Charles Jackson wird wiederentdeckt Wenn der Suff die Feder führt

Bremen. Alkohol ist ambivalent – und hat bei Missbrauch fatale Folgen.
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Wenn der Suff die Feder führt
Von Hendrik Werner

. Alkohol ist ambivalent – und hat bei Missbrauch fatale Folgen. Das wusste schon Odin: „Klebt nicht am Becher, trinkt Bier mit Maß.“ Von Maßlosigkeit handelten zuletzt auffällig viele neue Bücher. So schrieben Immer-noch-Trinker Peter Wawerzinek („Schluckspecht“) und Nicht-mehr-Trinker Simon Borowiak („Sucht“) kluge Romane über ihr janusköpfiges Verhältnis zum Suff. Daniel Schreiber analysierte in dem Essay „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“ seine durch Gewohnheit und Verleugnung erst nur schleichend, später massiv gewachsene Suchtanfälligkeit.

Jetzt ist im Dörlemann-Verlag in Gestalt einer schmucken Neuausgabe ein weiterer Titel erschienen, der den verführungsmächtigen Teufel Alkohol thematisiert: Charles Jacksons autobiografisch grundierter Trinkerroman „Das verlorene Wochenende“ entstand 1944 (und wurde 1945 von Billy Wilder verfilmt). Die in Prosa gehaltene Studie einer Abhängigkeit erzählt vom New Yorker Autor Don Birnam, der Erfolglosigkeit und Selbstzweifel durch enthemmtes Trinken zu kompensieren versucht. An dem Wochenende, das der Titel des zugleich deprimierenden und bewegenden Romans als verloren ausweist, soll der Protagonist mit seinem Bruder aufs Land fahren. Diesen Plan wendet Don Birnam unter einem Vorwand ab, um sich dem Alkohol hinzugeben. Sein Trip, ein Nachtmahr, beginnt in einer Bar – und endet noch nicht auf der Entgiftungsstation eines Hospitals.

Zwischen Selbstmitleid und Selbsterniedrigung, Omnipotenzfantasie und Delirium wechseln die Zustände des Don Birnam. Sein Credo (wie auch das von Charles Jackson, der sich 1968 das Leben nahm): „Trinken und weiter trinken bis zur Besinnungslosigkeit; und morgen wieder trinken.“ Der Roman ist glänzend erzählt, und er gewährt Einblicke in die Abgründe von Alkoholikern. Zudem ist er ein erschütterndes Dokument über einen begabten Romancier, dem auf Erden nicht zu helfen war.

Charles Jackson: Das verlorene Wochenende. A. d. Engl. v. Bettina Abarbanell. Dörlemann, Zürich. 352 Seiten, 24,90 .

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