Kommentar über das Bauhaus Wegbereiter der Moderne

Deutschland feiert 100 Jahre Bauhaus. Die Verdienste der kurzlebigen Kunstschule sind nicht hoch genug zu schätzen, kommentiert Sebastian Krüger.
01.04.2019, 12:40
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Wegbereiter der Moderne
Von Sebastian Krüger

Vor 100 Jahren hat Walter Gropius Geschichte geschrieben. Mit der Zusammenlegung zweier Weimarer Kunstschulen entstand am 1. April 1919 unter seiner Führung die Kunstschule Staatliches Bauhaus. Bundesweit stehen im großen Stil Feierlichkeiten zum Jubiläum an. Warum aber sollte man eine Kunstschule feiern, die nach nur 14 Jahren wieder geschlossen wurde? Weil das Bauhaus zu den bedeutendsten kulturellen Projekten Deutschlands im 20. Jahrhundert gehört.

In den Anfangsjahren der ersten deutschen Demokratie herrschte in der Kunstwelt eine Aufbruchstimmung. Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs wollte der Architekt Gropius die Welt neu gestalten. An Geltung mangelte es dem Freigeist und seiner Schule nicht: Mit Johannes Itten, Wassily Kandinsky und Paul Klee unterrichteten dort Künstler von Weltrang. Zu Beginn der Ausbildung erlernten die Studenten gemeinsam handwerkliche Grundkenntnisse, später folgte die künstlerische Spezialisierung in einer der Werkstätten. Künstler müssen auch Handwerker sein – dieser pädagogische Ansatz findet sich noch heute in vielen Kunsthochschulen.

Die verschiedenen Disziplinen und Gewerke waren für Gropius gleichberechtigt. Die Malerei sollte nicht länger die unausgesprochene Vormachtstellung im Kunstbereich innehaben. Verewigten sich die Alten Meister vor allem auf Leinwänden und Fresken, gehört eine Kinderwiege aus Stahl und Naturrohr in den Primärfarben zu den bekanntesten Produkten des Bauhauses.

Kunst im Alltag

Während Kunstwerke bis dato vor allem Prestigeobjekte waren, mit dem sich der wohlhabende Teil der Bevölkerung brüstete, sollten die Bauhaus-Produkte für die breite Masse erschwinglich sein. Die industrielle Herstellung senkte die Kosten und ermöglichte es so auch Normalsterblichen, sich ein Stück Kunstgeschichte ins Wohnzimmer zu stellen. Die Bauhaus-Produkte waren daher alltägliche Gegenstände wie Teekannen oder Lampen. Eine schöne Idee: Kunst als etwas, das benutzt werden soll und nichts, was man sich bloß an die Wand hängt.

Die Neuerungen in der Architektur waren radikal. Die reduzierte Gestaltung stellte eine Abkehr dar vom Jugendstil mit seinen vielen geschwungenen, rein schmückenden Elementen. Gerade Linien, glatte Flächen und quadratische Formen prägten die Häuser der Bauhaus-Künstler. Moderne Materialien wie Glas, Stahl und Beton kamen zum Einsatz. Trotz Massenanfertigung und Baukastenprinzip sollten die Materialien hochwertig und das Gesamtbild ästhetisch ansprechend sein. Das Bauhaus verband Form und Funktion auf nie dagewesene Weise: keine Schönheit ohne Zweck. Kein Platz wurde verschwendet, kein Fleckchen Wohnfläche verschenkt.

Lehren für die Gegenwart

Gerade hier ist das Vermächtnis der Schule aktueller denn je. Heute zwingen Landflucht und explodierende Mietkosten immer mehr Stadtbewohner zu einem Leben auf engem Raum. Ausladende Esstische und frei stehende Kommoden passen kaum in eine 1,5-Zimmer-Wohnung. Trotz der effizienten Platznutzung legten die Bauhaus-Architekten mit Grünflächen und hellen Räumen Wert auf ein menschenwürdiges Umfeld. „Volksbedarf statt Luxusbedarf!“, forderte Gropius' Nachfolger Hannes Meyer. Kunst und Architektur hätten dem Wohl aller Menschen zu dienen. Viele Städte und Kommunen täten gut daran, diesen Grundsatz heute wieder beim Wohnungsbau häufiger zu berücksichtigen.

Nach nur 14 Jahren Bauhaus machten die Nazis die Schule dicht. Viele Künstler mussten fliehen und trugen ihre Ideen so in die ganze Welt. Gropius und der spätere Direktor Ludwig Mies van der Rohe arbeiteten in den USA weiter. In Tel Aviv waren Bauhaus-Künstler daran beteiligt, die „Weiße Stadt“ zu entwerfen – mit mehr als 4000 Gebäuden die weltweit größte Sammlung im Bauhaus-Stil. Stühle und Salzstreuer im Bauhaus-Design stehen heute in vielen Wohnungen.

Zugegeben, manche Bauhaus-Produkte werden mit Verweis auf den geschichtsträchtigen Hintergrund zu Preisen gehandelt, die das Budget eines Geringverdieners weit übersteigen. Kunst ist zuweilen leider doch etwas Exklusives. Gropius und seine Mitstreiter jedoch haben das Wohnen geprägt wie kaum eine andere Bewegung. Sie haben Architektur neu gedacht und Inneneinrichtung revolutioniert. Ihre Neuerungen sind in Sozialbausiedlungen ebenso zu beobachten wie in Luxusappartements. Von Südamerika bis Asien steht Bauhaus für modernes Design. Die Künstlerinnen und Künstler wollten die Welt verändern. Und das haben sie geschafft.

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