissenschaftspodcasts.de, einem Verzeichnis deutschsprachiger Podcasts für den Wissensbereich. „Ich finde es faszinierend, wenn Wissenschaft auch unterhaltsam ist. Ich mag es, wenn ich beim Hören von Podcasts etwas lerne und etwas mitnehme“, sagt Wöhrl, der hauptberuflich im Bereich der Experimentalphysik an der Universität Duisburg-Essen forscht.

Wie viele andere Podcaster auch, hat Wöhrl als Hörer angefangen und kam so auf die Idee, einen eigenen Podcast zu produzieren. Laut Wöhrl hat sein Podcast mehr als 50.000 Hörer bei jeder Folge. Keine schlechte Zahl, wenn man bedenkt, dass die meisten Sendungen zwischen drei und vier Stunden lang sind.

Zusammen mit seinem Kollegen Reinhard Remfort macht er in jeder Folge ein Live-Experiment, spielt Musik und bespricht Studien aus Fachjournalen. „Unsere Hörer wollen nicht nur eine Reduzierung der Komplexität der Themen, sie wollen dass wir uns Zeit nehmen und die Themen ausführlich und trotzdem verständlich darstellen.“

In der Länge liege ein besonderer Reiz der Wissenschaftskommunikation durch Podcasts, der von keinem anderen Medium abgebildet werden könne, so Wöhrl. „Mit Podcasts erreicht man die Menschen noch mal anders“, sagt auch Nele Heise. Deswegen seien Podcasts ein attraktives Kommunikationsmittel für Prominente oder Instagram-Influencer, die sich ihren Anhängern von einer anderen Seite zeigen möchten. “

Einen Vorteil haben natürlich die Podcaster, die schon öffentlich bekannt sind. Ähnliches gilt für die Online-Nachrichtenportale von Spiegel, Die Zeit oder Süddeutscher Zeitung. „Medienverlage haben ohnehin ein großes Publikum, sie haben es einfacher als eine Einzelperson, die einfach so anfängt und sich ihre Reichweite erst erarbeiten muss“, sagt Heise.

Auch viele Nachrichtensendungen können als Podcast später angehört werden, meistens stellen öffentlich-rechtliche Sender sie in einer Mediathek bereit. Heutzutage sei es zudem nicht mehr so aufwendig wie in der Anfangszeit, einen Podcast in guter Qualität auf die Beine zu stellen, sagt Heise. „Man muss nur sein Smartphone auf den Tisch legen, eine Online-Plattform zum Hochladen finden und schon ist man dabei."

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Ein weiterer Aspekt bei der Beliebtheit von Podcasts ist die Verbindung, die Podcaster zu ihren Hörern aufbauen. „Podcasts sind oft persönlich, im Radio oder im Journalismus gibt es das eher weniger. Die Podcaster streuen Erlebnisse aus ihrem persönlichen Alltag in die Gespräche ein, wodurch sie eine besondere Nähe zu ihren Zuhörern schaffen“, erklärt Heise.

So schön es ist, private und manchmal auch intime Details aus dem Leben der Sprecher zu erfahren: Diese Nähe nutzen Podcaster mitunter auch aus. Viele Hosts, also die Personen, die den Podcast sprechen, verdienen Geld mit Werbung, besonders beliebt ist dabei das „native advertising“, übersetzt etwa vertraute Werbung.

Dabei spricht der Podcaster den Werbetext für ein Produkt selbst ein und lässt dabei häufig eine persönliche Geschichte einfließen, sodass die Werbung nicht sofort als diese erkannt wird und nah am Stil des restlichen Podcasts ist. „Das spielt mit dem Vertrauen, das die Hörer in den Host legen“, sagt Heise.

Der Host nehme die Rolle eines Meinungsführers ein und könne somit ein relativ großes Publikum zum Kauf anregen. Hörer sollten sich also des gezielten Marketings bewusst sein. Dank der Werbung sind die meisten Podcasts allerdings kostenlos, es gibt jedoch auch welche, die sich durch Spenden finanzieren und auf Werbung verzichten.

Mehrere Tausend Euro für Werbung in Podcasts

Die Hörer von Podcasts sind aus Marketing-Sicht eine sehr vielversprechende Zielgruppe. Der Online-Audio-Monitor hat ergeben, dass der größte Anteil der Podcast-Hörer in Deutschland bei den 20- bis 29-Jährigen und den 50- bis 59-Jährigen liegt.

Mehr als ein Viertel der Befragten in beiden Gruppen hören regelmäßig Podcasts oder Radiosendungen auf Abruf. Sowohl jüngere, und damit eher technikaffine, zählen also zu den Hörern als auch etwas ältere Menschen, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind.

Zudem haben laut Studie mehr als ein Drittel der Hörer eine hohe Bildung. Für den Gastgeber einer erfolgreichen Show ist es besonders lukrativ, Werbung zu schalten. Mehrere Tausend Euro kann ein großer Podcast laut Experten für das Nennen eines Produktnamens verlangen. Für den Großteil der Podcaster sind solche Zahlen jedoch utopisch, für sie geht es vor allem um die Leidenschaft für ein Thema.

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