Viel gewagt, alles gewonnen: Theater Bremen erfrischt sein Publikum mit „Les robots . . .“ Weg mit dem Sockel

Bremen. Die Band „Wir sind Helden“ hat es schon vor Jahren erkannt. „Hol‘ den Vorschlaghammer“ forderte Sängerin Judith Holofernes, denn: „Sie haben uns ein Denkmal gebaut“.
06.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Weg mit dem Sockel
Von Iris Hetscher

Die Band „Wir sind Helden“ hat es schon vor Jahren erkannt. „Hol‘ den Vorschlaghammer“ forderte Sängerin Judith Holofernes, denn: „Sie haben uns ein Denkmal gebaut“. Sobald dies mit einem Paar passiert, ist es bald vorbei mit der Liebe – Idealisierung führt zu Erstarrung. Das ist der Anfang vom Ende. Den Vorschlaghammer haben Benedikt von Peter, Monika Gintersdorfer, Markus Poschner und ihr – das sei schon mal gesagt – großartiges Team nicht geschwungen. Aber auch am Theater Bremen ist am Wochenende ein Sockel lustvoll zertrümmert worden, um mit seinen Bausteinen ein Kurzzeit-Labor zu bauen.

„Les robots ne connaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail“ heißt die Produktion, die an zwei Abenden zu sehen war. Die Oper „entmystifizieren“ wolle man, hatte das Team vorher gesagt. Es kann gar nicht genug solcher Versuche geben, um dieser so wundervollen wie leider bei vielen Menschen als schwierig, verstaubt und langweilig geltenden Kunst mehr Verständnis und Fans zu verschaffen. Wenn man es so anpackt wie in „Les robots . . .“, dann ist das ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung, weil hier auch noch gekonnt die Banalisierungs-Klippe umschifft wird, die solchen Bemühungen zwangsläufig innewohnt.

Was passiert? Die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Poschner sowie Nerita Pokvytyté, Hyojong Kim und Patrick Zielke aus dem Bremer Opernensemble mitsamt Gastsängerin Nicole Chevalier treffen auf die quirligen Performer von Gintersdorfer/Klaßen, die von der Elfenbeinküste stammen. Dort kennt man keine Opern. Auch Ted Gaier von der Hamburger Punkband „Die Goldenen Zitronen“ ist dabei, auch er qua Amt nicht direkt opernaffin. Alle zusammen entblättern Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“: die Culture-Clash-Geschichte der Entführung der Europäerinnen Constanze und Blonde in die Türkei und in die Gewalt von Osmin und Bassa Selim. Das Publikum ist eingeladen, mittendrin und ganz nah dran zu sein, man kann herumlaufen, sich auf die Bühne setzen oder in den Zuschauerraum. Alles ist in Bewegung, überall, auch die Sprache. Das Französische der Ivorer wird von Schauspieler Hauke Heumann übersetzt – Heumann ist als schnodderig-quecksilbriger Moderator überhaupt ein Gewinn. Die Geschichte wird erzählt, ausgewählte Arien werden gesungen, und alle machen sich dann ihre Gedanken dazu oder auch: „Die Oper singt von der Liebe, wir singen die Analyse“. Die kann tänzerischer Art sein, dann setzen Franck Edmond Yao, SKelly und Gotta Depri die kunstvoll komponierte Musik Mozarts mal in zackig-ironische, mal in geschmeidige Bewegungen um und animieren ihre Opern-Kollegen zu schweißtreibenden Tänzen. Das kann musikalischer Art sein: Wolfgang Amadeus plus Elektro-Beat oder Turk-Pop. Das ist inhaltlich: Das romantische, stets mit Leiden und Verzicht einhergehende Liebeskonstrukt trifft auf ein Verständnis von Lust und Zuneigung, das strikt pragmatisch ist – da wird beispielsweise über die Verknüpfung von Liebe und Geld gestritten, die in Europa als pfui gilt. Die Ivorer dagegen vertreten die Gleichung: „Geld und Liebe gleich große Liebe“. Und warum sollte man die nicht beweisen, indem man seine Süße im Ferrari herumkutschiert? Ähnlicher Ansicht sind übrigens auch die Pet Shop Boys, deren „Love is a bourgeois construct“ folgerichtig erklingt. Auch die Figur des finsteren Haremswächters Osmin wird hinterfragt: Was würdest du tun, wenn du die Schule versemmelt hast und dann nur einen Job als Bodyguard beim Pascha bekommst? Gnade gibt es für das böse Treiben Osmins trotzdem nicht – denn auch eine miese Kindheit berechtigt nicht dazu, in Selbstmitleid zu versinken, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund.

Auch die Oper als reglementierte Form, die nicht nur Talent, sondern (Gesangs-)Technik und klare Abläufe verlangt, ist Thema. Patrick Zielke macht sich in seinem „Parameter-Song“ über die Selbstzweifel und den genau getakteten Alltag eines Opernsängers Gedanken. Nicole Chevalier gibt die hoch komplizierte Arie der Constanze „Martern aller Arten“ mit den Anmerkungen, wann was wie zu singen sei. Bewertet wird das alles nicht, sondern nebeneinandergestellt. Ob dem europäischen Opernbetrieb mehr Lässigkeit und eine (noch) radikalere Dekonstruktion der zopfigen Inhalte guttun würde oder die Performance-Gruppe jetzt über geregeltere Abläufe nachdenkt – kann sein. Auf jeden Fall dürfte dieses theatrale Experiment für alle Beteiligten erfrischend gewesen sein. Auch für die Zuschauer, die sich schnell von dem Humor und der Energie anstecken ließen und zudem auch noch tadellose musikalische Leistungen geboten bekamen. Zum Schluss herrschte beinahe Partystimmung, das Publikum feierte Ensemble und Regie. Gibt es etwas zu bemäkeln? Durchaus: Das Stück soll in Bremen nicht mehr zu sehen sein, sondern demnächst nur noch in Hamburg und Berlin. Schade.

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