Linguist untersucht Redegewohnheiten nach Mauerfall „Westdeutsch“ als Zweitsprache

Broiler oder Brathähnchen? Mit dem Mauerfall 1989 prallten nicht nur Lebens- und Denkweisen, sondern auch Sprachgewohnheiten aus Ost und West aufeinander.
15.06.2014, 00:00
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Von ULRIKE VON LESZCZYNSKI .

Broiler oder Brathähnchen? Mit dem Mauerfall 1989 prallten nicht nur Lebens- und Denkweisen, sondern auch Sprachgewohnheiten aus Ost und West aufeinander.

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„Ham wa nich“ bekommt so mancher Gast im Osten Berlins zu hören, wenn im Restaurant die Buletten ausgegangen sind. Für den Touristen mag die schroffe Berliner Schnauze gewöhnungsbedürftig sein, Sprachforscher wundern sich weniger. Denn im Osten der Hauptstadt war der schnoddrige Berliner Dialekt zu DDR-Zeiten gewollt und beliebt, schon als subtile Verteidigungsstrategie gegen das Sächsische. Im Westen dagegen war penetrantes Berlinern nach dem Zweiten Weltkrieg verpönt, es galt als proletarisch. Mit dem Mauerfall 1989 prallten nicht nur in Berlin Sprachgewohnheiten aus Ost und West aufeinander. Ob Wortwahl oder Kommunikationsgewohnheiten – für Sprachforscher Norbert Dittmar ist die sprachliche Wiedervereinigung seit mehr als zehn Jahren abgeschlossen. Das heißt, Worte und Codes haben heute in Ost und West eine identische Bedeutung.

Das war nicht immer so. Doch Wiedervereinigung ist für den Linguisten Manfred Hellmann das falsche Wort. „Das war eine sprachliche Übernahme“, sagt er. Und die enorme Anpassungsleistung haben demnach die Ostdeutschen fast allein erbracht. Von 1964 bis 2001 hat Hellmann als Wissenschaftler für das Institut für Deutsche Sprache (IDS) die Redegewohnheiten im Osten studiert. Die Wendezeit ist ihm dabei als sprachlich-kommunikatives Chaos in Erinnerung geblieben. Viele DDR-Bürger mussten „Westdeutsch“ wie eine Zweitsprache lernen, wie Hellmann sagt.

Es hieß jetzt Personalakte statt Kaderakte und Team statt Kollektiv. Es gab auch Wörter, die gleich aussahen, aber eine andere Bedeutung hatten wie Bilanz, Bewusstsein oder Freiheit. Und während der Westdeutsche locker „ich“ sagte, sprach der Ostdeutsche lieber von „man“ oder „wir“; eine Folge von unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, die 40 Jahre lang getrennt waren.

„Die Ostdeutschen mussten alle neuen Bezeichnungen und Codes lernen, um sich zurechtzufinden“, sagt Doris Steffens. Früher forschte sie in Ost-Berlin, heute am IDS in Mannheim. „Zum Beispiel war das Wort Angebot im Sinne von günstig in der DDR nicht geläufig“, berichtet sie. „Wir waren ja schon froh, wenn bestimmte Waren überhaupt angeboten wurden.“

Am liebsten hätte die DDR eine vierte Variante des Deutschen etabliert, neben der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich. „Aber da haben die meisten Wissenschaftler nicht mitgemacht“, betont Steffens. Auch in der Bevölkerung hätten sich Wörter wie „Nietenhose“ für die begehrte Jeans aus dem Westen nie durchgesetzt. Und dass jemand in der DDR „Jahresendflügelfigur“ zum Weihnachtsengel gesagt habe, sei schlicht eine Wende-Legende. Den Begriff habe es als Verpackungsaufdruck im Handel gegeben, sagt die Forscherin. „Aber so hat doch bei uns kein Mensch gesprochen.“

Bald nach dem Mauerfall verschwanden fast alle Wörter und Begriffe, die an das DDR-System gebunden waren, weil die Institutionen auch verschwanden. Neu hinzu kam dafür in beiden deutschen Hälften ein „Wendewortschatz“ als Reaktion auf die politischen Ereignisse: Botschaftsflüchtling, Übersiedlerflut, Wendehals oder Hierbleiber. Doch das waren temporäre Begriffe, die bald wieder verschwanden.

Sprachforscher haben 1989 allerdings nicht damit gerechnet, dass auch Teile des Wortschatzes aus der DDR-Alltagssprache verloren gehen würden, wenn es dafür im Westen andere Begriffe gab: Supermarkt statt Kaufhalle, Tiefkühlgemüse statt Feinfrost. Aber es passiert einfach, und sei es, weil sich Ostdeutsche nicht sofort als „Ossis“ outen wollten. Nur eine Handvoll spezifisch ostdeutscher Wörter fand Eingang in die westdeutsche Alltagssprache. Bis heute gehören „abnicken“ und „angedacht“ dazu. Dafür eint Ost und West bis heute ein gemeinsames Wörter-Erbe aus der Zeit um und kurz nach 1989 – von Mauerfall über Einigungsvertrag bis Stasi-Akte. „Die Wende“ ist Stichwort im Universalwörterbuch geworden. Und auch Berlin habe sich sprachlich verändert, sagt der Soziolinguist Peter Schlobinski. Der Osten berlinere durch viele Zugezogene in den Szene-Kiezen ein bisschen weniger, der Westen dafür ein bisschen mehr. Auch eine Art von Annäherung.

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