Das Theaterexperiment „World of Reason“ im Kleinen Haus ist oft mit Stillstand und Leerlauf gewürzt

Wenn Ventilatoren sprechen

Bremen. Theaterleute behaupten, im Theater würde der Bühnenraum auch stets einen Bedeutungsraum darstellen. Ziemlich schwarz präsentiert sich vor diesem Hintergrund der Bedeutungsraum bei „World of Reason“: Die Welt, sie ist dunkel – aber gut gelüftet.
16.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sven Garbade

Theaterleute behaupten, im Theater würde der Bühnenraum auch stets einen Bedeutungsraum darstellen. Ziemlich schwarz präsentiert sich vor diesem Hintergrund der Bedeutungsraum bei „World of Reason“: Die Welt, sie ist dunkel – aber gut gelüftet. Denn von der Decke baumelt hier ein Ventilator herab, der über eine lange Eröffnungssequenz das tut, was ein Ventilator am besten kann: Er ventiliert. Und er schraubt sich in endlosen brummenden Bögen durch die Bühnenluft.

Mit den Inszenierungen von Alexander Giesche möchte das Bremer Theater ein wenig Performance-Kultur in den Spielplan bringen. Bei der Premiere halten sich unterhaltsame und wunderliche Eindrücke die Waage. Star des Abends: Ein Ventilator, der philosophische Fragen mit frischer Luft auflockern will. Setzt dieses seelenlose Elektrogerät damit bereits der „Welt der Vernunft“ einen Kommentar entgegen?

Tja. Man weiß es eben alles nicht so genau an diesem Abend, der seinem Publikum (ähnlich wie in den zuvor gezeigten Arbeiten von Giesche und seiner Ausstatterin Nadia Fistarol) viel Zeit gönnt, über solche Fragen nachzudenken. Möglicherweise sind hier jene Zuschauer im Vorteil, die sich mit dem Diskurs der bildenden Kunst befasst haben. Dort gibt es nämlich nicht jenen Effekt, den der Theaterfreund als Stillstand oder gar Leerlauf empfindet. Dieses sonderbare Nichts, wo mit den Schuhspitzen gewippt und die Scheinwerfer unter der Decke gezählt werden. Mit solchem Leerlauf ist diese Aufführung stark gewürzt – obgleich nach und nach dann doch einige Dinge passieren.

Eine Frau und ein Mann stehen vor einer Videowand und betrachten die Zuschauer wie Tiere im Zoo; mit herablassender, ja zoologischer Neugierde. Im Hintergrund sieht man Bilder, wie die beiden sich in eine Zentrifuge schnallen lassen – ein Gerät, von dem man meint, dass einst ein gewisser James Bond damit als „Moonraker“ übel gequält wurde. Hier wird aber nur sachte geschleudert. Die Zukunft, sie scheint mal wieder aseptisch hell und ungewiss zu werden.

Eine traumwandlerische Unerklärbarkeit regiert hier also, futuristisch und lebensfern wie ein Leben auf dem Mond. Oft bewegen sich die beiden Schauspieler Nadine Geyersbach und Andy Zondag in recht hübschen Zeitlupen-Tänzen – und manchmal sprechen sie auch. Sie geraten dann in philosophische Fragespiele, die dicht an der Grenze zur Schwafelei segeln: „Das Gefühl oszilliert zwischen Empathie und Apathie, Begeisterung schwingt zum Fanatismus.“ Wohl wahr, denn in der Tat marschieren die beiden kurz darauf durch den Bühnennebel und pflanzen die schwarzen Fahnen des Islamischen Staates auf. Böse knattern die in der Bühnendruckluft. In solchen Momenten gerät das Bildertheater fraglos beängstigend.

Etwas später gibt es noch eine interessante Szene: Geyersbach sitzt auf einem Podest und lässt die Füße in einem Aquarium von Fischen anknabbern. Dazu stellt Zondag Fragen: Was sie zu den großen Problemen unserer Zeit sagen könnte, will er wissen. „Russland?“ Antwort: „Nicht witzig!“ „Griechenland?“ „Sehr witzig!“ Mit diesem offensichtlich idiotischen Bewertungsschema schmettert sie Dutzende Fragen ab – und grinst glücklich. In einer Internet-Welt voller Kommunikation per Smileys scheint der Sinn irgendwie dezimiert zu sein. Die Szene entwickelt eine seltsame gedankliche Reibung, eben weil sie so skurril und hilflos zugleich daherkommt.

Weniger überzeugen können die Phasen voller gedankenfreier Umbauarbeiten: Absperrbänder werden mal hierhin, mal dorthin gestellt. Das dauert, und dauert. Manchmal rumpeln Musiken auf einem unverschämt hohen Energie-Level herein – zumindest findet diese Energie keine Entsprechung in den Körpern der Performer. Da regiert bei Giesche ein mutiger Wille, die Gesetze des Theaters fröhlich zu ignorieren. An diesem Abend rettet sich das Projekt jedoch noch halbwegs, weil mit Geyersbach und Zondag zwei Performer zur Verfügung stehen, die auch gewisse Fähigkeiten als Komiker an den Tag legen. Die eindrucksvollste Szene ist jedoch völlig unkomisch: Eine verschleierte Frau in Burka dreht sich auf einem Präsentierteller, während dazu eine verfremdete Version des Hits „Nothing compares to you“ von Herzschmerzen berichtet. Man kann das Rätsel dieses Bildes nicht im Ansatz lüften, gleichwohl es eine dunkle Relevanz zu besitzen scheint. Es trifft sozusagen mitten ins Schwarze.

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