28.000 Alleinerziehende in Bremen Was positiv daran ist, alleinerziehend zu sein

„Wir Menschen sind nicht darauf ausgelegt, 20 Jahre alleine ein Kind aufzuziehen“, sagt eine Ärztin. Haushalt, Job und Kinder sind kaum vereinbar. Was trotzdem positiv an der Kleinstfamilie ist.
19.08.2017, 20:56
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Elena Zelle und Catrin Frerichs

Morgens um 6 Uhr klingelt der Wecker. Aufstehen, Frühstück machen, Schulbrote schmieren, noch ein Kuss für die Kurzen, dann anziehen, schnell noch die Waschmaschine anwerfen, zur Arbeit hetzen. In der Mittagspause geht‘s zum Einkaufen, damit abends der Kühlschrank voll ist. Nach dem Job schnell zur Kita oder nach Hause, die Kinder warten schon. Abendessen zubereiten, noch eben die Mathehausaufgaben durchsprechen, ein bisschen kuscheln, vorlesen. Qualitätszeit mit den Kindern, wie es heißt. In der Küche stapelt sich derweil das Geschirr, die Wäsche hängt auch noch nicht an der Leine. Und der Bügelberg ist schon wieder gigantisch hoch. Feierabend ist frühestens um 22 Uhr.

Es ist nicht nur die Sorge ums Geld, die Alleinerziehende umtreibt. Alleinerziehende haben eigentlich drei Vollzeitjobs in einer Person zu bewältigen. Für jeden Handgriff sind sie allein zuständig, müssen alles allein richten und vieles allein entscheiden. Das kann mitunter nervenaufreibend sein. Sie sind Alleinunterhalter und Vollversorger, manchmal auch Vollverdiener, und voll für den Haushalt zuständig sowieso. Aber: Auch wenn es nicht so scheint – das Dasein als Alleinerziehender kann durchaus gute Seiten haben.

In jeder fünften Familie gibt es nur einen Elternteil

Allein sind Mütter und Väter mit dieser Situation ohnehin nicht: 1,6 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern leben in Deutschland, sagt Miriam Hoheisel, Bundesgeschäftsführerin vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV). Anders ausgedrückt: Hierzulande ist jede fünfte Familie eine Ein-Eltern-Familie. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. In 80 Prozent der Fälle steckt eine Scheidung oder Trennung dahinter, in sechs Prozent ist der andere Elternteil verstorben, der Rest ist von Anfang an alleinerziehend. In Bremen leben etwa 28.000 Alleinerziehende – und damit in fast jedem dritten Haushalt. 18.000 von ihnen haben minderjährige Kinder. Bremen ist das Bundesland, mit den meisten Alleinerziehenden. Tendenz weiter steigend.

Welche Schwierigkeiten das mit sich bringt, weiß Alexandra Widmer aus Erfahrung. Sie ist Buchautorin, Ärztin, Psychotherapeutin, Gründerin des Netzwerks „Stark und Alleinerziehend“ – und selbst alleinerziehende Mutter. So gebe es auf der einen Seite Druck von außen, wie die Arbeit, Ärger mit dem Ex-Partner etwa um das Sorgerecht, den Unterhalt oder in Erziehungsfragen; es gibt finanzielle und steuerliche Benachteiligung, Schwierigkeiten bei der Kinderbetreuung und bei alledem kaum Zeit für Erholung und sich selbst.

Wer in zwei kinderfreien Stunden nur putzt, tut sich keinen Gefallen

Viele Alleinerziehende verspüren auch einen inneren Druck, beschreibt Widmer: Sie glauben, keine Schwäche zeigen zu dürfen und somit niemanden um Hilfe bitten zu können. Oder sie haben das Gefühl, alleinerziehend keine gute Mutter beziehungsweise kein guter Vater und überhaupt keine richtige Familie mehr zu sein. All dies kann sehr schädlich für den Betroffenen sein – gesundheitlich und sozial. In der Situation etwas Positives zu sehen, ist zugegebenermaßen nicht ganz leicht.

Damit das trotzdem gelingt, ist es wichtig, auf sich selbst zu achten, betont Widmer. Das Risiko, an einer Depression zu erkranken, sei bei Alleinerziehenden deutlich erhöht. „Nur, wenn es dir gut geht, geht es auch deinem Kind gut“, sagt sie. Das klingt banal, Widmer sieht aber die Selbstfürsorge als wichtigste Basis an. Wer in zwei kinderfreien Stunden nur putzt, tut sich damit keinen Gefallen, glaubt sie. Wer hingegen einfach mal alles stehen und liegen lässt und schwimmen geht, tut sich – und somit auch seinem Kind – etwas Gutes.

Damit allein ist es aber noch nicht getan: „Es ist in dieser Lebensphase utopisch zu glauben, Job, Kinder und Haushalt unter einen Hut zu bekommen“, sagt Widmer. „Fehlende Vereinbarkeit beklagen ja schon klassische Familien.“ Deshalb sei es wichtig, sich Hilfe zu holen, im Zweifel auch professionelle Unterstützung. „Wir Menschen sind nicht darauf ausgelegt, 20 Jahre alleine ein Kind aufzuziehen.“

Netzwerk aus Freunden, Nachbarn und Angehörigen hilft

Was hilft, ist ein gutes Netzwerk aus Freunden, Nachbarn und Familienangehörigen – oder ein Gespräch bei der Erziehungsberatungsstelle, die bei kleinen und großen Problemen helfen kann. Die Nachbarsfamilie hat vielleicht Zeit, einmal in der Woche die Kinder zu bekochen. Oder die Nachbarin im Haus hütet abends ein, sofern sie selbst nichts vorhat. Absprachen und gemeinsame Unternehmungen mit anderen Eltern und deren Kindern können Freiräume schaffen und für Abwechslung sorgen.

„Allein erziehen ist sicher nichts, was man idealisieren würde.“ Die Stärken und Kompetenzen dieser Familienform würden aber meist völlig verkannt, sagt Bernadette Conrad. Sie ist Journalistin und Autorin des Buches „Die kleinste Familie der Welt“. Neben den Nachteilen gibt es aus ihrer Sicht auch Vorteile der Kleinstfamilie. Einer davon ist, dass man alles selbst gestalten kann. In ihrem Buch erzählt sie von einer alleinerziehenden Friseurin, die ihren eigenen Salon betreibt. Mit ihrer Tochter habe sich dort eine sehr harmonische Beziehung entwickelt.

Ein weiterer Vorteil laut Conrad: Man hat nur sich, daraus entwickeln sich oft engere Eltern-Kind-Beziehungen. Das Konzept „Wir zwei gegen den Rest der Welt“ hat indes Grenzen. Alleinerziehende sind gewissermaßen gezwungen, andere mit ins Boot zu holen, erklärt Conrad. Die Kleinstfamilie tut gut daran, ihren Horizont erweitern und sich anderen öffnen. „Das ist ein großer Gewinn für das Leben.“ Und zwar für alle Beteiligten.

Dieses Familienmodel fördert laut Conrad Fähigkeiten der Kinder wie Selbstständigkeit, Loyalität und Empathie. „Ob Mädchen oder Jungs, dieses Empathische und Loyale, das sind Eigenschaften, die stärker herausgefordert werden und die diese Kinder auch zeigen.“ Conrad rät, immer das zu nutzen und zu schätzen, was an der eigenen Situation speziell ist. Alleinerziehende sollten stolz darauf sein, wie sie die Schwierigkeiten meistern. So fällt es leichter, der Situation auch Positives abzugewinnen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+